292 Concordia.
„Martin, ich möchte Ihnen etwas ſagen, was Sie aber vielleicht beleidigt, und dennoch iſt es etwas, das zu berühren ich mir nicht verſagen kann.“
„Ich denke nicht, daß zwiſchen Ihnen und mir eine Be⸗ leidigung zu fürchten iſt— wenigſtens nicht von meiner Seite.“
„Ich bin deſſen nicht ſo gewiß; manche Gegenſtände zu berühren, iſt auch zwiſchen Freunden gewagt. Sie erinnern ſich unſeren Geſprächs über Ihre Schweſter? Nun, ich habe ſie ſeitdem zweimal geſehen, und ich ward für deren traurige Geſchichte mehr intereſſirt, als ich es ausdrücken kann. Es ſcheint mir, daß es in ihrer Geſchichte etwas giebt, was Sie, als ihr Bruder, wiſſen ſollten, oder daß ſie, mit einem Worte, Ihrer Liebe und Ihres Schutzes bedarf. Setzen Sie nicht einen Augenblick voraus, daß ich Ihnen etwas gegen Ihren Vater oder gegen Ihre Mutter zumuthen möchte. Dieſe haben gegen Ihre Schweſter gewiß nach ihrer Einſicht ihre Pflicht gethan, aber es iſt möglich, daß dieſe eine thätigere Freund⸗ ſchaft nöthig hat, eine ſympathiſchere Zuneigung, als jene geben können. Sie ſchließt ſich an ihre alte Großmutter— eine ſchwache Zuflucht. Wenn die alte Mrs. Trevanard ſtirbt, wird Ihre Schweſter eine natürliche Pflegerin und Beſchützerin verlieren. Es wird Ihre Pflicht ſein, ihr dieſes Loos zu er⸗ leichtern, Ihre Liebe zwiſchen ſie und das Gefühl der Ver⸗ laſſenheit zu ſetzen, das ſich dann in ihr erheben mag. Sie zürnen mir nicht, daß ich ſo viel ſage?“
„Ihnen zürnen? In der That, nein! Sie machen mich nachdenklich. Das iſt Alles. Die arme Muriel! Ich war ihr ſo zugethan, als ich noch ein kleiner Junge war, und vielleicht habe ich in ſpäteren Jahren zu wenig an ſie gedacht. Meine Mutter liebt keine Dazwiſchenkunft in dieſem Punkte— ſie liebt es auch nicht, daß ich von meiner armen Schweſter ſpreche, und ſo habe ich mich daran gewöhnt, die Dinge gehen zu laſſen, und zu ſchweigen. Ehrlich geſagt, wenn ich gedacht hätte, daß für Muriel etwas zu thun ſei, daß ſie beſſer ge⸗ halten werden könnte, als es der Fall iſt, daß man ſie glück⸗ licher machen könnte, ich wäre der Erſte geweſen, den Verſuch zu machen, ihr eine ſolche Verbeſſerung zuzuwenden. Aber meine Mutter hat mir immer geſagt, daß nichts zu thun ſei, als ſich dem Willen der Vorſehung zu unterwerfen.“
„Ihre Mutter mag recht haben, Martin; es iſt nicht meine Sache, der ich ein Fremder in Ihrer Heimat bin, über ſie zu urtheilen. Aber der Fall Ihrer Schweſter ſcheint mir höchſt mitleidswürdig, und es würde lange dauern, bis ihr Bild aus meinem Geiſte verſchwunden iſt. Wenn jemals eine Zeit kommen ſollte, in der Sie den Rath oder Beiſtand eines Mannes von Welt in dieſer Sache brauchen könnten, ſeien Sie gewiß, meine beſten Dienſte werden zu Ihrer Verfügung ſtehen. Und wenn Sie jemals eines Geſchäftes oder des Ver⸗ gnügens wegen nach London kommen, erinnern Sie ſich, meine Heimſtätte zu der Ihrigen zu machen.“
„Ich werde Sie beim Worte nehmen. Aber es iſt wahr⸗ ſcheinlicher, daß Sie nach Borcel⸗End kommen, als ich nach London, denn, merken Sie wohl, ich zähle auf Ihr Kommen im nächſten Sommer. Und da Sie jetzt mit den Leuten im Schloſſe ſo befreundet ſind, haben Sie eine neue Urſache, zu kommen,“ ſetzte Martin hinzu, nicht ganz ohne einen etwas bitteren Beigeſchmack.
