Concordia.
Unkunde in der Kunſt, zu gefallen, zugeſchrieben, als dem Wankelmuth ſeiner Verlobten. So hielt er es denn auch jetzt keinen Augenblick für möglich, daß ein weibliches Weſen gerade ihn unter Allen ſich als Gegenſtand ihrer Liebe ausſuchen könnte. Kaufen konnte er ſich ſehr leicht eine Frau, wenn er es nur wünſchte; ſeine Freunde hatten ihm ſchon ganz an⸗ nehmbare Partien vorgeſchlagen; doch bei all' ſeiner Theil⸗ nahmsloſigkeit gegen die Frauen ſtand die Ehe doch immer als etwas Heiliges vor ihm, und ſeine Hauptſorge war daher ſtets die geweſen, daß Petronel, ſein Mündel, über deren Wohl zu wachen er übernommen hatte, nie übereilt dazu ſchreiten ſollte. So dachte er ſich denn, das Beſte, was er als ihr Vormund jetzt für ſie thun könnte, wäre, daß er ihr die Gelegenheit verſchaffte, an die Stelle der ſonderbaren Leidenſchaft, die jetzt ihr Herz, wie er glaubte, nur oberflächlich berührt hatte, eine andere, wahre Neigung zu pflanzen. Was er dabei leiden würde, kam gar nicht in Betracht, ihm war Schmerz und Trübſal nichts Ungewohntes, ſeine Nerven und ſein Körper waren geſtählt, und ſelbſt wenn bei dieſer Entſagung ſein Herz vergehen würde, ſo war er ein Mann und konnte es ebenſo gut ertragen, als ſchon Manche es gethan; ein ganz anderes Ding war es bei jenem lieblichen mädchenhaften Weſen, deſſen Gedanken und Empfindungen noch in der zarteſten Entwickel⸗ ung begriffen und das noch für Wort und Wink zugänglich war. Ihre Ideen mußten auf irgend eine Weiſe in eine neue Bahn geleitet werden, und vorläufig ſchien es ihm für dieſen Zweck das Geeignetſte, wenn er Petronel Gelegenheit gäbe, ſich öffentlich zu zeigen und Anerkennung und Bewun⸗ derung zu erlangen. Und dann nahm er ſich weiter vor, wenn ſie ihr Herz verſchenkt, was unmöglich lange ausbleiben konnte— ſie war ja noch ſo jung und empfänglich für alle Eindrücke— und wenn er ſie dem Schutze eines Gatten übergeben, wollte er wieder zu den Empfindungen zurückkehren, mit denen er ſie anfänglich betrachtet, und dahin ſtreben, es ganz zu vergeſſen, daß ſeine ruhige Exiſtenz an der Seite ſeiner Schweſter durch dieſes bezaubernde, unbegreifliche Ge⸗ miſch von Lächeln und Thränen unterbrochen war. Etwas unwahrſcheinlich ſchien ihm das allerdings, doch es lag noch im Bereiche der Möglichkeit; er wollte das Seinige thun, um es dahin zu bringen, es war dies ja ſeine Pflicht und nebenbei zu ſeinem eigenen Beſten.
Nachdem Doktor Ford bei ſich zum Entſchluß gekommen war, ſetzte er ſich hin und ſchrieb an ſeinen Freund Bertram, deſſen Mittheilung über ſeine Abſichten und Hoffnungen auf Petronel er ſo kühl und abwehrend aufgenommen hatte. Illuſionen durfte er ſich nun nicht mehr machen; war ſie ſchon alt genug, um eine Neigung zu ihm zu empfinden (ein Gedanke, der ihn trotz ſeiner Beſcheidenheit abwechſelnd mit Schmerz und Seligkeit erfüllte), ſo war ſie auch alt ge— nug, daſſelbe für Andere zu fühlen; und das Verſprechen hatte er William Bertram gegeben, daß ihm Niemand zuvor⸗ kommen ſollte.
