nur in ſeiner Antwort beunruhigten und beſchäftigten mich
jedoch noch oftmals, obgleich ich nicht wußte, warum; einmal
mochte ich es gar nicht gern hören, daß der Vetter mich immer noch mit„Kind“ anredete, wenn er auch älter war wie ich, und dann auch ſah ich gar nicht ein, weshalb er die Idee, Miß Raymonds zu heiraten, ſo lächerlich fand.
Inzwiſchen war ich doch glücklich, zu wiſſen, daß er gar nicht daran dachte, ſie zu heiraten. Hätte er es gewünſcht, und wären wir Alle und namentlich ſie nicht dagegen geweſen, ſo hätte ich es ſonderbar gefunden, wenn er ſie ihrer Jugend wegen nicht geheiratet hätte. Ob er wohl von mir dachte, daß ich mich je dazu entſchließen könnte, einen ganz jungen Herrn, wie zum Beiſpiel Herrn Moore, zu heiraten? Wenn er das that, ſo irrte er gewaltig! Solche Jünglinge waren nicht nach meinem Geſchmack, ich mochte ſie einmal nicht und habe nie viel von ihnen gehalten. Mein Wille war, mich nie zu verheiraten, wenn ich nicht ganz meiner Wahl folgen könnte.
3. Kapitel. Doktor Ford's inneres Leben.
Daß Petronel Fleming die Heiterkeit Ulih Ford's für auf⸗ richtig hielt, war bei der Unſchuld ihrer ſechszehn Sommer ſehr erklärlich. Wäre ſie älter geweſen, hätte ſie mehr Welt⸗ erfahrung gehabt, ſo würde bei ſeinem auffallend raſchen Wechſel Argwohn erwacht ſein und ſie würde ſich überzeugt haben, daß dieſer unnatürlich und nur angenommen war, um den inneren Aufruhr zu bemänteln und die eigentliche Sprache des Herzens zu verbergen. Bei ihr hatte das Herz noch nicht geredet, oder vielmehr die Verhältniſſe hatten ihr das leiſe Geflüſter deſſelben noch nicht gedeutet und geoffenbart; ſo brachte denn das Weſen ihres Vetters ſie auf keine andere Idee, als daß er von nun an ebenſo beruhigt ſein müſſe wie ſie, und daß ſie ſich frei die Hände wieder geben könnten, nachdem der Alp des ſchrecklichen Geheimniſſes, das ſie Tag und Nacht beunruhigt hatte, gewichen war. Das Alles ge⸗ nügte, um ſie wieder glücklich zu machen und ihre Geſundheit wieder herzuſtellen. Für ſie war es eine gnädige Fügung, die es ſo kommen ließ, denn ſonſt hätte ſich ihre Wieder⸗ geneſung wohl noch lange verzögert. Hätte ſie das Arbeiten in dem Herzen des Doktors Ford geſehen, als dieſer am Fenſter ſtand, unfähig, Worte zu finden, trotz ſeines feſten Vornehmens, ſeine Zunge der Herrſchaft ſeines Willens unterzuordnen und jede in ihm aufkeimende Neigung zu unterdrücken, ſo würde der Sturm der Empfindungen, den ihre einfache Frage an⸗ geregt hatte, ſie erſchreckt haben.
Niemand glaube, daß man völlig mit der Liebe abſchließen und nie wieder ſein Herz ihr öffnen kann, gleichviel wie lange Zeit ſie daraus verbannt geweſen ſein mag. Die Ergründung des menſchlichen Herzens iſt für uns Sterbliche eine viel zu ſchwierige Aufgabe. Die Federn, Ketten und Räder des Herzens ſind nicht von Stahl und Eiſen, ſie roſten weder noch nutzen ſie ſich ab, und nur zu oft findet man das Herz noch in voller Arbeit, wenn man es ſchon vollſtändig erſtarrt glaubt. Vieles lernt man und durchſchaut man, nur das eigene Herz oft nicht.
