Jahrgang 
1 (1879)
Seite
270
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Concordia.

heit, bis er eines Morgens erwachte und fand, daß ſie mit Paris ſich davongemacht hatte.

So vor dem Cinfluſſe ihrer anziehenden Gaben geſichert, machte ſich Mr. Cliſſold ſehr wohl bekannt mit Miß Bellin⸗ gham. Sie zeigte ihm alle Schönheiten von Penwyn, Punkte, von denen aus man durch das Fichtengehölz einen Ausblick auf das Meer genoß, Vertiefungen, wo die Farrenkräuter am grünſten und dichteſten wuchſen, und ſie erwies ſich als eine ganz andere Führerin als Elsbeth.

Ich habe die Anlagen ſchon früher geſehen, ſagte Maurice, aber bei jener Gelegenheit erhöhte meine Gefährtin die Schönheiten der Natur nicht durch den Zauber ihrer Ge⸗ ſellſchaft.

Wer war Ihre Gefährtin?

Die Enkelin der Frau in der Portiersloge. Etwas ſelt⸗ ſame Leute, nicht wahr?

Ja, ich habe mich oft gewundert, wie mein Schwager dazu kam, ſie aufzuleſen, denn ſie ſind nicht Eingeborene des Bodens, wie ſonſt faſt Jedermann zu Penwyn. Aber Chur⸗ chill ſagte, die alte Frau ſei eine ſehr ſchätzbare Perſon, ſehr würdig ihres Poſtens, und ſo kann man nichts mehr darüber ſagen.

Als Maurice ſich zu beurlauben wünſchte, beſtanden ſeine neuen Freunde darauf, daß er zum Diner bleibe, und Mr. Penwyn bot ihm an, ihn dann mittelſt Wagens nach Hauſe zu ſenden. Dieſe Gunſt aber verweigerte der rüſtige Fuß⸗ gänger ſtandhaft.

Ich fürchte mich nicht vor einem Gange über die Hügel zur Nachtzeit, ſagte er,auch bin ich bereits ſo bekannt mit der Landſchaft, als ob ich auf dem Gute geboren wäre.

So blieb er und verweilte auch beim Thee, der unter dem Taxusbaume an der Kegelbahn in einer Laube genommen wurde, deren Wände aus dichtem Immergrün beſtanden, kühl im Sommer und ſogar im Winter ein komfortables Obdach gewährend. Hier erfreute man ſich des friſchen Lufthauches, der von dem großen, weiten Meere kam, dem Meere, dem ſchon ſo viele Kauffahrteiſchiffe zum Opfer geworden, der mäch⸗ tigen Atlantis! Sie ſprachen von Literatur und dem Welt⸗ getriebe und mochten ſchnelle Fortſchritte in gegenſeitiger Freundlichkeit. Aber kein Wort wurde von James Penwyn geſprochen, der ohne den hinter einer Hecke auf ihn abgefeuer⸗ ten Schuß Herr des Parkes und der Laube, des Schloſſes und von Allem, was dazu gehörte, geweſen wäre. Das war ein Gedanke, der mehr als einmal den Geiſt von Maurice durchzuckte.

Wie glücklich dieſe Leute ſcheinen im Beſitze der Güter des Todten! dachte er.Wie ruhig erfreuen ſie ſich deſſen, was ihm gehörte, wie kühl nehmen ſie den ſchrecklichen Beſchluß des Schickſals hin! Das iſt die menſchliche Natur.

Er blieb bis zehn Uhr und ging dann, bezaubert von dem

Wirthe und der Wirthin.

Churchill Penwyn war während des ganzen Tages beſter Laune geweſen, als ein Mann, deſſen Geſpräch hörenswerth und deſſen Meinungen nicht ſchwache Echo's der literariſchen Sonnabends⸗Journale waren. Nach dem Diner hatte man Muſik, ebenſowohl wie Konverſation, und Madge ſpielte Aus⸗ züge aus Meſſen von Mozart.

