Jahrgang 
1 (1879)
Seite
294
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Concordia.

Als die Wahlen kamen, kandidirte Mr. Penwyn für Seacomb und ſiegte mit fliegenden Fahnen. Alle Geſchäfts⸗ leute ſtimmten für ihn, ſchon wegen ihrer perſönlichen Intereſſen. Er hatte in Seacomb mehr Geld ausgegeben, als je Einer ſeines Namens. Madge's Beliebtheit ſicherte ihm die unteren Klaſſen. Ihre Schulen waren ein Gegenſtand der Bewunder⸗ ung für den ganzen Umkreis und ſie erbaute ein Muſterdorf zwiſchen Alt⸗Penwyn und dem Schloſſe.Madge's Folly nannte Mr. Penwyn die Reihe hübſcher Landhäuſer am Ab⸗ hange des Hügels, aber er bot ſeiner Gattin hierzu alle nöthigen Mittel und murrte niemals über die Rechnungen der Baumeiſter oder beunruhigte ſie durch Darlegung der Thatſache, daß das ſo ausgelegte Geld nur etwas weniger als zwei Procent eintragen konnte.

So unterzeichnete ſich nun alſo Churchill Penwyn mit dem Beiſatze M. P., was ſo viel alsMitglied des Parlaments bedeu⸗ tet, hatte Vermögen, ein ſchönes junges Weib, das ihm Liebe und Ehre bei Allen gewann, die ſie kannten, und einen Erben, der als ein ganz ausgezeichnetes Kindchen betrachtet wurde. Seine Schwägerin glaubte, er ſei der wunderbarſte und bewunderungs⸗ würdigſte aller Gatten und Männer. Sein Beſitzthum pros⸗ perirte, ſeine Anpflanzungen wuchſen und gediehen. Der weite atlantiſche Ozean war wie ein See unter ſeinen Fenſtern und ſchien ihn ſeinen Herrn zu nennen. Keine Wolke, und wäre ſie auch nur von der Größe einer Menſchenhand geweſen, ver⸗ dunkelte die Helle und Heiterkeit ſeines Himmels. Mr. und Mrs. Penwyn wurden in der zweiten Saiſon, die ſie in der Stadt zubrachten, viel mehr ausgezeichnet als in der erſten. Mehr Leute beeiferten ſich, ſie kennen zu lernen ganze Gewitterſchauer von Einladungskarten ergoſſen ſich auf ſie, und Churchill, der auch in den Tagen ſeiner Armuth Erfolge gehabt, fühlte, daß er damals gleichſam nur abgeſchöpfte Milch gekoſtet, während man jetzt ſeinen Lippen die pure Sahne an⸗ bot. Die Welt urtheilt viel mehr nach äußeren Glücksum⸗ ſtänden als nach dem wirklichen Menſchenwerthe. Das fühlte er in der Weiſe, wie er jetzt empfangen wurde, und es lag Grund genug vor darin, ihn zum Menſchenverächter zu machen. Wäre er nur ein Gentleman vom Lande geweſen, mit der Fähigkeit, ein möblirtes Haus in Belgravia zu miethen, der Unterſchied wäre gering genug geweſen; vielleicht wäre der Vortheil ſogar auf Seite des beſitzloſen Advokaten gefallen, der ſeinen Weg im Leben machen konnte und Chancen des Erfolges vor ſich hatte. Aber ſo war ſchon Churchill's erſte Rede im Parlamente ein Erfolg geworden. Er hatte eine be⸗ ſondere Fähigkeit für Komité's entwickelt, hatte langſam vor⸗ gehenden Mitgliedern vom Lande gezeigt, wie ſie die ihnen zufallende Arbeit im fünften Theile der Zeit abfertigen konnten, die ſie ſonſt benöthigt, hatte viel Erfahrungen im Eiſenbahn⸗ weſen und im Minenbau gezeigt mit einem Worte, er ging eifrig an ſeine Pflichterfüllung, und dies imponirte. Er war keiner jener ſchablonenhaften Volksvertreter, ſtatt deren man ganz gut auch Automaten verwenden könnte, welche jedenfalls den Vortheil gäben, daß ſie billiger zu ſtehen kämen. Männer in hoher Stellung erachteten ihn als einen Mann, zu dem man Beziehungen ſuchen müſſe, und ſo hatte Churchill Penwyn, ehe die Seſſion vorüber war, die erſten Früchte des parlamentariſchen Erfolges gekoſtet.