Doch nach dieſen allgemeinen Betrachtungen muß ich wieder auf das eine Herz zurückkommen, für das ich das Inter⸗
eſſe des Leſers gewinnen möchte, auf das nämlich des Doktors Ulih Ford, das in dem Augenblicke, wo es ruhig und ſorglos zu ſein ſchien, ſchwerer als je zuvor heimgeſucht war. Tauchte auch die Vermuthung in ihm auf, daß ſeine Gefühle für Petronel wärmer ſeien, als der Unterſchied ihrer Jahre es ihm erlaubte, und empfand er auch deutlich einen ſeeliſchen Schmerz, als Bertram mit ſeinem Antrage hervortrat(es war ihm dabei zu Muthe geweſen, als ob jeden Augenblick eine Lawine auf ihn fallen und ihn vernichten müßte), ſo hatte er es ſich doch bis zur Stunde noch nicht klar gemacht, daß eigentlich ſchon Alles zu ſpät war; er hatte die Gewalt über ſeine Gefühle ſchon nicht mehr in den Händen und aus Un⸗ vorſicht oder Thorheit ſeine Seelenruhe für den Reſt ſeines Lebens, den er ganz ſeinem Berufe widmen zu können gehofft hatte, in Frage geſtellt.
Für ihn war dieſe Entdeckung ſchmerzlicher, als ſie es für manchen Anderen geweſen ſein würde, er fühlte ſich nicht nur völlig enttäuſcht, ſondern glaubte ſogar, ſich ſelbſt verlachen und verachten zu müſſen. Seine Empfindungen ſind erklärlich, wenn man in Betracht zieht, daß er die ſchönſte Zeit ſeines Lebens nur einer Idee gewidmet, die ſicherlich, wenn er ſie hätte verwirklichen können, ſein Glück begründet haben würde, und daß er nun einen Stoß erleben mußte, der ihm zeigte, daß alle ſeine bisherige Geduld nutzlos geweſen, und daß ſeine Hoffnung auf einen glücklichen Lebensabend zertrüm⸗ mert ſei.
Es war ihm zu Muthe, als ob Alles mit ihm zu Ende ginge, und als ob er nicht im Stande ſei, noch einmal den Kampf mit dem Leben aufzunehmen. Er wünſchte ſich daher nichts ſehnlicher, als daß er vom Leben Abſchied nehmen könnte, denn er fühlte ſich kraftlos und unfähig. Das Eine aber konnte er ſich fortan nicht mehr verhehlen, daß wirklich ſein Herz von einer innigen, aufrichtigen Liebe zu Petronel erfüllt war.
Um dieſes zu verſtehen, muß man bedenken, welcher Art ſein vergangenes Leben geweſen war. Von Kindesbeinen an hatte er ein Herz voll Gefühl und einen Geiſt voll Kraft und Entſchiedenheit gehabt, und als nun Cäcilie Halſtedt ſeine Liebe mit Untreue lohnte, nahm er ſich feſt vor, jedes Gefühl von Liebe zu einem Weibe, wenn es je wieder in ihm auf⸗ kommen ſollte, mit Gewalt unter die Füße zu treten, um nie wieder der Laune eines Weibes zum Opfer zu fallen. Heiße Thränen hatte er um Ciſſy vergoſſen und ſich ſelbſt darüber verlacht; immer wieder gedachte er ihrer und verachtete ſich ſelbſt, weil er nicht im Stande war, ſie zu vergeſſen; er hatte ſich nach ihr geſehnt und dieſe Sehnſucht für Schwäche erklärt, bis er endlich in ſeiner Selbſtverachtung zu einem Gefühl von Haß gekommen war, doch nicht gegen Ciſſy und das weibliche Geſchlecht, ſondern nur gegen die Urſache ſeiner Prüfung. Um das Weſen, das er geliebt, haſſen zu können, dazu dachte er zu edel, ſein Zorn richtete ſich nur gegen die Leidenſchaft, die ihn unterworfen und welche die Macht hat, den Starken weich, den Weiſen thöricht und den Klugen unbeſonnen zu machen. Er lernte es allmälig, mitleidsvoll ſeine Freunde anzuſehen, wenn ſie ſich im Netze der Liebe verwickelten, ſich über ihre Kurzſichtigkeit zu wundern und ihnen eine baldige Reue vorauszuſagen. Die Frauen betrachtete er fortan nur als einen unentbehrlichen Theil der
Schöpfung, ſich ſelbſt hielt er in ſeinem Stolze ihnen gegen⸗


