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272 Concordia.
„Nun,“ meinte er,„wollen wir noch nicht bald Feierabend machen?“
„Wir arbeiten nicht zuſammen!“ antwortete Wellmann kühl,„können alſo auch nicht zuſammen aufhören; übri⸗ gens brauchen Sie ſich nicht weiter zu inkommodiren; ich bringe die Komptoirſchlüſſel ſelbſt zu Herrn Römer hinauf!“
Paul ſah den Sprecher verwundert an; doch das Auge, welches ſeinem Blicke begegnete, verkündete ihm nichts Gutes; er zog ſich daher zurück und ſchob endlich höhniſch grinſend ab, ohne auch nur ein Wort des Grußes zu äußern.
Als Wellmann ſeine Arbeit beendet, ſchloß er das Komp⸗ toir und brachte Römer die Schlüſſel, um ihm nebenbei auch ſeine an Paul gemachten Beobachtungen mitzutheilen. Doch befand ſich Beſuch bei demſelben, und ſomit ſah ſich Wellmann genöthigt, ſeine Meldung bis auf den nächſten Morgen zu verſchieben.
Am anderen Tage bei Beginn der Dienſtſtunden gab es gewaltigen Lärm im Komptoir. Es fehlten wichtige Schrift⸗ ſtücke und konnten trotz allen Suchens nicht aufgefunden werden. Man mußte bei Herrn Römeer anfragen, ob er viel⸗ leicht im Komptoir geweſen, um die Papiere an ſich zu nehmen, und Römer erſchien infolge deſſen ſelbſt; merkwürdigerweiſe war aber auch Paul zur Stelle..
Soviel war bereits feſtgeſtellt und zwar mit beſonderem Nachdruck von Seiten Paul's, daß Wellmann zuletzt im Komp⸗ toir geweſen. Römer erinnerte ſich ebenfalls, die Schlüſſel erſt ſpät durch Wellmann erhalten zu haben, und erfuhr bei dieſer Gelegenheit, daß Wellmann Abends ſtets die verſäumte Zeit nachholte.
Alles hing alſo an Wellmann, und— Wellmann war noch nicht da. Doch er kam genau zur rechten Zeit für ſeine Ehrenrettung. Nachdem ihm Römer mitgetheilt, um was es ſich handelte, erklärte Wellmann, was er ſchon geſtern zu melden beabſichtigt hatte.
Es iſt gewiß ein vollgiltiger Beweis, ſowohl für Paul's Dummheit wie für ſeine Frechheit, daß er die Schriftſtücke vor den Augen Desjenigen verſteckte, welchen er ihrer Unter⸗ ſchlagung zu beſchuldigen gedachte, und daß er beſtritt, jenes gethan zu haben, trotzdem er erfahren mußte, wie ſeine Spitz⸗ büberei bemerkt worden. Aber er zeigte jetzt dieſe Frechheit, wie er geſtern die Dummheit begangen.
„Das iſt gelogen!“ ſagte er nämlich auf Wellmann's Mit⸗ theilungen,„er hat ſie ſelbſt da verſteckt!“
Der arme Paul! Hätte er doch die Worte zurückgedrängt! Wie bitter ſollte er das Ausſprechen derſelben bereuen. Er war auf einen Wortkampf präparirt und darin auch wohl ſattelfeſt. Er wußte ja nicht, daß Wellmann's kaum aufge⸗ gebene ſtudentiſche Laufbahn und ſeine gegenwärtige militäriſche Stellung ihn verpflichteten, die erſten drei Worte nicht durch Worte, ſondern ſofort durch die That, in dieſem Falle durch Schläge zu widerlegen, und wenn's nicht Schläge wurden, ſo gab es wenigſtens einen Schlag— einen ganz furchtbaren Schlag.
Denn noch hatte Paul ſeinen Nachſatz nicht beendet, als Wellmann die geballte Fauſt emporwarf und dann auf ſeine linke Wange ſchleuderte, daß der arme Paul mit lautem Ge⸗ brüll zu Boden ſtürzte und ihm ſofort das Blut aus Mund und Naſe drang.
