Jahrgang 
1 (1879)
Seite
300
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300 Concordia.

Sie erfuhren dadurch jetzt erſt, was Römer in der letzten Hälfte ſeiner ſonſt ſo glücklichen Ehe mit ſeiner Gemahlin ge⸗ litten hatte, um nur jeden Hauch boshafter Nachrede oder ſcheinbaren Makels von den Seinen abzuhalten.

Nachdem der Schlag gefallen, trugen ihn jedoch Alle, ohne unter demſelben zu erliegen, und namentlich Römer ſelbſt viel leichter, als er bisher wohl geglaubt haben mochte.

Sein nervöſes Leiden war völlig verſchwunden; ſein ganzes Weſen unterlag einer vollſtändigen Umwandlung. Mit dem Gefühl der Sicherheit trat auch die heitere Liebenswürdigkeit ſeines eigentlichen Charakters wieder hervor.

Der geringe Erfolg eines zwanzigjährigen Strebens, ſein Vermögen zu vermehren, machte ihm gegenwärtig nur geringe Sorgen; denn Habgier kannte er ja nicht, und ſoviel, um ſelbſt luxuriös mit den Seinen leben zu können, war ja vor⸗ handen.

So ließ er es denn jetzt ſeine Aufgabe ſein, auch die Damen zu erheitern und mit der aufgedrungenen Lage aus⸗ zuſöhnen, was ihm auch im Ganzen bei den drei in reiferen Jahren ſtehenden Frauen gelang, während ſeine Bemühungen bei Klärchen dagegen nicht den gewünſchten Erfolg zu haben ſchienen.

Klärchen, die ſich doch ſo ſehr zu dem längeren Beſuche des Gutes gefreut hatte, ſchien ihren Frohſinn gänzlich ver⸗ loren zu haben. Sie verhielt ſich meiſtens ſchweigend, hing träumeriſchen Anwandlungen nach und ſuchte ſehr häufig die Einſamkeit auf.

Freilich hatte Klärchen auch ihre beſonderen Sorgen ihren Kummer, den ſie Niemand anvertrauen konnte oder mochte, und jener drehte ſich hauptſächlich um Wellmann's Perſon.

Wellmann kam nicht nach Lomath; der Verkehr zwiſchen dem Vater und jenem fand durchaus ſchriftlich ſtatt. Sollte Wellmann ſeine Annäherung bereuen? konnte er die den Vater betreffenden Ereigniſſe zum Vorwand nehmen wollen, ſich von der Tochter zurückzuziehen?

Das waren Fragen, die ſich Klara vorlegte und mit denen ſie ihr Herz zu martern begann, ſo oft ſie ſich auch ſagen mußte, daß jenes unmöglich ſei.

Indeſſen war es auch Frau Römer aufgefallen, daß Well⸗ mann nicht herauskam, und ſie hatte keinen Anſtand ge⸗ nommen, den Gemahl deswegen zu befragen.

Wellmann hat zu thun! antwortete Römer jedoch kurz; hier eine Stunde zu weilen, iſt die Reiſe zu bedeutend!

Frau Römer beruhigte ſich dabei, doch Klara nicht. Der Vater mochte ja recht haben; warum richtete aber Wellmann nicht auch an ſie einige Zeilen?

Nach Ablauf von vier Wochen war Römer infolge ge⸗ richtlicher Citation genöthigt, nach der Hauptſtadt zu gehen, um dort in der Unterſuchung gegen Paul Graupner als Zeuge vernommen zu werden. Das war für Klara eine prächtige Gelegenheit, mit Wellmann zuſammenzutreffen, und ſie bot ſich deshalb dem Vater zur Begleiterin an. Doch ihr Anerbieten ward abgelehnt und der Vater reiſte allein.

Römer kehrte ſchon am nächſten Tage wieder zurück. Es wollte Klara ſcheinen, als ob der Vater ſie ſeit dieſer Rſa. wenn er ſich unbeobachtet glaubte, mit einem ſond⸗ a tilgen, ſpöttiſchen Lächeln betrachtete. Sie glaubte ynen decken.

