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Concordia. 277
Rockbury in Aufregung geſetzt hatte und die Spalten der Zeitungen füllte, dann machte Miß Uyjohn eine Andeutung, die mich, die ich hinter einem Berge von illuſtrirten Zeit⸗ ungen am Nebentiſche ſaß, in eine peinliche Aufmerkſamkeit werſetzte.
„Aber, meine Liebſte,“ rief ſie aus,„was iſt denn an dem Gerüchte, das mir zu Ohren gekommen iſt und das unſeren lieben Viktor ſo nahe angeht?(Kuſch Dich, Fiddle, Hunde müſſen ſchweigen, wenn Damen ſprechen!) Ich war geſtern Abend einen Augenblick bei Mrs. Günter, Du weißt, wie oft wir Beide zu einander kommen(Ruhig, Du unartiger ver⸗ zogener Fiddle!); ſie erzählte mir, Miß Samyell ſei über⸗ raſcht darüber, daß der Herr Doktor ſeit einiger Zeit ſo auf⸗ fallend wohl ausſähe, und das zu beurtheilen, muß ſie wohl in der Lage ſein, die Aermſte ſieht ihn ja ſo oft! Und dann ſagte Mrs. Trazey, die zufällig auch da war(Ruhig, Fiddle, heute giebt es keinen Zucker!), ſie hätte gehört, es läge ein ſehr intereſſanter Grund zu ſeinem veränderten Ausſehen vor, man ſpräche viel von einem großen Wechſel, der nächſtens in Weſſex⸗Haus eintreten würde(ſo nannte man vielfach Vetter Ulih's Haus).“
Bei dieſen Worten ſpitzte ich neugierig meine Ohren. Die Damen ſprachen ſehr leiſe, doch da ich die Zeitungen vor mich hielt, war die Couſine weniger vorſichtig, als ſie es ſonſt wohl geweſen ſein würde. S
„Ich wünſchte nur, die Leute redeten nicht ſo viel,“ ſagte ſie mit klagender Stimme,„es kann wirklich in Rockbury keine Nadel zur Erde fallen, ohne daß die ganze Welt es gleich erfährt.“
„O, dann iſt alſo doch etwas Wahres daran!“ erwiderte
Miß Uyjohn in einem Tone, der offenbar Enttäuſchung verrieth.
„Das will ich nicht ſagen. Doch ich würde auch nie etwas von dem Geheimniß meines Bruders verrathen, ſelbſt wenn ein ſolches vorhanden wäre. Du weißt, Mathilde, er iſt kein Jüngling mehr, und über ſo delikate Angelegenheiten ſprechen die Herren nicht gern. Doch mag es nun ſein oder nicht, jedenfalls iſt es ein Ereigniß, das noch im dunklen Schoße der Zukunft ruht.“
„Das aber doch wohl nicht ganz unwahrſcheinlich iſt?“ fragte Miß Uyjohn neugierig weiter.
„Gleichviel, in jedem Fall erſuche ich Dich, dem Gerüchte zu widerſprechen, wo Du Gelegenheit findeſt. Noch iſt nichts fertig, darauf kann ich Dir mein Wort geben, und bis es ſo⸗ weit iſt, thut man am beſten, wenn man auf die Schwätzereien keine Rückſicht nimmt.“
„Ach!— Jetzt weiß ich aber, was ich davon zu denken habe. Ja, ja, ſo geht es hier in der Welt, Wechſel überall! Nur mit uns bleibt es immer beim Alten, nicht wahr, liebe Freundin?“ Dann faſelte ſie noch viel albernes Zeug, aus dem ich deutlich entnahm, daß ſie ſich große Hoffnungen auf Doktor Ford gemacht, die ihr nun aber zertrümmert waren.
Bald nachher wurde ich von der Couſine Marcia aus der
Träumerei, in die ich gefallen war, erweckt, ſie drängte zum
Aufbruch.
„Allmächtiger Gott! Kind,“ rief ſie aus, als ſie mich ſah, „wie blaß biſt Du! War es Dir dort in der Stube vielleicht zu warm? Warum ſagteſt Du es nicht?“
„Mein Kopf!“ antwortete ich, meine beiden Hände an die brennenden Schläfe legend.
