Jahrgang 
1 (1879)
Seite
284
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284 Concordia.

Du, Orgowani, in Paris?

Was? Orgowani? das war einmal gut, da die Ge⸗ ſchäfte,

Alſo Baron von Osmond.

Der hat ja in den Flammen von Maſeard ſeinen Tod

gefunden. Nein, ich habe meinen alten Namen wieder an⸗ genommen. Cartouche, der Vicomte von Villebrais hat die

Ehre, Dich zu umarmen. Sodann wandte er ſich zur Ge⸗ ſellſchaft:In der That, meine Herren und Ihr holdſeligen Nymphen, unſer Lami hat nicht allein nicht zu viel von dieſem Jüngling Euch vorgeſchwatzt, ſondern viel zu wenig. Hat er ihn Euch nur als geſchickten Taſchenleerer empfohlen, ſo füge ich noch hinzu, ich bin ſtolz darauf, der Lehrer dieſes frühreifen Genie's zu ſein. Da iſt der Arm, der nicht vor dem Stoße zurückſchreckt, da iſt der Fuß, der kaltblütig über die nothwendige Leiche dahinſchreitet, da iſt der Kopf, der nie an Entwürfen arm iſt. Wahrlich, Ihr Männer mögt in Euerem Fache recht geſchickt ſein, aber Jeder von Euch wird hier ſeinen Meiſter finden. Lächele nicht, Griſſet! Du wirſt Dich bald von der Wahrheit meines Wortes überzeugen. O, ich könnte Euch Abenteuer von ihm erzählen, die Alles ver⸗ dunkeln, was bisher zu Eueren Ohren gedrungen, in Euerer Einbildungskraft entſtanden iſt. Beim Himmel, wenn wir lang' mit unſeren Thaten vergeſſen ſind, wird man noch ſeiner ſich erinnern, Deiner, Dominique Cartouche.

Die Lobrede, die der Lehrer ſeinem Schüler gehalten, ver⸗ fehlte nicht ihren Eindruck; freilich war derſelbe nicht ſo all⸗ gemein in dem Sinne, wie der Sprecher es beabſichtigt hatte. Nur die beiden weiblichen Weſen blickten mit Bewunderung auf den Eingeführten; die drei Herren trugen um ihren Mund einen Zug, wie ihn der Neid entſtehen läßt, oder der Spott, oder die Vermiſchung von beiden. Den Empfindungen gab der Eine ſogar in Worten Ausdruck, ein Mann von unter⸗ ſetztem, ſtarkem Körperbau in der Tracht der Arbeiter.

Villebrais, es ſcheint, als nähmeſt Du ganz in dem Maße Deiner Figur den Mund voll. Gern glauben wir, daß Joſef ſich nicht geirrt hat, daß unſere Verbrüderung ein brauchbares Glied in Deinem früheren Schüler erhält, und reichen ihm des⸗ halb gern die Hand; ſehr unrecht haſt Du aber, wenn Du unſere Leiſtungen über die Achſel anſiehſt. Ich will Dich nicht beleidigen, aber ich frage, ob Einer mehr der Verbindung genützt als ich, ſelbſt unſeren Lami nicht ausgenommen. Ich bin nicht ſo jung als Dein Schutzefohlener, zweifele aber darum, daß ich deshalb weniger Erfahrungen geſammelt habe.

Villebrais zog die Augenbrauen zuſammen; ehe er jedoch ein Wort geſprochen, hatte Dominique begonnen:

Wohlgeſprochen, Freund; aber noch beſſer gedacht als ge⸗ ſprochen! Was Ihr an mir haben werdet, wird die Zukunft

lehren, und es iſt mein Schaden, wenn mein alter Freund zu⸗ viel gelobt hat; ebenſo wird es ſich zeigen, ob ich von Euch

Vortheil habe. Das kann ich Euch jedoch verſichern, daß Ihr nie eine Ueberhebung bei mir wahrnehmen werdet, daß ich ſollte ich mehr leiſten als ein Anderer nicht darauf pochen werde. Will dieſer Bund nicht zerfallen, ſo bedarf er ent⸗ weder des völligen Sichhingebens jedes Einzelnen für denſelben, ohne egoiſtiſchen Grund, ohne neidiſche Selbſtſucht oder der einheitlichen Kraft eines Oberhauptes. Glaubt nicht, daß ich dies Letztere Euch anempfehle; auch im erſteren Falle kann dieſe Verbrüderung gedeihen und für Jeden Einzelnen Frucht

bringen. Darum auch werde ich mich ihr anſchließen, darum auch reiche ich Euch als Freund die Hand.

