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Concordia. 273
Begegnungen mit Gliedern der Familie Römer legte er eine große Hochachtung und Zuvorkommenheit gegen dieſelben an den Tag. Dagegen ſuchte er im Stillen Römer fortan auf einem anderen Gebiete zu bekämpfen, nämlich an der Börſe, und hier verurſachte er dem Gegner wahrſcheinlich manchen empfindlichen Schaden.
Erſt ſeit zwei Jahren verſuchte Falk wieder eine engere Verbindung mit Römer anzuknüpfen, und zwar aus dem uns bekannten Grunde.
Römer wies ihn nicht ſofort entſchieden von ſich, weil er im Laufe der Zeit hinreichende Beweiſe erhalten zu haben glaubte, daß er es ſei, dem Paul gebeichtet und von dem er Rath erhalten habe oder noch erhalte. Er wollte ihn nicht ohne Noth reizen.
Wäre es Falk gelungen, die Hand Klara's zu erhalten, ſo würde unfehlbar das erſte Opfer, welches er ſeinem Schwie⸗ gervater gebracht hätte, ſein Freund Paul Graupner ge⸗ weſen ſein.
13. Kapitel. Schwere Arbeit.
Wenn das Schickſal Jemand durch ſich ſelbſt verderben will, ſo ſchlägt es ihn zunächſt mit geiſtiger Blindheit. Dieſer Satz fand auch einigermaßen auf Falk Anwendung, obwohl, wie wir bald ſehen werden, ſeine Uhr ohnehin ſchon ab⸗ gelaufen war.
Seit Wellmann's Anweſenheit im Komptoir Römer's aus beſonderen Gründen noch zu beſonderer Vorſicht gemahnt, hatte er wohl nie ernſtlich daran gedacht, ſeine Kenntniß von einem, vermeintlich durch Römer begangenen Verbrechen an⸗ ders zu verwerthen, als um dadurch Vortheile für ſich zu er⸗ langen. Als Schreckgeſpenſt mochte der Fall dienen, doch aus einer wirklichen Anzeige deſſelben konnte ihm kein Vor⸗ theil erwachſen..
Das Nützlichkeitsprinzip, welches bisher alle ſeine Beſtreb⸗ ungen geleitet, ſein ganzes Daſein ausgefüllt und geregelt hatte, trat jedoch zurück, als er ſich unverzeihlich ſchwer ge⸗ kränkt und beleidigt fühlte, um dem Wunſche, ſich zu rächen, die Oberhand zu laſſen.
Alle bisher von Falk getroffenen Vorbereitungen ſollten urſprünglich nur dazu dienen, auf den von allen Seiten um⸗ garnten Römer einen Druck oder Zwang auszuüben, um ihn ſeinen Anträgen und Wünſchen geneigt zu machen. Erſt als ſich zeigte, daß jene ihren Zweck verfehlten, trieb der noch ganz friſche Grimm den Kommerzienrath dazu, ohne weitere Ueberlegung zum Aeußerſten zu ſchreiten.—
Als ſich Falk einigermaßen von dem Echauffement, welches ihm der Beſuch Graupner's und deſſen gewaltſame Expedirung verurfachten, erholt hatte, begab er ſich auf die Börſe.
Hier war das Gebiet, auf welchem er unfehlbar zu ſiegen verſtand. Sein Auftreten in dieſen Räumen ſprach von eben⸗ ſo viel Selbſtgefühl wie Sicherheit, und ſehr ſchnell bildete ſich eine Art Stab um den hervorragenden Börſenfeldherrn. Falk's Grüße und ſein Dank auf ſolche waren vornehm⸗kurz oder herablaſſend, ſeine Reden und Antworten beſtimmt. Er beherrſchte ſeine Umgebung vollſtändig. Doch während er mit dieſer offen verkehrte und ſich unterhielt, gab er auch hierhin oder dorthin Winke, die nur gewiſſen Eingeweihten in der
Ferne verſtändlich ſein konnten. Der Feldherr ſchien ſeine geheime Parole auszugeben, um ſich hiernach erſt an den Ge⸗ ſchäften zu betheiligen.
