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Concordia. 297
Mein Mann hat in der Nacht noch eilig verreiſen müſſen. Sie finden ſeine Beſtimmungen für den heutigen Tag im Geldſpinde ſeines Zimmers; hier iſt der Schlüſſel zu dem letzteren.“
„Ich habe jenes vermuthet,“ ſagte Wellmann, den Schlüſſel nehmend.„Es könnte ſein, ich hätte mit Ihnen zu ſprechen, Frau Römer; darf ich mir, nach Kenntnißnahme von den an⸗ gedeuteten Verfügungen, die Freiheit geben—“
„Bitte, kommen Sie nur in das Wohnzimmer,“ ant⸗ wortete Frau Römer,„Sie werden mich da während des ganzen Vormittags finden!“
Wellmann verbeugte ſich und begab ſich in die Privat⸗ gemächer des Hausherrn. Das Schriftſtück, welches derſelbe für ihn hinterlaſſen hatte, lautete:
Lieber Wellmann! Ich werde ſoeben, etwas nach neun
Uhr, verhaftet. Der Grund, weshalb, iſt mir nicht ange⸗
geben worden. Meiner Frau theile ich nur mit, daß ich eine
ſchleunige Reiſe anzutreten genöthigt bin. Ich bitte Sie, den Meinigen den nothwendigen weiteren Aufſchluß zu geben. Es iſt möglich, daß Herr von B. in nächſter Zeit ſein Geld zurückfordert. Sorgen Sie für prompte Zahlung deſſelben. Verfolgen Sie das heute von Ihnen begonnene Unter⸗ nehmen mit aller Energie und laſſen Sie den Schuldner zu ſtrenger Rechenſchaft ziehen. Da ich weiß, daß Sie in allem Uebrigen Ihre Pflicht, und mehr als dieſe thun wer⸗ den, ſo ſpare ich weitere ſpezielle Anweiſungen, hoffe auch, daß wir uns bald wiederſehen werden. Suchen Sie vor allen Dingen nur die Frauen zu beruhigen und aufrecht⸗ zuerhalten. Ihr
Arwed Römer.
Wellmann ſtützte den Kopf in beide Hände, als er geleſen hatte. Es war dem Anſchein nach nicht viel, was Römer von ihm verlangke, dennoch ſchien ihm die Ausführung des einen der erhaltenen Aufträge faſt zu ſchwer für ſeine Kräfte zu ſein. Lange ſaß er nachdenkend da, ohne mit ſich einig werden zu können. Endlich jedoch ſprang er lebhaft auf und ſteckte die Anweiſung fort.
„So geht es!“ rief er und begab ſich ſchnell in die unteren Räume des Hauſes, um die Herrin deſſelben aufzuſuchen.
„Verehrte Frau,“ ſagte er zu derſelben,„Herr Römer hat mich beauftragt, Sie zu erſuchen, ſich mit Fräulein Klara, Fräulein Amalie und Fräulein Hartmann bis heute Abend auf Ihre Zimmer zu beſchränken; keine Beſuche, beſonders auch nicht denjenigen des Doktors Rohrbeck, anzunehmen; jede Unter⸗ haltung mit den Dienſtboten zu vermeiden und dieſe ſo viel wie möglich fern von ſich zu halten. Herr Römer hofft bis heute Abend wieder zurückzukehren und will nicht, daß den Seinen die über ihn ausgeſprengten, boshaften Gerüchte vor⸗ her zu Ohren kommen ſollen. Er will ſelbſt die nöthigen Aufſchlüſſe geben, und für den Fall, daß er wirklich nicht bis zum Abend zurückkehren könnte, ſoll ich dies thun.“
Frau Römer erſtaunte beim Beginn der Rede des Prokuriſten in hohem Grade, allgemach ging ihr Staunen jedoch in ein Lächeln über.