„Haſt Du denn wirklich ſolche Schmerzen? Wie unangenehm, gerade jetzt, wo ich noch zu der alten Mrs. Hayden und auch noch zu Miß Litchfield wollte. Es wäre Dir wohl lieb, wenn wir direkt nach Hauſe führen?“
„Gewiß, Couſine Marcia! Bitte, laß uns gleich nach Hauſe fahren, und gönne mir Ruhe, ich bin nicht im Stande, die ſtrenge Luft in der Sonne zu ertragen!“ Zu meinem Troſte willfahrte ſie meiner Bitte, und wir fuhren nach Weſſer⸗Haus zurück, woſelbſt ich abgeſetzt wurde und auf meiner Stube Ruhe ſuchen konnte.
Doch Ruhe!— Gab es die denn überhaupt noch für mich? Mir ſchien dieſes Wort nur erfunden zu ſein, um mich zu verhöhnen.
Ich konnte die Wichtigkeit der Unterhaltung, die ich be⸗ lauſcht hatte, nicht mißverſtanden haben, und nicht unterlaſſen, daraus zum Mindeſten die Möglichkeit einer Verheiratung meines Vetters zu entnehmen. Wunderbarerweiſe war der Gedanke hieran mir früher noch nie in den Sinn gekommen. Ich hatte ihn ſo alt an Jahren, ſo über die Zeit der Liebe und der jugendlichen Empfindungen hinaus gehalten, und ſah ihn an, als ſei er beſtimmt, immer ſo zu bleiben, wie er war. Was fehlte ihm denn? War er doch unbeſchränkter Herr in Weſſex⸗Haus, die Couſine Marcia und ich ſtanden ſeinem Hausweſen vor, die Dienerſchaft war auf's Beſte geordnet!— Nein, der Gedanke, daß er uns nun noch eine Frau in's Haus bringen könnte, die mit uns leben— ihm vielleicht gar noch mehr als wir Beiden ſein und höher als wir ſtehen könnte— war abgeſchmackt und unmöglich— ſogar unnatürlich! Vetter Ulih ſollte ſich verheiraten! Dann würde ja ſeine Frau die Erſte ſein, um ihn zu empfangen, eine Schaar Kinder würde aufjauchzen bei ſeinem Eintritt in das Haus! O nein, ſo etwas paßte nicht für ihn, da müßte er ſich erſt gänzlich ver⸗ ändern.
Und doch hatte die Couſine Marcia die Möglichkeit nicht entſchieden abgeleugnet. Geſetzt nun den Fall, es käme dazu, wie ſollte ich mich dann zu der Dame ſtellen, die der Vetter lieben würde, wie mich gegen die neue Couſine benehmen? Sollte oder konnte ich dieſe auch lieben? Anfänglich rief mein ärgerliches, eiferſüchtiges Herz unbedingt„Nein“. Es war mir, als könnte ich nicht anders, als Diejenige haſſen, die es wagen würde, mit Lächeln den Ehrenplatz an der Tafel einzunehmen, über uns Alle zu befehlen, den Wagen zu be⸗ ſtellen und zu beſtimmen, wann und wohin gefahren werden ſollte; und dabei werde ſie dann ſtets unmittelbar neben dem Vetter ſitzen, für ſeine Toilette ſorgen und ihm Morgens den Kaffee machen. Ja gewiß, ich hätte ſie nur haſſen können! Dann aber dachte ich wieder daran, daß es ihn verſtimmen und betrüben müßte, wenn er erleben ſollte, daß ſein Adoptiv⸗ kind ſich unfreundlich und abſtoßend gegen Die, die er liebte, benähme. Nein, ſollte es wirklich dazu kommen, ſo mußte ich doch mein Möglichſtes thun und gut und gehorſam ſein, nicht um ihret⸗, ſondern um ſeinetwillen. Eine gute Frau mußte es doch ſein, die ihn liebte und würdigte, eine andere würde er ja nicht nehmen; ſchon das Eine, ihn zu lieben und von ihm geliebt zu werden, mußte ſie veredeln. Er war ſo edel, ſo erhaben über Alle, ich brauchte nur einen Vergleich mit Herrn Bertram, meinem Onkel und Herrn David zr.