3 won 3 kennen zu dürfen, daß Wellmann ſeinen d Kenysmann N.

dieſer aber vom Vater nicht gut aufgenommen ſei. Um Ge⸗ wißheit zu erlangen, faßte ſie ſich ein Herz und ſchrieb an Wellmann. Es erfolgte indeſſen keine Antwort. Jetzt glaubte Klara annehmen zu müſſen, daß Wellmann früher ſchon an ſie geſchrieben habe, die Briefe deſſelben jedoch, wie auch das von ihr abgeſendete Schreiben, vom Vater, durch deſſen Hände ſie gehen mußten, mit Beſchlag belegt ſeien. Klara zürnte dem Vater, der übrigens ſeine Freundlichkeit gegen ſie mit jedem Tage ſteigerte, recht ernſtlich deswegen.

Unter ſolchen Verhältniſſen waren die letzten vier Wochen verſtrichen und Römer geſtern wiederum nach der Hauptſtadt gereiſt, wo er in ſeiner Eigenſchaft als Zeuge der Schwur⸗ gerichtsverhandlung gegen Paul Graupner beizuwohnen hatte. Heute nun erwartete man ihn zurück von dieſer Reiſe.

Es war bereits gegen Abend zu; die Wärme des Tages hatte ſich vermindert und eine angenehme, würzige Luft lag auf der weiten Flur. Die vier Damen befanden ſich in dem Vorgarten des Wohngebäudes der Beſitzung, in dem ver⸗ ſchiedene Roſenbosquets vorhanden waren. Jeder Lufthauch entführte denſelben einen köſtlichen Duft, welcher den Auf⸗ enthalt im Garten doppelt angenehm machte.

Wir werden bald wieder zur Reiſe rüſten können! meinte Frau Römer;wenn mein Gemahl nicht ferner in der Reſi⸗ denz zu thun hat, dürften wir nächſtens unſere Badereiſe an⸗ treten!

Klara ſeufzte ſo tief und laut, daß ſich die drei anderen Damen erſtaunt nach ihr umſahen.

Mein Gott, Kind! rief die Mutter,das wird ja immer ärger mit Dir; die Heiterkeit fort, dann ſtiller Ernſt und nun gar noch ſchwere Seufzer. Ich ſehe ſchon, wir werden Rohr⸗ beck kommen laſſen müſſen. Was fehlt Dir eigentlich, Klärchen?.

Klara übereilte ſich nicht eben mit der Antwort; ſtatt ihrer antwortete daher die Tante.

Klärchen leidet am Herzen! ſagte die alternde Jungfrau höchſt feierlich.

Klara's Antlitz ward von einem rothen Purpur überſtrömt und ſie ſelbſt fuhr heftig empor. Auch Tante Malchen er⸗ röthete und bekam einen Schreck wegen ihrer eigenen unvor⸗ ſichtigen Worte.

Ich möchte Dich doch bitten, Tante ſtieß Klara ärger⸗ lich hervor.

Aber Klärchen! mahnte die Mutter,Du haſt Malchen ja ſo oft in dieſer Weiſe geneckt; Du wirſt doch Scherz er⸗ tragen können!

Nicht immer! rief Klara faſt noch heftiger als zuvor, und nicht in gewiſſen Sachen!

S o! ſagte Frau Römer, und ſie ſowohl wie Fräulein Hartmann ſahen verwundert zu Klara hinüber,ei da mache ich ja eine eigenthümliche Entdeckung. Tante Malchen hat alſo mehr ausgeſprochen als ſie beabſichtigt!

Bitte, Mama! ſagte Klara in faſt weinerlichem Tone, ich bin wirklich nicht aufgelegt zum Scherz übrigens kommt dort Papa er iſt nicht allein!

Ein Wagen rollte, eben aus dem Walde getreten, auf der Chauſſee daher. Es befanden ſich außer dem Kutſcher noch drei Männer in demſſelben.

Enwa, es iſt unſer Fuhrwerk, ſagte Frau Römer,wir be⸗ meinen Zäſte wer können ſie ſein?