286
Concordia.
jetzt vielleicht die letzte Möglichkeit geöffnet, den Geliebten wieder an ihre Bruſt zurückzuführen. Sie ſchwankte; ſchon wollte ſie die Lippen öffnen und den Vater Worte hören laſſen, wie er ſie wünſchte. Aber ſie bezwang ſich; ſie hatte doch auch ihre bedeutende Doſis Stolz und Empfindlich⸗ keit, und dieſe ſiegten noch einmal über die Sehnſucht der Liebe. Sie ſagte ſich, daß ſie in Robert's Augen verlieren müßte, wenn ſie ſeiner trotzigen Forderung nachkäme.
„Nein, Vater!“ entgegnete ſie matt,„Erich und ich haben einen anderen Plan verabredet. Wenn er gelingt, dann werde ich mich mit Robert gewiß verſöhnen. Wenn er ſcheitert— nun, dann muß eben Alles verloren ſein.“
Sie drückte ihre Hand vor die Augen.
Felden betrachtete ſie einen Augenblick mit einer Art zornigen Erſtaunens.
„Ich glaube, Du haſt Deine Seele mit einer anderen ver⸗ tauſcht,“ ſagte er,„ich erkenne Dich nicht mehr. Gut, gehe Deinen eigenen Weg. Aber des Einen erinnere Dich. Von Vaterliebe für Dich iſt bei mir ferner nicht die Rede, wenn Du den braven, guten Robert Deinem Eigenſinn aufopferſt.“
Damit verließ er Meta, um zu ſeiner Frau zu gehen und ihr eine unangenehme Stunde zu bereiten.
9. Kapitel.
Der die Entſcheidung bergende Sonntag Nachmittag war gekommen. Erich hatte eben das Haus verlaſſen, um Robert zu dem Spaziergange„zu preſſen“, wie er ſcherzend ſagte. Meta ließ ſich von ihrer Couſine ankleiden, ſie ſchien nicht eines klaren Gedankens, nicht der geringſten Willensäußerung fähig. Nur als Adele, den heißen Tag berückſichtigend, das roſige Sommerkleid vor ihr ausbreitete, da wandte ſie ſich mit ſchmerzverzogenem Geſicht ab.
„In dieſem Kleide war ich zum letzten Male glücklich!“ ſagte ſie.„Gieb mir ein anderes, gieb mir das ſchwarze, das paßt heute für mich.“
Sie legte beide Hände an ihre heftig pulſirenden Schläfe. Wangen und Augen brannten ihr in Fiebergluth.
„Warum es hier ſo klopft und ſchmerzt?“ fuhr ſie leiſe fort,„mir iſt ſo eigen zu Muthe. Mein Kopf ſchwindelt. Ich muß mich zuſammennehmen. Gieb das ſchwarze Kleid. Es paßt trefflich.“
„Liebe, liebe Meta,“ ſagte Adele ängſtlich und demüthig, „kannſt Du mir verzeihen? Ich habe Unheil in Dein Leben gebracht, ich ſehe es immer klarer ein. Ich verſtand Dichtung und Wirklichkeit nicht zu unterſcheiden; anders malt der Schrift⸗ ſteller das Leben, als es in Wahrheit iſt. Ich habe mich verirrt und Dich in meine Verirrung mit hineingezogen. Und nun hängt es leider nicht mehr von mir ab, die böſen Folgen zu ver⸗ hüten. Ich muß Alles dem Schickſal überlaſſen. Mir iſt ſo bang, ich fühle ſo viel Reue. Verzeihe mir, Meta! Ich wußte ja nicht, daß ich Dich ſchlecht leitete.“
Weinend warf ſich Adele auf die Kniee.
„Stehe auf,“ erwiderte Meta mit einem traurigen Lächeln. „Ich habe Dir ſchon verziehen. Meine eigene Thorheit brachte das Elend über mich. Die Mutter hatte recht. Du biſt zu entſchuldigen, mir iſt es aber nicht zu verzeihen, daß ich den rechten Weg, den ich ſo klar vor Augen ſah, mit einem Irr⸗
wege vertauſchte. Ich büße ja dafür. Sei ruhig, Adele. Es iſt ſchon Alles gut zwiſchen uns.“
Sie ſank auf einen Stuhl. Handſchuhe.