„Der gute Mann!“ ſagte ſie ſanft,„er denkt nur immer an uns!“
„Sollten Sie dennoch von den verleumderiſchen Anſchuldig⸗
ungen hören,“ fuhr Wellmann fort,„ſo wiſſen Sie vorläufig, was davon zu halten iſt, Frau Römer.“
„Gewiß— und ich danke Ihnen!“ antwortete die Letztere; „natürlich iſt der Verleumder leicht zu errathen.“
„Er iſt bereits bekannt und wird ſeiner Strafe nicht ent⸗ gehen!“ bemerkte Wellmann;„aber Sie haben wohl die Güte, mich zu beurlauben, da ich nothwendig im Komptoir zu thun habe!“
Frau Römer verabſchiedete den jungen Mann durch eine Verbeugung und dieſer eilte auf ſeinen Poſten. In einer Hinſicht hatte er theils Zeit gewonnen, theils etwaigen böſen Mittheilungen die Spitze abgebrochen. Wie ein Stein lag ihm jetzt jedoch die vom Baron Bodenbrink bei Römer depo⸗ nirte Summe auf dem Herzen. Wellmann hatte dem oben beſindlichen Geldſchrank auch die Schlüſſel zu dem unten be⸗ findlichen Arnheim entnommen. Er überzeugte ſich zunächſt, wie viel an dem Depoſitum fehlte, und ſuchte dann alle vorhan⸗ denen Baarbeſtände zuſammen, jenes Manco zu decken. Es gelang ihm wirklich, und dadurch war denn auch das Ge⸗ ſchäft gegen eine plötzliche Erſchütterung von zweideutiger Tragweite geſichert. Ihm war die von dem Edelmanne depo⸗ nirte Geldſumme ſofort ein Dorn im Auge geweſen, und er wünſchte jetzt aufrichtig, der Mann käme infolge der auf⸗ tauchenden Gerüchte, um ſie abzuholen.
Im Laufe der Zeit erſchienen auch die übrigen Komptoiriſten. Während Wellmann ſich ſelbſt möglichſt wie gewöhnlich zeigte, beobachtete er die Kollegen und ihr Benehmen aufmerkſam. Doch Keiner von ihnen gab ein Zeichen, daß er bereits Kennt⸗ niß von der Verhaftung des Prinzipals erlangt habe. Dieſe Beobachtung trug ſehr viel zu Wellmann's Beruhigung in Betreff der Frauen bei. Gern hätte er gewußt, ob Falk wirk⸗ lich verhaftet worden; doch wagte er nicht, deswegen Erkundig⸗ ungen einziehen zu laſſen. Er hatte ſolches auch nicht nöthig, da ihm die Mittheilung davon durch eine Perſon werden ſollte, die er im Augenblicke faſt vergeſſen hatte.
Zu Wellmann's Verwunderung erſchien nämlich Graupner im Komptoir; er bat ſchüchtern um Verzeihung, daß er ſolches wage, und zwar nur aus dem Grunde, weil er glaube, eine Mittheilung von Wichtigkeit machen zu können. Wellmann begab ſich ſofort mit dem Manne in das Kabinet.
„Iſt Falk verhaftet?“ fragte er hier ſchnell.. „Er iſt verhaftet!“ erwiderte Graupner,„und es wäre auch geſchehen, wenn wir uns nicht deswegen bemüht hätten!“
„Wie das?!“ rief Wellmann erſtaunt.
„Mein lieber Herr Wellmann,“ ſagte Graupner zögernd, „was ich Ihnen darüber eröffnen kann, wird Sie zwar in einer Hinſicht befriedigen, anderntheils jedoch auch mit Ent⸗ ſetzen erfüllen.“
„Nur keine Vorbereitung weiter,“ entgegnete Wellmann ungeduldig,„ich ertrage ſchon einen Stoß.“
„Ihr ehrwürdiger Herr Vater,“ brachte Graupner immer noch zögernd hervor,„iſt auf Veranſtaltung von Falk durch Gift aus der Welt geſchafft worden!“
„Meine Ahnung!“ rief Wellmann auffahrend,„dies Scheu⸗ ſal—! an Gift habe ich freilich nicht gedacht. Aber das Nähere— bitte!“
Graupner theilte mit, was er außerdem noch wußte.
Wellmann ſuchte ſich zu beruhigen und ſaß einige Zeit ſinnend da.
„Und kennen Sie bereits den letzten Schandſtreich dieſes Schurken?“ fragte er endlich langſam. 86