Die Kollegen Wellmann's ſahen aus, als ob ſie ein wenig von dem gutgemeinten Schlage deſſelben abbekommen hätten, und blickten halb erwartungsvoll, halb verlegen auf ihren Prinzipal.
Doch Römer ſagte nichts, kein Wort, keine Silbe; ja er verzog nicht einmal eine Miene, und ließ auch noch, ohne zu interveniren, den zweiten Akt des Trauerſpiels, in welchem Paul die Märtyrer⸗Nolle zu leiſten hatte, an ſich vorüber⸗ ziehen.
Auch Wellmann warf einen Blick um ſich, doch einen ſehr herausfordernden; dann nahm er den winſelnden und ſich eben aufrichtenden Paul beim Kragen und ſchleppte ihn der Gegend zu, wo die Papiere verſteckt waren.
„Suchen Sie hervor, was Sie verborgen!“ herrſchte Well⸗ mann den Diener an, und Paul— holte die Papiere zu Platz, um dadurch die Wahrheit von Wellmann's Behauptung beſtens zu beweiſen.
„Geh' hinaus!“ ſagte jetzt Römer zu ſeinem Diener.
„Ich danke Ihnen!“ äußerte er freundlich zu Wellmann und— ging in ſein Kabinet, als ſei nichts von Bedeutung vorgefallen.—
Dieſe Leidensgeſchichte erzählte Paul dem ſtaunenden Freunde, als er mit ſeiner dicken Backe am Abende bei dem⸗ ſelben erſchien.
„Du biſt ein Kapitalkerl!“ rief Falk, als Jener geendet, „Du wirſt immer pfiffiger! Auf Dich wird bald das Sprich⸗ wort Anwendung finden: Der Dumme bekommt in der Kirche Prügel, und da kann man es wahrlich Deinem Herrn nicht verdenken, wenn er übermüthig wird.“
„Aber dieſer Wellmann muß aus dem Hauſe!“ ächzte Paul wie ein jammerndes Kind,„ich laſſe nicht eher nach!“
Falk that, als habe er einen Schreck bekommen.
„Was ſagſt Du— Wellmann?!“ rief er lebhaft.
„So heißt der Patron, ja!“ erwiderte Paul.
„Wellmann— alſo!“ wiederholte der Bankier; ‚jetzt geht mir ein Licht auf— ja, jetzt begreife ich—!“
Falk begann heftig im Zimmer hin⸗ und herzugehen.
„Aber der Alte iſt todt!“ murmelte er,„der junge Spring⸗ insfeld weiß nichts Poſitives; es iſt keine Gefahr dabei, aber es iſt doch gut, daß ich erfahren habe, woher der Wind weht!“
Er wendete ſich wieder zu Paul.
„Nichts weiter gegen den Wellmann, bis ich ſondirt habe!“ ſagte er zu Jenem,„Du haſt einen dummen Streich gemacht und mußt ein Loch zurückſtecken. Gieb alles Andere auf und behalte nur ein widerwilliges Betragen gegen Römer bei. Aber ſuche Dir immer Geld— viel Geld zu machen; man kann nie wiſſen, was kommen kann!“
Paul wunderte ſich freilich, als ihn der Freund mit ſo ſchlechtem Troſte entließ; es kam ihm faſt vor, als gehe man ſtets rückwärts. Aber er wagte nicht, ohne Anleitung Falk's etwas zu unternehmen, und ſo trat denn ſeit ſeiner Zurecht⸗ ſetzung durch Wellmann ein neuer Abſchnitt in ſeinem Be⸗ nehmen und ſeiner Einwirkung auf die Hausgenoſſen in's Leben. Eigentlich zu leiden hatte von jetzt ab nur noch Römer allein, freilich in hohem Grade, durch ihn.
Auch Falk's Benehmen gegen Römer und ſein Verhalten gegen das Römer'ſche Haus ward ein anderes. Er zog ſich etwas zurück, näherte ſich aber ab und zu wieder. Bei allen
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