Jahrgang 
1 (1879)
Seite
308
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308 Concordia.

und jener Räuberei, wenn ich auf jede ſolcher Ausſchreibung auf dieſe oder jene Weiſe die Erklärung erhalte, daß man mir Dank ſage für die Aufmerkſamkeit, welche ich den Thätern erweiſe?

Und dieſe Frechheit hat Sie nicht zur Auffindung des Thäters führen können? fragte Lefèvre.

Nein, Herr Parlamentsrath, ich habe alle Mittel erſchöpft, die mir zutheil geworden. Dreißigtauſend Livres habe ich in einem Monat mehr für Spionage ausgegeben, als ge⸗ wöhnlich.

Sie haben Erklärungen erhalten doch ſchriftliche?

Gewiß.

Iſt die Handſchrift immer ein und dieſelbe?

Meiſtentheils.

Wollen Sie mir einige dieſer Briefe zeigen?

Hier ſind ſie, lieber Parlamentsrath.

Lefevre trat zu dem Tiſche, auf welchen d'Argenſon ein Packet Briefe legte, und ſchaute mit prüfenden Blicken auf die Schriftzüge. La Gule wie der Generalpolizeilieutenant blickten erwartungsvoll auf das runde, weiße Geſicht mit den grauen klugen Augen.

Wahrlich, hob jetzt Lefévre an,da liegt viel Räthſel⸗ haftes in dieſen Zügen, nicht weil ſie verſtellt ſind das würde mich weniger täuſchen; aber weil der Schreiber bald mir wie ein Gelehrter, bald wie ein Kriegsmann, bald wie ein Handwerker, bald wie ein geborener Fürſt erſcheint. In der That, Herr Generalpolizeilieutenant, Sie haben einen höchſt intelligenten und vor nichts zurückſchreckenden Gegner.

In dieſem Augenblick trat der Kammerdiener des erſten franzöſiſchen Sicherheitsbeamten ein und meldete den Herrn de Villeneuve.

Kennen Sie ihn? fragte d'Argenſon die Parlaments⸗ räthe. Beide verneinten.

Sie werden in ihm einen Mann kennen lernen, den die Sicherheit nicht hoch genug halten kann. Dieſer junge Edel⸗ mann hat die beſten Anlagen, mein Nachfolger zu werden. Ich habe ihn in den ſechs Monaten, in den ich ihn zu kennen die Ehre hatte, öfter in meinen Kreis gezogen und einen ſelten ſcharfen Blick wie auch glückliche Kombinationsgabe an ihm kennen gelernt. Erlauben Sie, daß ich den Herrn Ihnen vorſtelle.

Er winkte, der Kammerdiener ging eine Minute ſpäter trat Ernſt de Villeneuve ein.

Der Generalpolizeilieutenant machte die Herren mit ein⸗ ander bekannt, ſodann kam der junge Edelmann auf den Zweck ſeines Beſuches.

Ich glaube den Zielpunkt gefunden zu haben, ſagte er, auf den wir zugehen müſſen, wollen wir Herr über die Verbrechen und ihre Urheber werden, die Ihre Aufmerkſam⸗ keit, Herr d'Argenſon, in ſo hohem Maße erregt haben.

Den Zielpunkt?! rief dieſer.Reden Sie, reden Sie, theuerſter Freund.

Sie erinnern ſich, daß Sie mir die Schreiben zeigten, welche Ihnen förmlich Hohn entgegenſetzten.

Jene Schreiben! Ganz richtig, ganz wahr. Da liegen ſie. Herr Parlamentsrath Lefévre hat ſie ſich eben ange⸗ ſehen. Der Herr Parlamentsrath iſt ein Handſchriftenkenner comme il faut.

Sehr gut, ſo trifft es ſich herrlich wir werden dann ſehr leicht zum Abſchluß kommen.

So reden Sie, theuerſter Freund wir ſind auf Ihre Berichte geſpannt!

Statt der Antwort zog Villeneuve ein zierlich zuſam men⸗ gefaltetes Schreiben auf roſa Papier hervor und überreichte es d'Argenſon. Dieſer nahm den Brief und gab ihn dem Parlamentsrath.

Von einer und derſelben Hand, lautete Lefévre's Gut⸗ achten.

Und wo wo haben Sie den Brief her? fragte der Generalpolizeilieutenant.

Haben Sie den Inhalt geleſen?

Gewiß! Es iſt ein Drohbrief an den Bankier van der Staak. Das erſte Mal, daß dies mit meinem Wiſſen geſchehen. Wenn Sie ihn nur von dem Empfänger beſitzen, ſo wird der Sache wenig geholfen werden. Aber Sie haben recht, ſo klug die Schurken ſind, vielleicht gehen ſie in die Falle und laſſen ſich am Pont neuf ergreifen.

Das wird nicht nöthig ſein; wir haben die Ueberbringerin angehalten, erwiderte Ernſt.

D'Argenſon machte einen Luftſprung. möglich?

Nur durch Zufall. Van der Staak iſt mein Bankier. Vor einer Stunde oder etwas darüber wollte ich zu ihm; dem Portier übergiebt eben eine Dame mit freundlichem Lächeln dieſes Schreiben. Neugierig, ob ſie hübſch oder häßlich, neige ich mich vor und ſehe ſo die Handſchrift der Adreſſe. Ich frage nun, wer ſie ſei. Eine ziemlich kurze Antwort, und das in der That reizende Geſchöpf will entſchwinden. Dazu ließ ich es aber nicht kommen, und wir haben ſie feſt. Ich bin überzeugt, daß ſie einem Gefährten keinen Wink geben konnte und gegeben hat. Das iſt die einfache Löſung des Räthſels.

Bravo, bravo, Sie ſind mein Schutzengel, Herr Villeneuve.

Er klingelte ein Diener trat ein.

Ein ſtarkverſchloſſener Wagen, als wäre er für mich, nicht auffallend zwei Polizeidiener darin. Raſch. Herr de Villeneuve, Sie eskortiren wohl freundlichſt das Mädchen hierher? Der Wagen folgt.

Der junge Edelmann verbeugte ſich und ging.

Meine Herren Parlamentsräthe, wollen Sie beiwohnen, wie ich ſolche Subjekte verhöre?

Sie werden doch nicht die Folter anwenden? fragte la Gule mit gerunzelter Stirn.

Nein, Werthgeſchätzteſter, lachte d'Argenſon,das Aus⸗ recken der Glieder, den ſpaniſchen Stiefel, die Daumſchrauben, die Waſſer- und Feuertortur überlaſſe ich den Gerichten bei weiblichen Weſen hilft die Ruthe das habe ich erprobt. Nur ein wenig Baumwolle muß man ſich in die Ohren ſtecken. Hektor!

Der Diener erſchien wieder. D'Argenſon flüſterte ihm etwas zu und lud ſodann die Parlamentsräthe ein, ihm zu folgen.

Nach Verlauf von einer halben Stunde ſtand in einem kleinen Gemach zur ebenen Erde, das auf einen Hof hinaus⸗ ging, Fräulein Marguerite vor dem Generalpolizeil utenant.

Sie war wie eine Dame von Stand gekleidet. X.

Wie war das