280 Concordia.
doch ich wagte nicht, es auszuſprechen, die Couſine ſah zu ernſt aus.
„Nun ſage es, was wünſcheſt Du? Es iſt zwar Thorheit, ein Kind, wie Du biſt, zu fragen.— Der Vetter kann jeden Augenblick zurückkommen; ſoll er kommen, oder Herr Auſtin?“
„Bitte Vetter Ulih, zu mir zu kommen,“ antwortete ich furchtſam. In der Dämmerſtunde trat er in mein Zimmer. Ich hatte ſo mancherlei zu ſagen und zu fragen, als er aber nach der erſten Begrüßung ſich einen Stuhl neben mein Lager rückte und meine Hand ergriff, ſchloß ich meine Augen und blieb ſtill.
„Kind, was haſt Du angefangen, um Dich ſo aufzuregen?“ fragte er, während er meinen Puls fühlte.
„Ich weiß es nicht— nichts!“ erwiderte ich mit ſchwacher Stimme, dabei ſchlug mir das Herz heftig, und ich fing an, zu weinen.
„Ich hoffe doch, Du haſt Alles, was Du wünſcheſt, Petronel?“ fuhr er liebreich fort.
„Ja, Alles!“
„Haſt Du Schmerzen?“
„Nein.“
„Ich ſehe, daß Du Dich krank fühlſt und recht gedrückt biſt. Du mußt aber nur guten Muth haben, der Fieberanfall iſt ſehr heftig geweſen, darum wirſt Du einige Tage noch an⸗ gegriffen ſein, doch ich denke, wenn das ſchöne Wetter anhält,
kannſt Du bald wieder eine Spazierfahrt machen, dand wer⸗ den die Kräfte ebenſo raſch wiederkehren, wie ſie gewichen ſind.— Warum ſchließeſt Du die Augen, iſt das Licht zu ſtreng für Dich?“
„Sie ſind ſehr ſchwach, leſen kann ich nicht,“ flüſterte ich.
„Das darfſt Du auch noch gar nicht verſuchen. Kann Jane Dir nicht mitunter etwas vorleſen?“
„Ja.— Sie lieſt nur ſo undeutlich nnd iſt gar nicht zu verſtehen.“
„Das iſt recht ſchade,“ ſagte er bedauernd. Dann befan⸗ den wir uns eine Weile ſtumm gegenüber. Die Couſine
Narcia wäre die Einzige geweſen, die Jane hätte erſetzen können, doch ich mochte ſie nicht darum bitten, und der Vetter wollte die Idee auch wohl gar nicht anregen, für ſie paßte es beſſer, im Hauſe herumzuwirthſchaften und zu ſehen, daß Jeder ſeine Schuldigkeit thue, wie ſtill zu ſitzen; irgend eine Handarbeit zu machen und gar einer Kranken vorzuleſen, widerſprach ganz ihrem Weſen; ebenſo gut hätte ich Wheeler dazu anſtellen können, mir das Haar zu friſiren. So ließen wir die Couſine ganz aus dem Spiele.
„Ich wünſchte nur, ich könnte dem Mangel abhelfen,“ ſagte Vetter Ulih nach einer Pauſe,„wielleicht geht es, ich will darüber nachdenken, Petronel.“ Darauf ging er von dannen, drückte mir aber vorher noch einen Kuß auf die Stirn.
(Fortſetzung folgt.)
Der Räuberkönig von Varis. Roman von Wilh. Grothe. (Fortſetzung.)
In der That waren es vier Männer, welche die Straße heraufkamen. Der Eine trug eine Laterne, der Zweite eine Leiter, beide in der Tracht der Lakaien; die Anderen dagegen hatten das Ausſehen von Kavalieren, ſoweit es die Dunkelheit erkennen ließ.
Vor dem Hotel des Herrn Moquart blieben die Vier ſtehen.
„Alles dunkel, das ganze Haus ſchläft und Durand hält noch den kleinen Chevalier gefeſſelt. Das iſt die prächtigſte Gelegenheit, die es geben kann. Wo bleibt nur der Wagen, Charles?“
„Er muß in einer Minute hier ſein, Herr Marquis. Wenn ich nicht irre, höre ich ihn ſchon,“ antwortete der Die⸗ ner mit der Laterne, an den die Frage gerichtet war.
„Gut, ſo iſt es die höchſte Zeit. Wird die Leiter bis zu dem Fenſter reichen?“
„Gewiß, ich ſetze meinen Kopf zum Pfande,“ erwiderte der andere Lakai.“
„Das Täubchen wird ſich wundern, wenn es in Deinen Armen erwacht, um im Hemdchen die Leiter herabgetragen zu werden,“ lachte der andere Kavalier.——
„Was iſt das?“ fragte Madame oben im Selbſtgeſpräch. „Es ſcheint, als wolle man mich beſtehlen. Wartet! Euch ſoll der Spaß gereuen.“ Sie flog zu einem Tiſch, auf dem ein Käſtchen von Mahagoni ſtand, nahm aus ihm die beiden doppelläufigen Piſtolen heraus und begab ſich wieder zu dem Fenſter zurück, an welches die Leiter reichte.
Der Marquis war die Leiter zur Hälfte emporgeſtiegen, da riß ſie den Fenſterflügel auf.
„Mein Herr, nehmen Sie Ihren Hut in Acht.“ Dem Worte folgten Blitz und Knall.
„Wahrhaftig, mein Hut iſt mir vom Kopfe geputzt,“ ſagte der Marquis und machte Anſtalt, wieder hinunterzuſteigen, als Madame's Stimme im Fenſter wieder erſcholl:
„Bleiben Sie, mein Herr, ein Schritt vor⸗ oder rückwärts und meine zweite Kugel fliegt durch Ihr Gehirn.“
„Teufel, das iſt eine Amazone, die keinen Scherz verſteht.“
„Im Gegentheil,“ verſetzte Madame;„ſonſt würden Sie nicht mehr leben. Auch möchte ich wiſſen, wie Sie ſich in den Händen der Maréchauſſée benehmen werden. Ich glaube, der Schuß hat ſchon manchen Schläfer wach gemacht.“
Den Lippen des Marquis entfuhr ein Fluch über ſeine ungünſtige Lage. Der andere Kavalier, der bisher bewegungs⸗ los dageſtanden, nahm dagegen das Wort:
„Wir ſind überwunden, Madame, Sie ſind die Siegerin; jetzt iſt es an Ihnen, Großmuth zu zeigen und den Beſiegten zu ſchonen.“*
„So macht, daß Ihr foetkommt; aber merkt es Euch, daß ich das nächſte Mal nicht ſo mild bin.“
In dieſem Augenblick ertönte unten in der Straße eine andere Stimme:
„Ich aber nicht, meine Herren.“
„Vetter, der Chevalier.“
Der Marquis ſprang von der Leiter herunter, zwei Degen
blinkten. Der andere Kavalier warf ſich dazwiſchen.
„Seid Ihr Thoren, hier auf offener Straße Euch ſchlagen zu wollen, während der Knall die Nachbarſchaft on er⸗
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