Jahrgang 
1 (1879)
Seite
275
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Concordia. 275

zu ſorgen, daß die Medizin ſofort von der Apotheke geholt ſchien er ſo wenig erfreut über meine Rückkehr? Mein ver⸗

würde.In einer halben Stunde etwa wird ſie hier ſein, jedenfalls mußt Du vor dem Zubettgehen noch einen Löffel davon nehmen. Und nun, liebe Petronel, fügte er hinzu, väterlich ſeine Hand auf meine Schulter legend,nun rathe ich Dir, baldmöglichſt Dein Lager zu ſuchen; Du biſt über⸗ reizt durch die Anſtrengungen der Reiſe und bedarfſt unbedingt der Ruhe und des Schlafes, Du wirſt ſehen, daß es Dir morgen bedeutend beſſer geht.

Nach dieſen Worten öffnete er mir die Thür in der Er⸗ wartung, daß ich hinausgehen ſollte. So rief ich ihm denn Gute Nacht zu und eilte an ihm vorüber nach meiner Stube; dort warf ich mich auf mein Bett und brach in einen Strom von Thränen aus.

In dem Augenblicke war mir zu Muthe, als ob mir alle Freuden des Lebens geknickt ſeien. Meine Gefühle für den Vetter waren nicht gewöhnlicher Art; meine erſte Liebe war die theure Mama geweſen; nach ihrem Heimgange hatte ich ſie auf den Vetter Ulih übertragen und dieſer Liebe noch die Verehrung und Hochachtung, die ich ihm zollte, hinzugefügt; auch auf Felicite d'Avon und auf die Bertram's hielt ich viel, etwas auch auf Marcia, Alles jedoch verſchwand wie ein Traum im Vergleich zu dieſer ſtillen, mich aber gänzlich in Beſchlag nehmenden Liebe zu meinem Vormunde, und ich ſagte es mir tauſendmal, wenn ich es je erleben ſollte, daß er aufhörte, mich zu lieben, und auf mich nicht mehr hielte wie auf Andere, ſo wollte ich lieber ſterben. Was mochte aber wohl der Grund zu ſeinem veränderten Weſen gegen mich ſein? In den letzten Jahren hatten wir uns doch ſo nahe geſtanden, und unſer Verkehr war ſo intim und ſo zutraulich geweſen, wie zwiſchen Vater und Tochter, oder mehr vielleicht noch wie zwiſchen einem Bruder voll Liebe und Sorgfalt und einer jüngeren Schweſter, die nur ihn allein hatte und der er Alles war. Morgens war ich ſtets die Erſte bei ihm geweſen, mitten im Winter hatte ich ihm den Kaffee bereitet und für ihn bis zu ſeinem Fortgehen geſorgt, hatte auch oft bis tief in die Nacht gewacht und auf ihn gewartet und mit eigenen Händen Alles für ihn zurechtgelegt. Bei ſolchen Gelegenheiten hatte der Vetter Ulih mir dann wohl gezeigt, daß er von mir mehr

hielt wie von Anderen, und mich zu meiner größten Freude

in ſein Herz blicken laſſen; dort ſah ich dann ein kleines Plätzchen, das ganz von dem Streben für mein Wohl und für mein Glück eingenommen war. Das waren für mich Augenblicke der heiligſten Freude geweſen, dieſe hatte ich mir auch immer wieder in's Gedächtniß zurückgerufen, wenn Pein und Sorge mich in Trübſal brachten, ſie hatten mich ſtets des Einen vergewiſſert, daß ich, was mir auch paſſiren möchte, einen Freund hätte, der mich mehr liebte, wie ſonſt Jemand auf der Welt! 1

Und ſollte ich nun dieſen Troſt und dieſe Gewißheit ver⸗ lieren den einzigen Schatz, auf deſſen Beſitz ich Werth legte? Sollte die Liebe des Vetters auch geſtorben ſein, wie damals meine liebe Mama, und ich nochmals der Gnade der kaltherzigen Welt anheimfallen? Und wenn das nicht der Fall, was war der Grund ſeines veränderten Benehmens? Bisher war er mir doch wenigſtens ſtets mit einem freund⸗ lichen Händedruck entgegengekommen und mit Zlicken, die deutlich von ſeiner Freude über unſer Wiederſehen zeugten. Warum war dieſes Mal ſein Auge ſo gleichgiltig und weshalb

