Jahrgang 
1 (1879)
Seite
278
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ziehen; jede Dame mußte ihn lieben, ganz Rockbury konnte nicht anders, als ihm zu Füßen liegen. Während ich jedoch in meiner Lebhaftigkeit mir Alles hin und her über⸗ legte, fiel es mir ein, daß es doch zum Erſtaunen war, daß im Hauſe ſelbſt noch nie von Aehnlichem die Rede ge⸗ weſen.

Meiner Anſicht nach exiſtirte Niemand, der ſo gut, ſo freundlich und ſo klug war, wie der Vetter Ulih. In Allem, was er that, ſprach ſich ſeine Geduld und ſein Wohlwollen aus. Wer ſonſt in aller Welt hätte es wohl über ſich ge⸗ wonnen, meiner armen Mutter beizuſtehen und für mich zu ſorgen! Außer ihm hatte ich Niemanden, den ich um Rath und Beiſtand bitten konnte, nur bei ihm fand ich eine Heimat, die mir zuſagte. Tief betrübte es mich, wenn ich an den Unterſchied in ſeiner Liebe zu mir, den ſeine Verheiratung hervorbringen mußte, dachte, und faſt ſchien es mir, als ob dieſer Unterſchied ſchon eingetreten ſei. Nichts Anderem ſchrieb ich ſeine ſo auffallend veränderte Stimmung zu.

Jetzt ſah ich klar und verſtand ſein Benehmen. Das Weſen, das ſeine Frau werden ſollte, wer es auch immerhin ſein mochte, hatte ſich ſchon zwiſchen ihn und ſein Adoptivkind gedrängt, hatte ſchon alle ſeine Liebe in Beſchlag genommen, erfüllte ſchon ſeine Gedanken, Zeit und Gefühle und war alleinige Beſitzerin ſeines Herzens; für mich fielen nur noch einige Krumen ab.

Inbrünſtig bat ich Gott, er möge mich nur bald abrufen. Ich wußte weder aus noch ein; in dem einen Augenblick haßte ich meine eingebildete Rivalin und wünſchte nichts ſehnlicher, als ſie vor mir zu haben und tödten zu können, in dem anderen verdammte und beweinte ich meinen ſchmählichen Un⸗ dank und bat den Vetter Ulih innerlich, er möge es mir vergeben, daß ich gegen Jemand, der ihm theuer war, ſo boshafte Gefühle hegen konnte. So quälte ich mich und weinte unaufhörlich. Die Folge war, daß zu meinen Kopf⸗ ſchmerzen ſich ein Fieber geſellte und ich ernſthaft krank wurde.

2. Kapitel.

Meine letzte Erinnerung iſt, daß ich mich unruhig auf meinem Lager hin und her warf und über die Möglichkeit einer Verheiratung meines Vormundes nachgrübelte. Mehrere Tage vergingen, bis mir der Kopf wieder frei wurde, und als ich zur klaren Beſinnung kam, wußte ich nicht, was mit mir paſſirt war. Eine Woche war wie aus meinem Leben geſtrichen, doch der Augenblick, wo ich zur Ueberzeugung kam, daß ich noch lebte, iſt mir noch ſo erinnerlich, als ſei es erſt geſtern geweſen. Es war in der ſpäten Nachmittagsſtunde, als ich aus meinem tiefen Schlaf erwachte. Die Sonne ſank am Horizont herunter, die Vögel ſangen und zwitſcherten, wie ſie es gegen Abend ſo gern thun. Ich fühlte wohl, daß etwas Beſonderes mit mir vorgegangen war, meine Glieder waren ſo ſchwer wie Blei und mein Kopf ſo matt, daß ich ihn kaum bewegen konnte, und doch hatte ich nicht den Wunſch, zu fragen, was mit mir geſchehen ſei und warum ich dort läge. Als ich mein Auge umherſchweifen ließ, begegnete es dem Blick meiner Jane, die mit ihrer Näharbeit neben mir ſaß; aus ihren Mienen las ich, wie freudig es ſie überraſchte, daß die Beſinnung bei mir zurückkehrte. Miß Petronel! ſagte ſie ängſtlich.