Ungefähr eine halbe Stunde ſpäter liefen ſonderbare Ge⸗ rüchte unter den Verſammelten umher, welche alle mit dem Namen Römer in Verbindung ſtanden. Dieſelben wurden ſehr verſchieden in den verſchiedenen Kreiſen aufgenommen. Man ſpöttelte oder witzelte darüber; man behauptete oder beſtritt; man lachte oder ſchüttelte die Köpfe, je nachdem die Sache als Scherz oder Ernſt aufgenommen, als wahr oder unwahr be⸗ trachtet, als möglich oder unmöglich behandelt wurde.
Auch in Falk's Umgebung wurden dieſe Gerüchte beſprochen und ſelbſt direkte Fragen deswegen an ihn gerichtet. Doch der Herr Kommerzienrath verhielt ſich ſo kühl gegen alle Ver⸗ lautbarungen dieſer Art, als hätten ſie gar keine Bedeutung für ihn, oder als ob er keinen Werth auf dieſelben lege. Demungeachtet ſah er ſcharf umher, einen der Angeſtellten Römer's zu entdecken, aber es befand ſich heute zufällig keiner derſelben anweſend. Das war wiederum eine kleine Täuſchung, aber es war nur die geringſte von denen, welche er heute ſchon erfahren hatte, namentlich aber noch erfahren ſollte.
Im Allgemeinen legte man mehr Theilnahme für Römer an den Tag, als man ſich über die gegen ihn in Umlauf ge⸗ ſetzten boshaften On dits freute, und nicht ganz befriedigt von dem durch ihn geführten Streich, verließ der Kommerzienrath endlich die Börſe, um im Laufe des Vormittags einige Beſuche bei gewiſſen Perſonen von Anſehen und Gewicht zu machen.
Um die Mittagszeit begab ſich Falk in das Kriminal⸗ gerichtsgebäude und blieb hier gegen zwei Stunden. Als er
daſſelbe wieder verließ, geſchah es mit dem Weſen und Be⸗
nehmen eines durchaus befriedigten Menſchen— eines Mannes, der ſich bewußt iſt, eine gute That vollbracht zu haben.
Der biedere Kommerzienrath ſpeiſte mit großer Gemüths⸗ ruhe und ſehr gutem Appetit zu Mittag; dann arbeitete er unausgeſetzt fleißig bis zum Abend.
Mit Eintritt der Dunkelheit kam jedoch eine eigenthümliche Unruhe über Falk. Er gab die Arbeit auf und bewegte ſich in ſeinen Wohnungsräumen umher. Nach einiger Zeit ver⸗ ließ er das Haus, um einen Spaziergang auf der Straße zu machen. Er ſchritt auf die andere Seite derſelben hinüber und ſchenkte aus einiger Entfernung dem Römer'ſchen Hauſe ſeine Aufmerkſamkeit.
In jenem waren die Fenſter des Geſellſchaftsſaales hell erleuchtet. Der Empfangsabend hatte alſo ſeinen Anfang ge⸗ nommen. Der Kommerzienrath ſchritt weiter, kehrte aber bald zurück. Er mochte wohl bedauern, daß er nicht einige ſeiner dienſtbaren Geiſter beordert hatte, gegenwärtig zu ſein, um bei dem von ihm erwarteten Akte einen kleinen Auflauf zu veran⸗ laſſen. Endlich ging er wieder ſeinem Hauſe zu; nur zögernd betrat er daſſelbe.
Dieſe Ausflüge wurden von Falk unter geſteigerter Un⸗ ruhe mehrfach wiederholt. Doch die Lichter im Geſellſchafts⸗ ſaale des von ihm obſervirten Hauſes blieben gleich hell. Die im erſteren bemerkten Perſonen deuteten an, daß noch keine Störung des Feſtes eingetreten ſei. Und doch hatte er die Verhaftung Römer's für den Beginn des Feſtes beſtellt, Jedenfalls wunderte er ſich, daß die Leute vom Gericht ſeiner
Beſtimmung ſo läſſig nachkamen. 3⁵


