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Concordia.
„Sehr ſchön, und doch muß ich um einen Augenblick Ge⸗ duld bitten. Es ſollte mir leid thun, wenn ich mich irrte und eine Ehrenſache aufhalte— aber je mehr ich dieſen Herrn betrachte— Marquis du Tremblai, kennen Sie den Herrn, mit dem Sie ſich zu ſchlagen beabſichtigen—? die Aehnlich⸗ keit——“
„Ich hoffe nicht, daß er mein Bruder iſt,“ ſagte lächelnd Tremblai und legte ſich aus.
„Herr Chevalier de Vert,“ fuhr Ernſt de Villeneuve fort, „darf ich fragen, aus welcher Gegend Ihre Familie ſtammt?“
„Mein Herr,“ nahm Cartouche's Sekundant das Wort, „Sie äußern ein Beleidigung, ehe die erſte geſühnt iſt.“
„Verzeihung, das iſt nicht der Fall; denn der Herr Cheva⸗ lier wird mich zu ſeinen Dienſten finden, wenn er mir be⸗ weiſen kann, daß er nicht der Sohn des Weinſchänken Car⸗ touche iſt, den man eines Diebſtahles wegen aus dem Collège Clermont, deſſen Zögling zu ſein auch ich die Ehre hatte, ſchmählich wegjagte.“
Dominique's Antlitz war wie mit Purpur übergoſſen. Er hatte ſich auf eine Erkennung vorbereitet; jetzt war der Schlag gefallen und hatte ſeine Vorbereitungen vernichtet. Die Geiſtesgegenwart, die ihm ſonſt eigen, war dahin, er knirſchte mit den Zähnen, ſeine Hand riß den Degen aus der Scheide, und wüthend wollte er ſich auf den Feind ſtürzen; ſein Se⸗ kundant hielt ihn zurück.
„Sie haben gehört, was gegen Sie behauptet wurde, und ich nehme die Beleidigung für mich auf, wenn Sie mir be⸗ weiſen, daß——“
„Schamloſe, niederträchtige Verleumdung!“ ſchrie Cartouche, „ich ſteche den Schuft zu Boden.“
Villeneuve faßte die Hand des Marquis.
„Kommen Sie! Der Zweikampf iſt mit einem abenteuern⸗ den Betrüger nicht möglich; für den iſt die Hundepeitſche der Bedienten geſchaffen.“
„Niederträchtige Memmen!“ kreiſchte Dominique und wollte ihnen nach.
„Nicht alſo, mein Herr, das iſt nicht der rechte Weg,“ verſetzte ſein Sekundant.„Man hat auf Sie Beſchuldigungen gehäuft, die auf den Urheber zurückſchlagen, wenn ſie ſich als falſch erweiſen. Es wird Ihnen leicht werden, mir die Be⸗ weiſe zu zeigen, daß Sie nicht einen angemaßten Titel, einen falſchen Namen führen, daß Sie nicht der Sohn eines Wein⸗ ſchänken ſind.“
„Und führe ich nun den Beweis, wie Sie es wünſchen?“
„So werde ich Herrn von Villeneuve öffentlich als Ver⸗ leumder brandmarken.“
„Gut, gut; aber beſſer, ich hätte ihn über den Haufen geſtochen.“
„Nein, nein, das iſt meine Sache. In vier Stunden bin ich mit einigen Freunden bei Ihnen, um die Beweiſe ein⸗ zuſehen, daß Villeneuve einen Edelmann fälſchlich beſchuldigt hat. Adieu. Auf Wiederſehen.“
Dominique blieb allein zurück.
„Auf Wiederſehen? Meine Rolle als Chevalier de Vert hat ihr Ende erreicht; ich muß eine andere wählen.— Ver⸗ dammt, daß ich geſtern an dieſen Dubois ſo viel verloren habe.
Raſch zu Sidi, wir müſſen verſchwunden ſein, ehe mich die
Herren aufſuchen. Villeneuve, dieſe Partie haſt Du gewonnen;
die Revanche wird nicht ausbleiben.“
5. Kapitel. Das Bündniß.
Die Meſſe war beendigt, die andächtige Menge zerſtreute
ſich. Das Herbſtwetter war nicht dazu angethan, lange auf dem Platze vor der Notre⸗Dame zu weilen, um dort mit Be⸗ kannten Gruppen zu bilden und ſich in Unterhaltung einzu⸗ laſſen. Ein Wagen nach dem anderen, der ſeine Beſitzer auf⸗ genommen, rollte dahin.
Aus dem Mittelportale trat ein junger Mann mit demüthiger Miene, die Augen auf das Steinpflaſter gerichtet. Ohne auf die Bitten der Armen zu hören, ohne die Jammergeſtalten zu ſehen, ſchritt er dahin. Er war völlig ſchwarz gekleidet, man hätte ihn für einen Abbé halten können, fehlte ihm auch das Mäntelchen.
Geſenkten Hauptes ging er die Straßen entlang, der Notre⸗Dame⸗Brücke zu. Hier erſt ſchlug er die Augen auf und ſtand einem ehrbar gekleideten jungen Weibe gegenüber.
„Biſt Du ſchon lange hier?“ fragte er in leiſem Tone.
„Noch keine zwei Minuten,“ lautete die Antwort.
„Wie ging das Geſchäft, Sidi?“
„Es hätte beſſer ſein können, Dominique.“
„Was nicht der Morgen bringt, ſchickt Gott am Abend— ich bin zufrieden.“
„Wieviel, meinſt Du, gehört zur Zufriedenheit?“
„Für unſere jetzigen Verhältniſſe leider wenig.“
„Gehen wir nach Hauſe? ich habe Luſt, ein Glas Wein zu trinken,“ meinte Sidi.
Der junge Mann bot ihr den Arm und ſie gingen raſch. vorwärts. Ehe ſie aber noch das Ende der Brücke erreicht hatten, legte ſich eine Hand auf Dominique's Schulter. Zu⸗ gleich hörte derſelbe die Worte:
„Mein Herr, iſt Ihnen eine Aſſoziation gefällig?“
„Ich bin kein Mann von dieſer Welt,“ antwortete Do⸗ minique in ſanftem, demüthigem Tone. Dabei wandte er den Kopf. Ein hochgewachſener Herr in ſauberer Tracht ſtand lächelnd vor ihm.
„Gewiß, gewiß,“ bemerkte derſelbe,„ich habe ſchon ſeit einiger Zeit Ihre Andachtsübungen beobachtet und erkannt, daß Sie Der ſind, welchen ich zum Genoſſen wünſche. Iſt es Ihnen genehm, ſo folgen Sie mir mit Ihrer jungen Schweſter im Herrn. Es iſt nicht weit von hier, und ich hoffe, daß Sie meine Propoſitionen annehmbar finden.“
„So bitte ich, uns voranzugehen.“
Der Fremde ſchlug die Richtung nach der Rue Aubry le Boucher ein. Hier blieb er vor einem Hauſe von ſtattlichem Ausſehen ſtehen und verſchwand in demſelben.
„Biſt Du auf alle Fälle vorbereitet?“ fragte Sidi.
„Sei unbeſorgt,“ lächelte Dominique.„Hier, nimm dies Packet und geh' nach Hauſe. In vier Stunden bin ich bei Dir. Adieu.“
„Und wenn Du in vier Stunden nicht da biſt?“
„Hege keine Beſorgniß, ich bin verſehen.“
Er drückte ihr die Hand, ſie trennten ſich. trat in das Haus, in das der Fremde gegangen war. ſtellte ſich ihm der Portier entgegen.
Dominique Hier
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