Jane, erwiderte ich mit einer Stimme, die mir ſelbſt hohl und ſchwach klang, daß ich erſtaunte,ich bin wohl krank geweſen? Iſt es ſchon ſpät?

O, Miß Petronel, ich bin ſo glücklich, daß Sie endlich wieder zur Beſinnung kommen; Sie ſind die ganze Woche krank geweſen. Dabei zog ſie an der Glocke, und die Couſine Marcia erſchien; nachdem dieſe einige Worte mit Jane ge⸗ wechſelt, trat ſie an mein Lager.

Endlich, liebe Petronel! Geht es Dir beſſer? fragte ſie mit ungewohnter Herzlichkeit, woraus ich ſah, daß mein Zuſtand bedenklich.Das iſt gut, laß uns Gott für Deine Wiederherſtellung danken. Haſt Du jetzt Verlangen, etwas zu genießen?

Ich hätte gern etwas Thee, murmelte ich. Meine Lippen und meine Zunge waren heiß und trocken.

Und etwas Zwieback dazu; gehe hin, Jane, und eile Dich, es zu holen, ich bleibe bis zu. Deiner Rückkehr bei Miß Fleming.

Damit ſetzte ſie ſich neben mich, und ich ſchloß wieder meine Augen, die ſo ſchwach waren, daß ſie ſelbſt das Dämmerlicht nicht ertragen konnten. Thee und Zwieback kamen und nach⸗ dem ich beides verzehrt, fiel ich wieder in einen Schlaf. Mir war zu Muthe, als ob neues, warmes Leben ſich in meine Adern ergöſſe. Als ich erwachte, brannte die Lampe und ich hörte, daß Jemand durch die halbgeöffnete Thür ſagte:

Ich glaube, ſie ſchläft; Du kannſt aber hereinkommen und ſie ſehen.

O nein, nein! rief ich aus, mich überkam plötzlich ein Gefühl von Furcht und Scham. Ich erinnerte mich nicht, ob ich vielleicht lebhaft geträumt, oder ob mich der kurze Schlaf ſoweit gekräftigt hatte, daß mein Gedächtniß wieder klar war; ich weiß nur, daß mir die Vermuthung kam, es könnte der Vetter Ulih ſein, mit dem die Couſine flüſterte, und den ſie hereinlaſſen wollte; da ſtürmte die Erinnerung an die Betrübniß über ihn mächtig auf mich ein, und ich fürchtete mich davor, daß er mich in meiner augenblicklichen Verfaſſung ſehen könnte, ſo entflohen mir die Worte. Die Couſine Marcia fühlte ſich jedoch dadurch ſehr beleidigt, ſie fand ſie ſo albern.

Was haſt Du denn dagegen? mand wie Dein machen will.

O, laß ihn nicht herein, Couſine Marcia! rief ich und umklammerte ſie zitternd,ich kann ihn nicht ſehen, es iſt mir nicht möglich, ich bin zu krank!

Zu krank, um Deinen Arzt zu ſehen? Kind, was ſprichſt Du für unſinniges Zeug! Je kränker Du biſt, um ſo wünſchenswerther iſt ſeine Gegenwart. Komnr, lege Dich ruhig hin, ich will Dein Lager etwas ordnen; Du weißt ja, die Zeit Deines Vetters iſt theuer, wir dürfen ihn nicht warten laſſen.

Ich that, was ſie wünſchte, barg aber mein Geſicht in die Kiſſen und ſagte weinend:

Ich kann ihn nicht ſehen; es hat ja auch keinen Nutzen, bitte, laß ihn doch fortgehen.

Die Couſine wollte es aber nicht. hörte ich, daß ſie ſagte:

Sie iſt noch ſehr herabgeſtimmt und fieberhaft. Es iſt das Beſte, Du kommſt herein, damit iſt die Sache vorbei.

Es iſt ja weiter Nie⸗

Vetter Ulih, der Dir ſeinen Abendbeſuch

Als ſie zur Thür trat,

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