302 Concordia.
jeder Beziehung zuſagen. Würde es Dir lieb ſein, wenn ſie Nachmittags mitunter zum Vorleſen käme?“
Im Allgemeinen war der Vetter kein Freund von vielen Worten, dieſes Mal aber mochte er wohl in Zweifel ſein, wie ich ſeinen Vorſchlag aufnehmen würde. Als ich dieſen aber nur hörte, und als er die Dame, die er mir zuführen wollte, achtungswerth, liebenswürdig und Gott weiß wie ſonſt noch nannte, da kam mir plötzlich der Gedanke, ſie ſei Diejenige, die er heiraten wollte und zu der ich hinaufſehen, die ich verehren und bewundern ſollte. In meinem ungerechten Sinn fühlte ich mich durch dieſen Vorſchlag tief beleidigt und herab⸗ gewürdigt, und mit klopfendem Herzen und thränenvollen Augen rief ich aus:
„Nein, nein, ich will ſie gar nicht ſehen; ich kann ſie nicht ſehen, laß ſie fortbleiben, ſonſt ſchließe ich die Thür vor ihr ab!“
„Petronel!“ rief er, ſtarr vor Entſetzen, aus.
„Ja, es iſt mir einerlei, was Du auch von mir denkſt,“ fuhr ich ſchluchzend fort,„ich kann nicht anders, ich habe keine Sehnſucht nach der jungen Dame, darum iſt es das Beſte, ſie bleibt fort.“ Plötzlich aber fühlte ich mich beſchämt über meine Heftigkeit und Unart, ich ſteckte mein Geſicht in die Kiſſen und mochte mich nicht wieder zeigen.
Was der Vetter von mir dachte, weiß ich nicht; er er⸗ widerte nichts und ſaß ſtumm neben mir. Konnte ich ihn aber auch nicht ſehen, ſo ſtanden mir doch die ernſten, trüben Züge ſeines lieben Geſichtes deutlich vor den Augen. War dieſes die Art und Weiſe, die ich mir vorgeſetzt, um meine Pflichten gegen ihn treu zu erfüllen?— Ich ſchämte mich tief.—
„Ach, es thut mir ſo leid—“ ſagte ich nach einiger Zeit, aber ohne mein weinendes Geſicht zu zeigen.
„Sei ruhig!“ antwortete er freundlich,„ich dachte nur, die Geſellſchaft eines jungen Mädchens von Deinem Alter würde Dir Freude machen; doch das war ein Irrthum von mir. Ich bin überzeugt, Du würdeſt anders ſprechen, wenn Du Miß Raymonds kennteſt; ich glaube, ich nannte Dir ihren Namen noch nicht. Doch ich habe keineswegs die Abſicht, Dich zu beläſtigen. Die Hauptſache iſt, daß Dein Gemüth jetzt geſchont wird, dann werden die Körperkräfte raſch wieder⸗ kommen. Sagte Marcia Dir ſchon, daß William Bertram hier war, um ſich nach Deinem Befinden zu erkundigen?“
„Nein.“
„Er war ſehr in Sorgen um Dich, wir mußten ihm täg⸗ lich Nachricht von Dir nach Oxley ſchicken. Nicht wahr, Herrn Bertram magſt Du gern?“
„O ja,“ antwortete ich, ohne etwas dabei zu denken. Er war mir ſo gleichgiltig, wie nur möglich, meinetwegen hätte er auf dem Grunde des Meeres liegen können.
Vetter Ulih ſtand auf, um fortzugehen.