frühtes Zurückkommen, das er ſelbſt angeordnet hatte, konnte ihn doch nicht verſtimmt haben; ich kannte ſeine Gerechtigkeit zu genau, um dieſes annehmen zu dürfen. Oder ſollte mög⸗ licherweiſe ein Gerücht von dem, was in Antwerpen paſſirt war, ihm zu Ohren gekommen ſein, oder hatte er ſogar von meinem Wiederſehen mit meinem Vater und von der Art unſeres Verkehrs und von unſeren Unterredungen gehört? Bei dieſem Gedanken ſtieg mir das Blut zu Kopf und meine Augen füllten ſich mit Thränen. Wenn der Vetter Ulih, der ſtets die Wahrheit als erſte aller Tugenden obenan ſtellte, mich für eine Betrügerin hielt, dann allerdings war es nicht zu verwundern, wenn er mich verachtete, ſtatt liebte, während er früher immer ſo freundlich und gütig gegen mich geweſen. Hätte ich dem Zuge meines Herzens folgen dürfen, ſo wäre ich hinuntergeſtürzt und hätte ihm offen Alles bekannt, meine Thorheit, meinen Ungehorſam und meine Schwäche! Doch beim Gedanken an die Folgen eines ſolchen Schrittes, an das Gelöbniß des Schweigens, das ich abgelegt, und an die Ge⸗ fahren, die meinem Vater erwachſen konnten, wenn ſein Wohn⸗ ort und ſein Name bekannt wurden, blieb ich, wo ich war. Ueber mich und Alles, was mich anging, konnte ich frei und offen ſprechen, doch über das, was meinen Zeichenlehrer an⸗ betraf, hatte ich feierlichſt Schweigen gelobt, und was ich ge⸗ lobt, das mußte und wollte ich halten, ſo widerwärtig mir auch die ganzen Nebenumſtände erſchienen.

Nach kurzem Nachdenken kam ich zu der Anſicht, daß es höchſt unwahrſcheinlich war, daß mein Vormund etwas von dem, was ich für mein alleiniges Geheimniß hielt, erfahren

haben konnte kam ſeine Liebe zu mir in's Wanken, ſo war es ja auch gleichgiltig, aus welchem Grunde dieſes geſchah.

Schon die Angſt davor machte mich tief unglücklich, weinend lag ich auf meinem Bette und fühlte mich vollſtändig unfähig, hinunterzugehen, war daher froh, als mir die Couſine Marcia, nachdem ich Jane zu ihr geſchickt, um mich zu entſchuldigen, Thee heraufſchickte und dabei ſagen ließ, es würde für mich das Beſte ſein, möglichſt früh zur Ruhe zu gehen. Ich hatte ſchon befürchtet, daß ihr der Gedanke kommen könnte, ſelbſt heraufzukommen und nach mir zu ſehen; unwahrſcheinlich war es allerdings bei dem geringen Intereſſe, das ſie für mich hatte. Ich glaube, ſie ſah mich noch immer als ein unerzogenes Schulkind an, das nur an Näſchereien und an Strickſpringen dachte, was doch durchaus nicht der Fall war.

Den Thee, den mir Jane brachte, trank ich, obſchon ich mich ſchon ohnedies heiß und fieberhaft fühlte; dann geſtattete ich ihr in meiner ſchlechten Laune, mich zu entkleiden und meine Sachen wegzulegen. Die Medizin aber wollte ich nicht nehmen; mißmuthig ſchob ich das Fläſchchen zur Seite und ſagte mir, wenn der Vetter mir die Medizin, wonach meine Seele ſchmachtete die Zuſicherung ſeiner Liebe nämlich vorenthielte, ſo könne er ſeine Mixturen auch für ſich behalten, die könnten mir doch nichts helfen. Sollte ich krank werden oder gar ſterben, dann um ſo beſſer, denn wenn Niemand mich liebte, war ich ja nur Allen zur Laſt.

Ich ſehnte mich danach, allein und unbeachtet zu ſein, ent⸗ ließ daher Jane bald und ging zu Bett ohne mein tägliches Abendgebet. Ich war mir wohl bewußt, daß dieſes unrecht

war, doch an jenem Abende war ich mit Allen im Kriege, mit 35*