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Concordia.
Als es acht Uhr geworden, hielt ſich Falk längere Zeit zu Hauſe auf. Er ſchien jetzt Jemand zu erwarten, und da es vergebens ſtattfand, ward er immer ärgerlicher. Es war Paul Graupner, auf deſſen Erſcheinung er rechnete, und der erwies ſich jetzt auch unpünktlich.
Etwas vor neun Uhr begab ſich der Kommerzienrath wie⸗ derum auf die Straße. Das Haus Römer's zeigte noch immer dieſelbe Phyſiognomie und Falk ſchüttelte ſowohl vor Ver⸗ wunderung wie aus Aerger den Kopf. Doch wenigſtens glaubte er jetzt zu wiſſen, weshalb ſein Freund Paul nicht erſchienen. Aber daß man ſich ſo wenig auf das Gericht verlaſſen konnte — hm! Oder ſollte etwa gar der ſchlaue Römer auch dort Ein⸗ fluß haben—? Falk mochte ſchon ſo etwas für möglich halten.
Es war eine neue Enttäuſchung, die er ſoeben erfuhr; und doch hätte er ſo gern geſehen, wie Römer abgeführt würde, um ſich ſo recht von Herzen an dem Jammer der ſtolzen Familie zu weiden. Bisher hatte Falk noch nie den in ihm auftauchenden rachſüchtigen Empfindungen nachgegeben. Alles Böſe, welches er bereits verübte— und er war darin ſchon ſehr, ſehr weit gegangen— hatte nur den Zweck ge⸗ habt, Nutzen dadurch zu erlangen oder den gewonnenen Vortheil und auch wohl ſeine Perſon zu ſichern. Doch ſeit heute Mor⸗ gen ſagte ihm ein inneres Gefühl, daß auch die Wiederver⸗ geltung— die Rache! wohlthuend wirken könne.
Nun, er hoffte trotz der ſchlechten Anzeichen, dieſer Wohl⸗ that theilhaftig zu werden, beſchloß aber, um ſich nicht weiter ärgern zu dürfen, die Arena zu verlaſſen und in das Wein⸗ haus zu gehen, welches er allabendlich beſuchte. Nur noch einmal ging er an dem verhaßten Hauſe, wo auch jetzt noch Alles beim Alten zu ſein ſchien, vorüber und führte dann ſeinen Entſchluß aus.
Es war Mitternacht vorbei, als der Kommerzienrath aus der Reſtauration in ſeine Wohnung zurückkehrte. Jetzt waren
allerdings die Fenſter im Hauſe ſeines Gegners nicht mehr erleuchtet. Aber ein weiterer Schluß ließ ſich daraus nicht ziehen, da Falk die in jenem herrſchende Sitte kannte. Doch hätte er gern etwas darum gegeben, wenn er wiſſen konnte, wie das Feſt zu Ende gegangen.
Gleich darauf langte er vor der Thür ſeines Hauſes an; auf ein von ihm mit der Glocke gegebenes Zeichen öffnete der Portier einen der Thürflügel und Falk betrat den Flur. Etwas überraſcht ſah er ſich einem fremden Manne gegen⸗ über, der offenbar ſoeben erſt die Portiers⸗Loge verlaſſen hatte; doch faßte er ſich gleich wieder, ſobald ſein Auge jenen einen Moment geprüft.
„Ach, Sie ſind es!“ ſagte er,„und noch ſo ſpät? aber es iſt recht freundlich von Ihnen— bitte, folgen Sie mir!“
Der Fremde hatte keine Bewegung und keine Silbe eines Grußes gemacht oder geäußert; er ſagte auch jetzt nichts zu der Aufforderung des Bankiers, aber er folgte demſelben auf dem Fuße und Beide ſtiegen langſam die im Flur befindliche Treppe hinan.
Der Portier ſteckte, während jenes geſchah, den Kopf aus der Loge hervor; doch ſofort ergriff ihn eine Fauſt beim Ge⸗ nick und zog ihn zurück, wodurch zwei behelmte Geſtalten in den Vordergrund traten.
Als der Bankier und ſein ſpäter Gaſt oben angelangt waren, legte erſterer Hut und Handſchuhe ab, während der Letztere an der Thüre ſtehen blieb und einen ſohnellen Blic durch das Zimmer gleiten ließ.
„Nun, mein lieber Herr Kommiſſarius,“ begann der Kommerzienrath lächelnd,„Sie wollen mir die freundliche Meldung über Ihre Thätigkeit abſtatten!“
„Wir ſtehen nicht in ſolchem Verhältniß,“ erwiderte der Kriminal⸗Kommiſſarius Lanz,„daß ich nöthig hätte, Ihnen Meldungen abzuſtatten, mein Herr!“
(Fortſetzung folgt.)
Betronel.
Roman aus dem Engliſchen von Florence Marryat.
(Fortſetzung.)
Als ich nach aufgehobener Tafel mit der Couſine Marcia hinausgehen wollte, rief der Vetter mich zurück.
„Petronel, ich habe Dir etwas zu ſagen; willſt Du nicht einen Augenblick mit in meine Stube kommen?“
Ich folgte ihm dahin, wo ich vor Jahren meine Schul⸗ meiſterſtreiche ausgeführt, und als meine Augen auf die Fläſch⸗ chen, Bücher und Inſtrumente fielen, konnte ich ein Lächeln nicht unterdrücken, obgleich mir keineswegs lächerlich zu Muthe war. Vetter Ulih führte an meiner Seite Platz.
„Aber Petronel, Du zitterſt ja,“ ſagte er, als er ſeine Hand auf meinen Arm legte,„Du fürchteſt Dich doch nicht vor mir, oder vor dieſer Stube, wie Du es als Kind thateſt?“
Bei ſeiner Anrede ſtiegen mir Thränen in die Augen und rollten über meine Wangen, ich ergriff ſeine liebe Hand und zog ſie an meine Lippen. Dieſes ſchien ihn jedoch nicht an⸗ genehm zu berühren, denn ſanft entzog er ſe mir und hielt ſie ſeitwärts.
inich nach dem Sopha und nahm
„Petronel, Du biſt nervös, Du haſt Dich ſicher über⸗ nommen und mußt Ruhe haben.“
Dann legte er mir einige Fragen hinſichtlich meines Be⸗ findens vor, doch in einer ſo amtsmäßigen Miene, daß ich ganz unruhig wurde; für mein Leben gern hätte ich mich an ſeine Bruſt geworfen und ihm zugerufen, daß mir nichts in der Welt fehle, als die Zuſicherung ſeiner Liebe, doch ich war zu ängſtlich, um es zu wagen— zu ſchüchtern und zu be⸗ ſchämt; ſo blieb ich auf meinem Platze und weinte ſtill für mich.
„Ja, das iſt es!“ ſagte Vetter Ulih, indem er aufſtand, ſich mir gegenüberſtellte und mein von Thränen benetztes Ge⸗ ſicht betrachtete, als ob er darauf Symptome einer bekannten Krankheit entdeckte.„Deine Nerven ſind ſtark angegriffen, und Du haſt Deine Kräfte eingebüßt; ich werde Dir etwas ver⸗ ſchreiben.“
Dann ſetzte er ſich an ſeinen Schreibtiſch, ſchrieb einige lateiniſche Worte nieder und zog die Glocke, als darauf
Wheeler kam, gab er ihm das Rezept mit der Weiſung, dafür
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