Concordia.
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mir ſelbſt, mit der Welt und mit dem Himmel! Ich verſchloß meine Thür und lag matt und fieberhaft auf meinem Lager; erſt gegen neun Uhr hörte mein Weinen auf, und als nun der erſte Sturm vorüber war, kam mir der Gedanke, ich wäre doch ſchlechter behandelt, als ich verdiente; endlich ſchlief ich ein. Die Nacht war ſehr unruhig für mich und am anderen Morgen erhob ich mich angegriffener, als ich mich nieder⸗ gelegt. Am Frühſtückstiſche traf ich den Vetter Ulih nicht, ich ſah ihn erſt beim Eſſen, als ich ſchon einigermaßen er⸗ friſcht war durch eine Spazierfahrt, welche die Couſine mit mir in dem neuen offenen Wagen, den der Vetter eigens für uns angeſchafft, gemacht hatte. Sobald er mich ſah, fragte er eingehend nach meinem Befinden, es fiel mir aber auch jetzt wieder auf, daß er verändert gegen mich war, weniger in ſeinem Weſen als in Blick und Stimme. Hierin glaubte ich deutlich zu erkennen, daß ſeine Wärme und Zuneigung für mich abgenommen, und mit dieſer Erkenntniß nahm der Schmerz meines Herzens zu.
Kaum hatte der Vetter meinen Puls gefühlt, ſo bemerkte er auch ſchon, daß ich die Medizin nicht genommen, und ſah arich vorwurfsvoll an.
„Du haſt die Medizin, die ich Dir ſchickte, gar nicht ge⸗ nommen?“
Ich erröthete vor Scham; daran, daß er mein Unrecht gleich bemerken könnte, hatte ich nicht gedacht. Er hatte die Gelegenheit, mit mir zu ſprechen, ſo gewählt, daß ſeine Schweſter nicht im Zimmer war.
„Ich brauche keine Medizin,“ ſtotterte ich,„und ſie iſt ſo ditter.“
„Du haſt ſie ja nicht probirt, Petronel.“
„Nein!“ antwortete ich ängſtlich, ich ſchämte mich gründlich wegen meiner kindiſchen Ausflucht. Vetter Ulih war ver⸗ ſtimmt, ich hörte es am Ausdrucke ſeiner Stimme.
„Du wirſt ſie ſo bitter nicht finden. Es iſt aber dringend nothwendig, daß Du ſie nimmſt, und ich muß es Dir beſtimmt anbefehlen.— Sei offen gegen mich, mein liebes Kind; glaube mir, es iſt das Beſte; wenn Du nicht volles Vertrauen zu mir haſt, kann ich Dein Freund nicht ſein.“
Tief beſchämt und betrübt darüber, daß er mich für ſo.
pflichtvergeſſen und undankbar halten könnte, ſtammelte ich einige Worte hervor und verſuchte, mich zu entſchuldigen; dieſes hielt der Vetter aber für Verlegenheit.
„Nein,“ erwiderte er liebreich,„ich ſagte es nur aus Vor⸗ ſicht, das Fläſchchen Medizin hat keine Bedeutung, doch Pet⸗ ronel— hier ſtockte er einen Moment— es werden noch wichtige Fragen an Dich herantreten, dabei vergiß nie, daß Offenheit die beſte Politik für Dich iſt. Es iſt ein hartes Geſchick für Dich, keine Mutter mehr zu haben, mache es Dir aber nicht ſchwerer, als es in Gottes Willen lag, und ent⸗ ziehe nicht dem Freunde, den er Dir gelaſſen hat, Dein Ver⸗ trauen.“
Bei dieſen Worten ſchien es mir ganz klar, daß er etwas von meiner Begegnung mit meinem Vater gehört haben mußte, und daß er ſich darüber, daß ich ihm nichts davon geſagt, beleidigt fühlte; ich wollte verſuchen, ſoweit es ging, mich zu entſchuldigen, und rief aus:
„O, Vetter Ulih, wenn Du nur wüßteſt, und wenn ich nur dürfte—“
Lächelnd legte er mir die Hand auf den Mund(hätte er tief geſeufzt, ſo hätte er nicht trüber ausſehen können).„Halt, Petronel, ich will Geheimniſſe, die nicht Dein ſind, gar nicht hören; mißverſtehe mich nicht, ich rede nur im All⸗ gemeinen.— Doch nun, um wieder auf die bittere Medizin zu kommen, die Du noch nicht einmal probirt haſt, willſt Du mir verſprechen, ſie nicht für garſtiger zu halten, als ſie iſt, und ſie regelmäßig zu nehmen? Wenn ich nicht überzeugt wäre, daß ſie Dir nützt, hätte ich ſie Dir überhaupt nicht verordnet.“
Ich ſagte feſt zu, ſeiner Aufforderung genau nachzukommen; es rührte mich, daß er das, was er mit vollem Rechte von mir verlangen konnte, von mir als eine Gunſt erbat; doch die Unterhaltung ſtimmte mich faſt noch beunruhigter, als ich ſchon war, ich konnte mich des Gedankens nicht erwehren, daß der Vetter Ulih auf meinen Vater hingedeutet, und durfte doch kein Wort ſagen, das auf ihn Beziehung hatte. In dem Augenblicke trat die Couſine wieder herein und unſer Geſpräch war zu Ende.
