Doch noch im letzten Augenblicke vor dem faſt unvermeid⸗ lichen Falle ergriff der Beamte mit der linken Hand den Nahmen der Thüre. Die gewaltige Rechte legte ſich um das ſtarke Genick des Angreifers. Der Angegriffene gewann Halt und wieder feſten Fuß am Boden.
Minutenlang ſtanden die beiden Kämpfer, eine kühne Gruppe bildend, jetzt da, ohne eine andere Regung als die⸗ jenige, welche ihre keuchenden Athemzüge bedingten. Keiner wollte und durfte nachgeben, weil das geringſte Nachgeben gleichbedeutend mit einer Niederlage war.
Die Rippen des Beamten befanden ſich zwiſchen den Armen des verzweifelten Bankiers wie in einer Preſſe. Sein Blick ſchweifte ſuchend umher, und wenn er einen Wunſch hegte, ſo war es ſicher der, noch eine dritte Hand, und wenn auch nur eine Kindeshand zu haben, welche die Signalpfeife an ſeine Lippen führen konnte.
Falk's Genick ſaß dagegen in einem Schraubſtocke, der zugleich mit Zentnerſchwere von oben auf daſſelbe drückte, und Schmerz und Druck zuſammen ſollten den Ausſchlag in die⸗ ſem Kampfe geben.
Erſt nur unmerkbar, doch dann auch ſichtbar, ſank der Kopf des Bankiers tiefer; eine Handbreite war es vielleicht nur im Ganzen, was Lanz in dieſer Weiſe über den Gegner gewann; aber ſie genügte für ihn, um auch in der Hauptſache zu ſiegen. Langſam bog er das rechte Knie, gab ſeinem Oberkörper einen Ruck nach vorn, vermehrte dadurch noch die Kraft des Druckes auf das Genick des Gegners und fuhr ihm von unten mit dem emporgeſchnellten Knie in das Geſicht.
Mit einem dumpfen Schrei öffnete der Kommerzienrath die Klammer, welche ſeine Arme für Lanz gebildet hatten, und im nächſten Augenblicke lag er am Boden. Der Kriminal⸗ Kommiſſarius hielt ihn dort feſt und entlockte demnächſt ſeiner Signalpfeife zitternde Hilferufe. Gleich darauf ſtürmten die beiden anderen Beamten in das Zimmer.
„Feſſeln Sie den Mann!“ befahl der Kommiſſarius. Es geſchah ſofort. Falk ſchien willenlos und ſtumpfſinnig ge⸗ worden zu ſein. Auf einen Wink von Lanz nahmen ihn die beiden Beamten zwiſchen ſich und führten ihn ab. Jener folgte, verſchloß die Thür und ſteckte den Schlüſſel zu ſich.
„Ihr Herr iſt verhaftet!“ ſagte Lanz unten zu dem Portier, „hüten Sie vorläufig deſſen Eigenthum!“
Hiernach traten die Beamten mit ihrem Gefangenen auf die Straße hinaus.
Die Reiſe ging auch jetzt, und zwar zu Fuße, an dem
Römer'ſchen Hauſe vorüber. Doch Falk warf keinen Blick nach demſelben hin. Was mochte aber wohl in ſeinem Innern vorgehen; denn vorläufig konnte er doch nur annehmen, daß Römer gegen ihn gehandelt, wie er gegen Römer, und dieſer den Sieg über ihn davongetragen hatte, ſo unbegreiflich ihm ſolches auch erſcheinen mußte.
Der ſchwere Weg durch die menſchenleeren Straßen bis zum Kriminalgerichts⸗Gebäude war endlich zurückgelegt. Als die drei Beamten mit ihrem Arreſtanten das Bureau des Kriminal⸗Kommiſſarius betraten, erhob ſich von dem daſelbſt befindlichen alten Sopha ein Mann und beynegte ſich nach dem Lichtkreiſe vor.