„Martin, die Verſuchung für mich, nach Borcel⸗End zu
kommen, iſt groß genug, auch wenn das Schloß nicht in Frage kommt.“
Martin ſchüttelte ungläubig den Kopf.
„Miß Bellingham iſt zu hübſch, um außer Frage gelaſſen zu werden,“ ſagte er.
„Miß Bellingham! Das iſt eine Schönheit wie von ſächſiſchem Porzellan, ein ſehr feines menſchliches Exemplar in Wachsarbeit. Ich habe Ihnen mein Abenteuer in dieſer Richt⸗ ung erzählt, Martin. Ich werde nicht leicht ein zweites Wag⸗ niß unternehmen.“
Sie ſchieden mit dem freundlichſten Lebewohl, und Maurice fühlte, daß er etwas mehr als eine zufällige Bekanntſchaft in Borcel⸗End hinter ſich laſſe.
27. Kapitel. „Solch' ein Herrſcher iſt Ciebe.“
Nichts konnte vollkommener ſein als die heitere Ruhe, welche in dem häuslichen Leben zu Penwyn herrſchte. Das Urtheil, welches ſich Maurice Cliſſold über dieſes Leben ge⸗ bildet, wie er es von der Außenſeite geſehen, wurde auch durch den inneren Anblick täglich beſtätigt. Herr und Frau Pen⸗ wyn hatten keine eigenen Manieren für Geſellſchaften. Sie gaben ſich vor einem Fremden nicht das Anſehen eines muſter⸗ haften Ehepaares, um kleine Differenzen bei Muße in dem Heiligthum des Ankleidezimmers der Lady oder in dem Studir⸗ zimmer des Gentleman zu ſchlichten. Sie hatten keine Differenzen, ſondern lebten nur Eines für das Andere.
Dennoch, ſo unmöglich iſt vollkommenes Glück für irrende Sterbliche, gab es auch hier ein Häkchen; die hingebendſte Zärtlichkeit, ein Frieden, der an ſeinem ſchönen Horizonte auch nicht ein Sommerwölkchen kannte— ſie waren da, wahr⸗ haftig— aber nicht vollkommenes Glück. Madge Penwyn hatte irgendwie, durch irgend eine ſubtile Macht der Ahnung, wie ſie ängſtlichen Weibern gegeben iſt, entdeckt, daß ihr Gatte, ſo zärtlich er ſie liebte, doch nicht ganz glücklich war, daß er Stunden der Gedrücktheit hatte, in denen ihm die Welt, wie Hamlet ſagt,„aus den Angeln“ ſchien— dunkle Momente, in denen auch ſie nicht den Zauber beſaß, der den Dämon vertreiben konnte.
Vergebens ſuchte ſie nach einer Urſache für dieſe ver⸗ änderliche Stimmung. War er ihrer müde? Hatte er ſeine Gefühle mißkannt, als er ſie zu ſeiner Gattin erwählte? Nein⸗ auch wenn ſie ſeine Anfälle zumeiſt in Verwirrung ſetzten, konnte ſie an ſeiner Liebe nicht zweifeln. Das enthüllte ſich ihr mit der einfachen Gewalt der Wahrheit. Sie kannte ihn gut genug, um zu wiſſen, daß ſeine Liebe zu ihr die beſſere Hälfte ſeiner Natur war.
Einmal, nahe vor einem Ereigniſſe, welches den geheiligten Kreis ihres häuslichen Lebens vervollſtändigen ſollte, als ihre Natur beſonders ſenſitiv war und ſie ihn zärtlich umſchlungen hielt, wagte es Madge, von der zeitweiligen Düſterheit und Verſtimmung ihres Gatten zu ſprechen.
„Ich fürchte, daß Deinem Leben doch noch etwas fehlt, Churchill,“ ſagte ſie ſanft und bemüht, nicht irgend eine alte Wunde zu berühren—„daß Du nicht ganz glücklich biſt zu Penwyn.“
„Nicht glücklich! Meine theure Liebe, wenn ich hier nicht glücklich bin, hier mit Dir, dann giebt es überhaupt kein