Einige Tage ſpäter hörte ich etwas, was mich glauben machte, ich hätte den Schlüſſel zu dem veränderten Weſen des Vetters gefunden. Der neue Wagen— ein leichter Phaëton — war eine Quelle vieler Freuden, es verging kein Tag, ohne daß wir ihn benutzten. Die Couſine nahm mich ſtets auf ihren Fahrten und Gängen mit; ob das nun auf Wunſch ihres Bruders geſchah, oder weil ich ihr etwas intereſſanter geworden war, weiß ich nicht, doch ſie that es und bereitete mir dadurch viel Vergnügen, wenngleich ich mitunter, wenn wir Beſuche bei alten Damen machten und in deren beengten Stuben ſaßen, ſehr bedauerte, die ſchöne Sommerluft zu ent⸗ behren. Doch das Wohlwollen der Couſine für ihre Freund⸗ innen und der Stolz über den ſchönen Wagen, der von zwei edlen Pferden gezogen wurde, veranlaßte ſie, in dieſer Zeit viele derartige Beſuche zu machen, und es iſt mir noch er⸗ innerlich, als ſei es heute paſſirt, daß ich eines Tages, an dem ich ſehr heftige Kopfſchmerzen hatte und mich angegriffener als gewöhnlich fühlte, ſehr verſtimmt wurde, als wir vor einem beſcheidenen Hauſe anhielten und ich hören mußte, Miß Uyjohn ſei zu Hauſe und würde uns mit Vergnügen em⸗ pfangen. Flehentlich ſah ich die Couſine an, doch ſie beſtand, wie immer, darauf, daß ich ſie bei dem Beſuche bei ihrer Freundin begleiten ſollte. Ich hatte Miß Uyjohn früher noch nicht geſehen; nach den erſten Begrüßungen, und nachdem ein häßlicher pommerſcher Spitz, der eben ſo breit wie lang war und ſich des Namens ‚Fidele“ erfreute(der von ſeiner Herrin aber immer Fiddle ausgeſprochen wurde), überredet war, nicht mehr zu bellen und uns in die Füße zu beißen, ſah ich, daß ſie ſchon über die mittleren Jahre hinaus war; beim Sprechen ſchloß ſie immer ihre Augen, und aus einem flüſternden Tone kam ſie faſt nie heraus. Dieſe Eigenthümlichkeit von ihr hatte Fiddle ſich leider nicht zum Muſter genommen, denn Miß Uyjohn mußte alle Augenblicke ihre Rede unterbrechen, um das laute Gebell ihres widerwärtigen Lieblings zu unter⸗ drücken. Bald überzeugte ich mich, daß ſie eine Buſenfreundin Marcia's war, denn die Beiden redeten ſich bei ihrem Vor⸗ namen an und verkehrten miteinander, ähnlich wie Felicite und ich es in der Penſion thaten. Alle Neuigkeiten Rock⸗ bury's wurden ausgekramt und beſprochen. Viel ſprachen ſie von einem Scheidungsfalle, der die ganze Damenwelt in


