Jahrgang 
1 (1879)
Seite
310
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Concordia.

Ich gebe Ihnen zu, meine Methode iſt ein wenig hart; die Folter iſt aber ſchlimmer.

Die Nacht war angebrochen. In dem Zimmer, wo Car⸗ touche dem Bunde beigetreten, waren die Mitglieder deſſelben mit Ausnahme Marguerite's verſammelt. Das Ausbleiben um jetzige Zeit erweckte die Beſorgniß Aller.

Wird man ſie ergriffen haben? lautete die nicht an⸗ genehme Frage.

Es mag ſein, erwiderte Orgowani oder Vileebrais; aber das wird uns wenig ſchaden, das Mädchen hat Charakter, es wird uns nicht verrathen.

Herr d'Argenſon hat eine eigene Manier, Geſtändniſſe zu erpreſſen. Ihr kennt dieſelbe. Wird Marguerite's Körper die Qualen aushalten? Ich ſelbſt habe einmal vor dem Generalpolizeilieutenant geſtanden und weiß, daß die Narben noch heute nicht entſchwunden ſind, ſagte Adelaide.

Eine tiefe Pauſe entſtand, Jeder fühlte eine Beklemmung. Endlich gab Dominique derſelben Ausdruck.

So ſind wir hier, ſo ſind wir in unſeren Wohnungen nicht ſicher. Suchen wir uns andere, einen anderen Mittel⸗ punkt. Wir laſſen Manches. Mag es. Bewaffnen wir uns und zerbrechen wir den Kreis, welcher uns vielleicht ſchon umſchließt. Wenigſtens lebendig ſollen ſie mich nicht be⸗ kommen!

Ich glaube es nicht, nahm Bras de fer das Wort,daß Marguerite bekannt hat, die Schergen wären ſchon da. Iſt es denn überhaupt gewiß, daß das Schlimmſte eingetreten?

Warum iſt ſie nicht zur Stelle? verſetzte Madame Adelaide.

Bahl⸗

Der Ton einer Glocke ließ ſich in der Entfernung hören.

Da iſt ſie!

Oder der Feind, die Polizei, rief Cartouche.

Ja die Polizei, die Schützen.

Durch die Niederlage, den Gang!

An der wilden Flucht der Anderen nach dem verborgenen Gange, der ſeinen Ausgang nach der Rue Aubri le Boucher hatte, betheiligten ſich weder Cartouche noch Lami. Letzterer hatte Dominique an die Hand gefaßt.

Folge mir, Bruder.

Er riß das Fenſter auf und ſprang auf den kleinen Hof hinaus. Dominique folgte.

Und die Anderen? erinnerte er.

Sie ſind ihrem Schickſale verfallen. Vorwärts!

Hinter ihnen krachten Schüſſe, wildes Kampfgetöſe. Joſef Lami öffnete eine Thür, eine Treppe zeigte ſich ſie flogen dieſelbe empor, eine Leiter die Beiden klommen hinan; Lami lauſchte. Das Getöſe dauerte fort.

Bras de fer macht ihnen Arbeit, lächelte er,das rettet uns. Vorwärts! Wir müſſen dieſe Galerie entlang kriechen, dann rechts auf die Dächer. So werden wir zu dem Zimmer eines Mädchens gelangen, das ich kenne. Das gute Geſchöpf wird uns aus der Gefahr helfen.