In dem Briefe theilte er ihm mit, daß Petronel nun einigermaßen wieder hergeſtellt, und daß er ſich ſeine Abſichten auf ſie nochmals reiflich überlegt; jetzt ſei das Feld für ihn offen, und er ſtellte es ihm frei, ſeine Bewerbungen zu be⸗ ginnen, ſobald es ihm gefiele. Hiernach war wohl anzu⸗ nehmen, daß William Bertram's Erſcheinen in Rockbury nicht lange auf ſich warten laſſen werde. Doktor Ford ſchickte den
Brief übrigens nicht fort, ohne zuvor die Angelegenheit mit Sir Lionel Halſtedt beſprochen zu haben. Der alte Herr hatte allerdings nie viel Notiz von Petronel genommen, er hatte höchſtens ab und zu nach ihrem Befinden gefragt; er war aber doch einmal ihr Großvater, und im Geheimen hegte Ulih noch immer die Hoffnung, daß er einſtmals noch das „Kind“ in Frampton an dem ihm gebührenden Platze ſehen würde. Dieſer Wunſch ſchien jetzt ſeiner Verwirklichung näher denn je zuvor. Sir Lionel nämlich und Lady Halſtedt zeigten großes Intereſſe, als ſie von den Ausſichten ihres Großkindes hörten, ſtellten zahlloſe Fragen über Bertram's Familien⸗ und Vermögensverhältniſſe und ſagten ſchließlich, wenn Alles zum Abſchluß gekommen, würden ſie ſich ſehr freuen, das Brautpaar in Frampton zu ſehen. Als Doktor Ford ihnen hierfür ſeinen Dank ausſprach, dachte er ſeufzend daran, daß man ihm dann wahrſcheinlich die Pflicht zudiktiren würde, das Paar zu begleiten und einzuführen— ſein Herz zog ſich krampfhaft zuſammen, wenn er nur daran dachte. Doch er ſchrieb den Brief, ſchickte ihn ab und rüſtete ſich mit Spartanermuth, ſeinen Freund zu empfangen und als an⸗ erkannten Bewerber ſeines Pflegekindes zu begrüßen und die Gaſtfreundſchaft ſo weit auf ihn auszudehnen, als nur möglich. Ein ſolcher Brief iſt Kleinigkeit, wenn das Herz die Hand führt, wird aber zur Rieſenaufgabe für Jemanden, der ſeine eigenen Empfindungen gleichzeitig zu Grabe tragen muß.
William Bertram rückte ein, ſtrahlend vor Freude, mit glänzendem Backenbart und ſchneeweißen Zähnen, beladen mit Bouquets und Grüßen von Oxley, und hatte ſich von vornherein zu einer vierzehntägigen oder noch längeren Belagerung ein⸗ gerichtet. Mit ſeiner Eroberung ſchien er jedoch keine großen Fortſchritte zu machen; Petronel, die ſich noch immer an⸗ gegriffen fühlte und viel auf dem Sopha lag, erklärte offen, er langweile ſie, und fragte die Couſine Marcia, warum er nicht unten bliebe, anſtatt in das gute Zimmer zu kommen; ſchließlich zog ſie ſich ganz zurück und erklärte, ſie würde unten nicht wieder erſcheinen, ſie möchte lieber allein ſein. Doktor Ford ſprach mit ihr und redete ihr zu, doch ſie ſchmollte und ſchalt ihn einen Tyrannen und einen alten herrſchſüchtigen Vormund, dabei ergriff ſie ſeine Hand und ſah ihn ſo freund⸗ lich an, daß er eilen mußte, ſich ihrem Zauber zu entziehen.
Eines Nachmittags, etwa zehn Tage nach ſeinem Eintreffen, folgte William Bertram ſeinem Freunde in ſein Zimmer und erzählte ihm mit verzagter Miene, daß er ſich dazu habe hin— reißen laſſen, Miß Fleming ſeine Empfindungen zu verrathen, und beſorgt ſei, ſich dadurch bei ihr ſehr geſchadet zu haben.
„Haſt Du mit Petronel geſprochen und ihr wirklich ſchon einen Antrag gemacht?“ fragte Ulih Ford, erſchrocken über dieſe Dummheit.
William Bertram ſah ſehr muthlos und ungemüthlich bei dieſer Frage aus, mußte aber eingeſtehen, etwas Aehnliches gethan zu haben.
„Das ſcheint mir ſehr übereilt. Was ſagte denn das Kind dazu?“
„Sie— ich fürchte immer noch, Miß Fleming hat mich gar nicht verſtanden und ſieht nicht ein, wie ernſthaft die Sache für mich iſt,— denn ſie lachte mich aus.“
Ulih athmete erleichtert auf; er ſelbſt dachte ja nicht daran, ſie zu heiraten— nein, um nichts auf der Welt hätte er ſich dazu entſchließen können, ihr das Unrecht zuzufügen und ſie