„Gute Nacht, liebe Petronel; rege Dich nun weiter nicht auf über Miß Raymonds oder ſonſt etwas. So lange Du unter meiner Vormundſchaft ſtehſt, ſoll Alles Dir nach Wunſch gehen.“ Damit ging er, ehe ich noch den Muth ge⸗ faßt, ihm mein Geſicht zuzuwenden, um ſeinen Abendkuß in Empfang zu nehmen.—
„Die Aerzte haben Ihre Medizin wieder verändert,“ ſagte Jane nach einer Stunde, indem ſie eine Flaſche rother Medizin
auf den Tiſch vor mir hinſetzte;„ich denke, wenn ſie ſo gut iſt, wie ſie ausſieht, wird ſie köſtlich ſchmecken.“
Das Rezept, das der Apotheker wieder mit zurückgeſchickt, lag daneben; ſpielend nahm ich es hin und entfaltete es. Die lateiniſchen Worte verſtand ich nicht, doch die bekannten Schrift⸗ züge berührten mich ſo angenehm, als hätte der Schreiber zu mir geſprochen. Obenan ſtand„Miß Fleming“ und unten „Dr. Ford“, ich ſah immer von einem Namen zum anderen, bis ich zuletzt ganz wirr wurde; es war mir, als ob ich ſeine Hand vor mir ſah. Ob er beim Entwurf dieſes Rezeptes wohl an mich gedacht? Hatte ihm dabei meine heftige, un⸗ gezogene Ablehnung ſeines Vorſchlages, mit dem er es ſo gut gemeint, nicht mehr in den Ohren geklungen und ihn ver⸗ anlaßt, zu denken, ich ſei der Mühe, die er ſich um mich gab, gar nicht werth? Mit dieſen Fragen quälte ich mich die ganze Nacht und büßte meine Unart durch ſchlafloſe Stunden, während welcher das Rezept, das der Apotheker abſichtslos mitgeſchickt, mir als Kopfkiſſen diente; mir ſchien es, einen Jeden, ſelbſt einen Apotheker, müßten die Worte von Ulih's Hand intereſſiren. Dieſes kleine Blättchen Papier hatte für mich einen beſonderen Werth, und ich dachte in meinem Sinn, ob wohl je ſchon etwas Aehnliches dageweſen wäre.— Unter ob⸗ waltenden Umſtänden war es kein Wunder, daß mir am fol⸗ genden Morgen nicht beſſer war, trotzdem daß Jane mir ſtets zur rechten Zeit treulich die neue Medizin verabfolgt hatte. Aufregung und Unruhe waren mir bei der Geneſung die ſchlechteſten Helfer, die es gab, gegen ſie hatten ſelbſt Doktor Ford's Medikamente keine Macht. So kam es denn auch, daß er am folgenden Morgen, als er mich ſah, ſehr wenig befriedigt war.
„Die Nacht iſt alſo nicht gut geweſen?“ fragte er, nach⸗ dem er Jane's Bericht angehört;„wie kam es denn? Miß Fleming hat ſich geſtern doch nicht übernommen?“
„Ich weiß es nicht, ganz gewiß nicht! Doch ſie hat keine Stunde ruhig geſchlafen; ſie ſtöhnte und ſeufzte unaufhörlich. ich war ſchon drauf und dran, Sie zu rufen, Miß Fleming wollte es nur nicht.“
„Miß Fleming's Wünſche kommen während ihres Krankſeins nicht in Betracht,“ erwiderte Ulih, dann erfolgte ein genaues Examen und ſchließlich wurde wieder neue Medizin und ver⸗ änderte Diät verordnet.
Trotz der größten Sorgfalt, die auf mich verwandt wurde, und trotz aller erdenklichen Annehmlichkeiten, die durch Geld zu erreichen waren und die mir bereitet wurden, ſchritt meine Beſſerung nur langſam vorwärts; unterhaltende Lektüre, Blumen und Früchte und die ausgeſuchteſten Delikateſſen wurden mir gebracht, aber nichts hatte Reiz für mich; Freude machte mir nur, wenn der Vetter Ulih mir die Roſenknospe aus ſeinem Knopfloch gab oder mir eine Pfirſiche von ſeinem Teller brachte; dabei konnte ich Freudenthränen vergießen. So kam es denn, daß ich vierzehn Tage nach dem erſten Fieber⸗ anfall noch im Bette lag und noch eben ſo bleich und elend ausſah, wie zu Anfang, anſtatt mich ſo raſch, wie es mir prophezeit war, zu erholen. Der Vetter fühlte ſich dadurch oft recht beunruhigt.
„Haſt Du Schmerzen im Kopfe?“ fragte er mich eines Nachmittags(ſeit einiger Zeit kam er täglich dreimal), als er mich beim Eintritt in's Zimmer auf meinem Bette liegend traf und ſah, daß ich mir den Kopf mit beiden Händen hielt.
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