Wie lange gedenken Sie in Cornwall zu bleiben? fragte man beim Abſchiede.

Ich gedenke noch ungefähr eine Woche in Borcel⸗End zu bleiben. Indeß bin ich Herr meiner Zeit. Ich habe keine regelrechte Profeſſion denn Literatur, meine ich, kann kaum in dieſe Kategorie ſummirt werden ich bin daher etwas Zigeuner, nicht in ſchlechtem Sinne, Miß Bellingham; ich bitte Sie, nicht beunruhigt auszuſehen.

Warum kommen Sie nicht zu uns, anſtatt in Borcel⸗ End zu bleiben? fragte Churchill.

Sie ſind zu gütig. Aber ich könnte das ſchwer thun. Als ich mich Mrs. Trevanard als ein Miethsmann anbot, ſagte ich, daß ich ein oder zwei Wochen bleiben würde, und ſie iſt gerade die Frau, ſich verletzt zu fühlen, wenn ich ſie plötzlich verließe. Und dann ſind wir, ich und Martin, Freunde ge⸗ worden. Er iſt wirklich einer der beſten Jungen, die ich je⸗ mals traf, ausgenommen ausgenommen den Freund, den ich verlor, ſetzte er raſch und mit gedämpftem Tone hinzu, in dem Gefühle, daß eine Anſpielung dieſer Art hier am un⸗ rechten Ort wäre.

Nun, mögen Sie es damit halten, wie es Ihnen gefällt, aber gönnen Sie uns Ihre Geſellſchaft, ſo oft Sie können. Ich glaube, wir werden nächſte Woche ein geſelliges Diner haben.

Sonnabend, ſagte Madge.

Natürlich kommen Sie dann, und inzwiſchen ſo oft, als Sie können.

Ich danke. Das geſellige Diner muß außer Frage bleiben. Ich reiſe einfach mit einemRänzchen und bin dreihundert Meilen von meinen Garderobevorräthen entfernt. Aber wenn Sie mir erlauben, zwiſchen jetzt und Sonnabend dann und wann vorzuſprechen, werde ich es mit Vergnügen thun.

25. Kapitel. Die Schlummernacht umhüllt die SSelt.

Die Ankunft der Familie im Herrenhauſe machte auch das Leben für Mr. Cliſſold zu Borcel⸗End angenehmer. Sie brachte Abwechſelung in ſeine Exiſtenz, und der häusliche Komfort im Farmhauſe kontraſtirte angenehm mit dem Naffinement der Umgebungen von Mr. Penwyn. Mr. Cliſſold ſpeiſte während der Woche zweimal zu Penwyn, und als er mit dem Innern des Hauſes mehr vertraut ward, ſah er nur neue Beweiſe von deſſen vollkommenem Glück. Hier lebten ein Mann und eine Frau, die den Reichthum und ihre Stell⸗ ung benützten, das Beſte daraus zu machen und eine Atmo⸗ ſphäre von Zufriedenheit um ſich zu verbreiten.

Mit Martin, als ſeinem Gefährten, ſah Maurice Alles, was im Bereiche von Borcel⸗End ſehenswerth war. Sie fuhren nach Seacomb, dem nächſten Marktflecken, und beſuch⸗ ten da die Kirche, welche alt und voll Intereſſe war. Als ſie hier ein Taufregiſter durchblickten, um vielleicht einen in der Welt bekannten Namen zu finden, kam Maurice auf etwas, das ſeine Neugier anregte. Es war da zu leſen:

Emily Jane, Tochter von Matthew Elgood, Schanſpieler, und von Jane Elgood, ſeiner Gattin. Das Datum reichte gerade achtzehn Jahre zurück.

Matthew Elgood. Der Vater des Mädchens hieß Mat⸗ thew, dachte Maurice;ich möchte wiſſen, ob es wohl derſelbe

iſt? Ja, Matthew Elgood, Schauſpieler. Es wird kaum zwei