„Graupner!“ ſtieß Falk entſetzt hervor; es war das erſte Wort, welches er ſeit ſeiner Niederlage ſprach.
„Alſo Sie kennen ſich?“ fragte der Kommiſſarius.
Concordia.
„Wir uns kennen?!“ ſtotterte Falk,„nein, durchaus nicht— von Anſehen, nun ja— aber ſonſt— von Bekanntſchaft kann keine Rede ſein— wir haben uns nie anders als dem Namen nach und von Anſehen gekannt!“
Graupner rückte halb verächtlich, halb bedauernd ſeine Schultern.
„Ich wünſchte, es wäre, wie der Herr ſagt!“ äußerte er, zu Lanz gewendet,„aber leider, kann ich die Intimität, in der wir geſtanden, ſo wenig ableugnen, wie vergeſſen!“
Draußen im Vorzimmer waren ebenfalls Stimmen laut geworden, und jetzt unterbrach der Wache habende Nuntius die im Bureau ſtattfindende Unterhaltung durch ſeinen Eintritt. In der Hand hielt der Mann ein Schriftſtück.
„Schleunige Requiſition,“ meldete er zugleich,„zur ſofortigen Erledigung!“
Der Kriminal⸗Kommiſſarius nahm das Papier entgegen und überflog es; dann hob er ſein Auge zu Falk empor und betrachtete denſelben einige Zeit finſter und durchdringend.
„Dies Papier, mein Beſter,“ ſagte er endlich,„überhebt uns für dieſen Moment einer unangenehmen Arbeit. Ihre Werke ſind aber der Art, daß ich Ihnen die amtliche An⸗ erkennung derſelben nicht vorenthalten will. Das Kreisgericht in Rumſtadt theilt mit: Der hierorts wegen Diebſtahl und Unterſchlagung in Unterſuchung befindliche Kellner Jellinek hat außer verſchiedenen anderen Verbrechen auch bekannt, im Auftrage des Bankiers, Kommerzienraths Falk, früher hier, ſeit über zehn Jahren in der Hauptſtadt anſäſſig, gegen Be⸗ zahlung vermittelſt eines von jenem erhaltenen Pulvers den früheren hieſigen Bürgermeiſter und Polizeiverwalter Well⸗ mann ſeinerzeit durch ein Glas Bier vergiftet zu haben. Die Leiche deſſelben iſt infolge deſſen exhumirt und einer chemiſchen Analyſe unterworfen worden, welche das Vorhanden⸗ ſein von Gift in jener ergeben hat. Es iſt daher dringender Grund vorhanden, den ꝛc. Falk——— Unterſtützen Sie den Mann, daß er nicht umfällt!“ 3
Falk ſchwankte wie ein vom Winde bewegtes Rohr und zitterte am ganzen Körper. Sein Geſicht war erdfahl ge— worden.
„Mein Gott, auch das noch!“ murmelte Graupner entſetzt.
„Haben Sie noch etwas zu ſagen?“ fragte Lanz den Bankier. „Nein!“ ächzte dieſer kaum hörbar.
Lanz ſchrieb einige Worte auf die Requiſition und über⸗ gab ſie einem der Sicherheitsbeamten.
„Liefern Sie den Mann an die Gefängniß⸗Expedition ab!“ ſagte er.
Mit Ausnahme von Lanz und Graupner verließen Alle das Bureau.
„So!“ ſagte der Erſtere zu dem Letzteren,„nun wollen wir unſer Protokoll vornehmen.“
14. Kapitel. Am anderen Morgen.
So wie es nur, ohne Aufſehen zu erregen, geſchehen konnte, begab ſich Wellmann am nächſten Morgen in das Haus ſeines Prinzipals und traf hier ſogleich auf Frau Römer.
„Ah, guten Morgen, lieber Wellmann!“ erwiderte dieſe
den Gruß des Prokuriſten;„ich wollte ſoeben zu Ihnen ſenden.