Lami hatte recht, Bras de fer machte den Polizeiſoldaten Arbeit, und nicht er allein vertheidigte ſich verzweifelt. Als er in die Niederlage ſtürzte, war dieſe ſchon von der Maré⸗ chauſſée beſetzt, die leiſe durch den unterirdiſchen Gang ſich genaht hatte. Drei Polizeiſoldaten warfen ſich auf ihn

er ſchleuderte ſie zurück, riß ſeine Waffen heraus und hieb und ſchoß verzweifelt um ſich. Auch Orgowani ſchlug ſich

mit einer Kraft, die einer beſſeren Sache würdig geweſen wäre. Der Muth der Verzweiflung hatte ebenfalls Griſſet und Madame Adelaide ergriffen. Ein wirres Handgemenge, ein wildes Durcheinander herrſchte an fünf Minuten. Hier das Aechzen eines Verwundeten, dort ein gellender Sterbelaut. Endlich hatte die Uebermacht geſiegt. 4

Auf dem Kampfplatze lag mit geſpaltenem Haupte Madame Adelaide, eine Kugel im Herzen Orgowani, mit den ge⸗ brochenen, weit aufſtehenden Augen dem Feinde gleichſam noch drohend. Auch Griſſet befand ſich nur als halbe Leiche in den Händen der Häſcher in wenigen Minuten verſchied er. Der Einzige, der lebend ergriffen war und der wild an ſeinen Banden riß, war der Deutſche. Wäre er nicht ausgeglitten, hätten noch mehr Polizeiſoldaten ſeine wilde Stärke empfunden, die ihrer zwei ſchon in das Schattenreich geſendet, zwei zu Krüpppeln gemacht hatte.

Bras de fer war vierfach verwundet; aber die Verletzungen waren nicht tödtlich. Man ſchleppte ihn in's Freie, warf ihn in ein bereitſtehendes Fuhrwerk und fuhr ihn in das Chatelet. Ehe er daſſelbe erreichte, war er aber todt. Wie er Gelegen⸗ heit fand, das Fläſchchen zu leeren, welches man bei ihm fand, iſt ein Räthſel geblieben.

Herr d'Argenſon jubelte, daß die Bande, welche ſeinen Nachforſchungen bisher entgangen war, vernichtet ſei; er ahnte nicht, daß die beiden gefährlichſten Verbrecher ſich gerettet hatten. Die gepeitſchte Marguerite hatte vier Mitſchuldige genannt, vier Leichen waren da, es konnte demnach Keiner der rächenden Nemeſis entgangen ſein. Hätten Cartouche und Lami gewußt, daß der Generalpolizeilieutenant von ihrer Exiſtenz keine Ahnung hatte, ſie wären in Paris geblieben, ſo hielten ſie es für das Beſte, ſogleich in die Provinz zu fliehen und dieſe zum Schauplatze ihrer Thaten zu machen.

Ehe Dominique die Umgegend von Paris aber gänzlich verließ, ging er nach Meudon, wo Sidi mit ihrem Kinde lebte. Er hatte ſeinen Ueberfluß ihr immer übergeben, ſodaß er ſie vor Noth geſichert wußte; der Vater wollte ſeinen Sohn nur noch einmal umarmen.

Du bleibſt mir doch treu? fragte Sidi beim Abſchied.

Närrchen, antwortete er ſcherzend.

Und ſehen wir uns wieder?

Wenn nicht der Tod mit mir Hochzeit hält, ja.

Nun, mit dem wollte ich Dich lieber koſen ſehen, als mit einem Weibe Dominique, wenn der Gedanke mich packt, daß Du mir untreu werden könnteſt, ſo vermöchte ich unſer Kind zu tödten, ſo ergreift mich eine Wuth

Nimm Dich vor Wahnſinn in Acht, Sidi, daß Du nicht Dich, nicht unſeren Knaben verderbeſt. Nimm Deine Zunge wahr, daß es nicht Niemand, ſelbſt meine Gefährten und Brüder nicht, kannten oder, wenn ſie noch leben, kennen Deinen Aufenthaltsort. Vorſicht, und Dir droht keine Gefahr. Lebe wohl. Auf Wiederſehen!

7. Kapitel. Zurückgekehrt. Monate waren verfloſſen, und Sidi hatte nichts von dem Vater ihres Sohnes vernommen. In banger Sorge lebte ſie

um den Geliebten. Wie oft ſaß nicht das junge Weib anf

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