„Geh' an's Fenſter,“ ſagte Meta,„ſie müſſen bald vorüber⸗ kommen.“
Adele gehorchte.
Frau Felden trat jetzt ein; ſie war ſchon völlig angekleidet. Als ſie ihre bebende, in ein Trauergewand gehüllte Tochter erblickte, konnte ſie einen leiſen Schreckensruf nicht unter⸗ drücken.
„Meta, wie ſiehſt Du aus?“
Sie ſchlang ihre Arme liebkoſend um Meta's Nacken.
„Armes Kind, ſei ruhig,“ flüſterte ſie,„noch iſt nichts verloren. Du liebſt ihn, er iſt Dir mit der glühendſten Zärt⸗ lichkeit ergeben, wo liegt da die Unmöglichkeit einer Verſöhn⸗ ung? Du haſt Dich zu thörichten Handlungen und Aeußer⸗ ungen hinreißen laſſen, das wirſt Du Robert eingeſtehen, und weiter bedarf es zwiſchen Euch nichts.“
Ein Fieberſchauer durchrieſelte Meta. Sie ſchüttelte muth⸗ los den Kopf.
„Wie früher kann es nicht werden,“ erwiderte ſie.„Ich will Robert zu verſöhnen ſuchen, denn ich vermag nicht ohne ihn zu leben; aber Glück giebt es für mich keines mehr. Ich habe Robert's Liebe verloren!“
Frau Felden wollte eben widerſprechen, als Erich ungeſtüm eintrat.
„Es iſt nichts mit dem Spaziergange,“ ſagte er.„Robert verreiſt noch in dieſer Stunde. Er—“
Ein erſchütternder Schrei unterbrach ihn. Meta hatte ihn hervorgeſtoßen aus der Tiefe ihres Herzens und ſank mit ge⸗ ſchloſſenen Augen in die Arme ihrer Mutter. Dieſe legte ſie mit Erich's Hilfe auf das Bett und eilte dann, einige vor⸗ räthige Medikamente zu holen; gleichzeitig ſchickte ſie nach einem Arzte.
Auch Adele hatte mit beflügelten Schritten das Gemach verlaſſen. Sie rannte hinab auf die Straße, immer weiter, bis ſie Robert's Wohnung erreichte. derſelbe bereits an den Bahnhof gegangen ſei. Ohne ſich zu bedenken, ſetzte ſie in noch größerer Eile ihren Weg ſort. Die Leute, denen ſie begegnete, ſahen ihr verwundert nach, ſie kümmerte ſich nicht darum. Im Hauskleide, ohne Hut, die dunklen Locken im Winde faatternd, ſo flog ſie, leicht wie eine Elfe, dahin. Endlich hatte ſie den Bahnhof erreicht. Es war die höchſte Zeit, ſchon drängten ſich die Reiſenden nach dem Perron. Suchend irrten die Blicke des athemloſen Mädchens im Warteſaal umher, plötzlich leuchteten ſie in leb⸗ hafter Freude auf. Dort, nahe an der Ausgangsthüre, ſtand Robert. Adele ſtürzte auf ihn zu und ergriff ſeinen Arm.
„Sie dürfen nicht reiſen!“ ſtammelte ſie. Mehr vermochte ſie vor Aufregung und Athemnoth nicht hervorzubringen.
Er ſah ſie erſtaunt und fragend an. Ihr ganzes Ausſehen war ſo auffällig, daß ſich bereits ein Kreis von Menſchen um ſie geſammelt hatte.
„Ich muß reiſen,“ ſagte der junge Arzt mit großen Ernſt, „meine Pflicht ruft mich. Es iſt ein gefährlicher Krankheits⸗ fall, der raſche Hilfe erfordert— die Kenntniſſe des Dorfarztes reichen nicht hin, ich wurde telegraphiſch nach Stein berufen.“
Adele brachte ihr Hut und
Dort erfuhr ſie, daß
—