Wenn vielleicht je ein Mann in Gefahr gerieth, durch ſeine Gattin verdorben zu werden, ſo war Churchill Penwyn

dieſer Mann. Madge vergötterte ihn einfach. Ihn loben zu hören, ihn geehrt zu ſehen, war für ſie vor Allem das höchſte Lob, die höchſte Ehre. In allen Verhältniſſen ihres Lebens dachte ſie zuerſt an ſein Intereſſe; ſie wählte ihre Bekannt⸗ ſchaften nach ſeinen Wünſchen und würde die größte Partie der Saiſon aufgegeben haben, um in ſeinem dunklen Studir⸗ zimmer am Eaton⸗Square an ſeiner Seite zu ſitzen und Paragraphen aus dem Blaubuche für ſeine Benutzung und zu ſeinem Gebrauche zu kopiren. Churchill ſeinerſeits hütete ſich, auf einer ſo uneigennützigen Hingebung zu beſtehen, und war niemals ſtolzer, als wenn er ſeiner Gattin zu kleinen ſozialen Triumphen verhelfen konnte. Er wählte die Farbe ihrer Kleider und nahm an ihrer Toilette ſo viel Intereſſe, wie an dem Zuſtande ſeiner Minen. Er ſchien niemals ſo glücklich, als an jenen wenigen Abenden, die er allein mit Madge zu⸗ brachte, oder wenn er mit ihr irgend eine Lieblingsoper hörte und dann ruhig nach Hauſe ging zu einem gemüthlichen Sou⸗ per zu Zweien, während Viola zur Genüge ihres Herzens unter der Obhut einer Ehrendame wie Lady Cheshunt ſich dem Vergnügen des Tanzes hingab.

Dieſe freundliche Wittwe war entzückt von dem häuslichen Leben der Penwyn's.

Meine ſüße Liebe, Sie erneuern in Einem den Glauben an Arkadien, ſagte ſie einmal zu Madge in ihrer enthu⸗ ſiaſtiſchen Redeweiſe.Ich muß Ihnen wirklich einen Schäfer⸗ ſtab und ein oder zwei Lämmer kaufen, die ſie an blauen Bändern herumführen. Sie ſind die Liebenswürdigkeit ſelbſt. Zu ſehen, wie Sie Ihren Gatten verehren, das ſetzt mich im Geiſte in die Tage von Baucis undWie hieß er doch zurück und ſo weiter. Und wenn ich bedenke, wie ich Sie warnte vor dieſem vortrefflichſten aller Männer! Aber wer konnte damals wiſſen, daß der junge Penwyn ſo bald ſterben würde?

Wann kommen Sie, mich auf unſerem Gute zu beſuchen? fragte Madge, lachend über das Entzücken ihrer Freundin In London können Sie ſich noch keine vollſtändige Idee bil⸗ den von meinem häuslichen Glücke. Sie müſſen mich daheim ſehen in meinem Arkadien, mit dem Schäferſtabe und der Herde.

Sie theures Kind! Im Auguſt komme ich gewiß.

Ach, wie wird es mich freuen! Sie müſſen aber gewiß vor dem Fünfundzwanzigſten kommen. Das iſt Nugent's Ge⸗ burtstag; wiſſen Sie, ich gedenke zu Ehren dieſer Gelegenheit ein Hirtenfeſt zu veranſtalten; Sie werden alle unſere Bauern mit ihren Kindern ſehen, und die rauhen Minengräber, und dabei entdecken, was für ein ſeltſames Königreich wir im Weſten von England regieren.

Meine Theuerſte, ich ſehe nicht gern ſo arme Leute wie dieſe Pächter und Hüttenbewohner aber ich werde kommen, um Sie zu ſehen.

28. Kapitel. Des Jebens Zukunft ſtrömt in die Vergangenheit. Mehr als ein Jahr war vergangen, ſeit Maurice Cliſſold ſich von Borcel⸗End verabſchiedet, und er hatte noch nicht Muße gefunden, dieſe friedliche Heimſtätte wieder zu beſuchen. Er hatte in der Zwiſchenzeit mit Martin Trevanard regel⸗ mäßig korreſpondirt und Alles gehört, was von Borcel⸗End