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Wir werden ſie mit Freuden ergreifen, ſagte Joſef Lami. Zuvor, Herr Cartouche, treten Sie aber an dieſen Tiſch und geloben auf den Dolch Treue unſerem Bunde, unter keinen Umſtänden Verräther an ihm zu werden, mögen auch Folter und Galgen drohen, wie auch gegen jeden Einzelnen dieſelbe Gewiſſenhaftigkeit zu bewahren. Ich werde Ihnen die Formel vorſagen.

Und wer rächt den Eidbruch?

Jeder Einzelne iſt dazu verpflichtet.

Schön. Mag jedes Einzelnen Dolch mich treffen, wenn ich je Verräther werde, wie ich Jeden vernichten werde, der ſich dieſes Vergehens ſchuldig macht. So einfach die Worte geſprochen waren, ſolchen tiefen Eindruck machten ſie auf Alle es war die Wahrheit des Ausdrucks, welche tief in das Herz jedes Einzelnen drang.

Dominique leiſtete den Eid, der ihn den übrigen Gaunern verband. Darauf küßte ihn Lami und ſtellte ihm ſeine Ge⸗ noſſen vor.

Hier unſere Perle, Fräulein Marguerite manchmal auch unter anderem Namen ein Mädchen von ungeheuerer Unſchuld und Tugend, Tochter einiger Dutzend Väter, prächtig gebaut, von hübſchem Geſichte, wie Sie ſehen, und gegen Freunde nicht allzu grauſam. Dabei gute Tänzerin und voll⸗ endete Sängerin. Ihre dunklen Augen haben als Irrlichter ſchon manchen Gimpel in unſer Netz geleitet.

Marguerite war in der That eine Schönheit von mittlerer Größe und üppigen, reizenden Formen; größer und magerer, wie auch älter und muskulöſer gebaut war ihre Freundin, Madame Adelaide, die Joſef Lami folgendermaßen vorſtellte:

Hier unſer Juwel, Madame Adelaide, wohlerzogene Tochter redlicher Eltern aus dem Bürgerſtand, die ſo einfältig waren, ihr das Haus zu verſchließen, nachdem ſie mit ihrem Gelieb⸗ ten, unſerem Griſſet, in einem Bette angetroffen war und der Herr Papa ſich überzeugt hatte, daß Beide mit dem Prieſter nicht gern viel zu thun haben wollten. Madame Adelaide hat dann eine Erziehungsanſtalt für guterzogene Töchter ge⸗ gründet, wo ſich dieſelben prächtig amüſirt haben. Da kam die Juſtiz, und unſer Juwel zog ſich auf's Land zurück. Nach Paris zurückgekehrt, hat ſie ihren wahren Wirkungskreis in unſerem Bunde gefunden, erſpäht als anſtändige Frau die Gelegenheit und verſteht den Handel mit gewiſſen Dingen

aus dem Grunde Herr Cartouche, Sie werden ſie als eine wahre Freundin ſtets erkennen. Hier, fuhr Joſef Lami

fort,zeigt ſich Ihnen der unübertreffliche Griſſet, deſſen ich ſchon erwähnt habe: ein Mann, dem die Bonhommie aus den Augen leuchtet, wie geſchaffen, zärtliche Väter, ſolide Kauf⸗ leute und dergleichen mit ungemeiner Virtuoſität und ſeltener Täuſchung zu ſpielen, ein Talent, das Molière ſicher würde für die Bühne gewonnen haben.

Wie bei den Damen, wechſelte Cartouche einige verbind⸗ liche Worte mit Griſſet. Mit Uebergehung Orgowani's, oder des Vicomte de Villebrais, wie er ſich jetzt nannte, ging Joſef

zu dem Manne in der Arbeitertracht über.

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Bras de fer, Herr Cartouche, iſt der Beiname, welchet

dieſen unſeren Freund charakteriſirt. Kraft und Muth paaren ſich in ihm in ſchönſter Harmonie.

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Wo es gilt, ein Schloß