268 Concordia.
„Ich will nicht glücklich ſein, wenn der Squire und Mrs. Penwyn nicht zurückgekommen ſind!“ rief Martin, als er einen ſchönen Landauer mit zwei Pferden gegen die Kirche zu fahren ſah.
„Sind Sie gewiß, daß dies der Wagen Penwyn's iſt? Vor drei Tagen noch wurden ſie nicht erwartet,“ ſagte Maurice.
„Ganz gewiß. Wir haben ſonſt keine Vornehmen hier herum, ausgenommen die Leute in Morgrave⸗Park, und die ſind kaum zu Hauſe. Daran iſt nicht zu zweifeln. Das iſt Mr. Penwyn's Equipage.“
„Nach der Kirche werde ich dann meine Bekanntſchaft mit ihm erneuern,“ ſagte Maurice.
Die altersgraue Kirche, welche er vor zwei Tagen be⸗ ſichtigt hatte, ſah viel heiterer aus des Sonntags. Die Wei⸗ ber und Töchter der Farmer in ihren ſchönen Hauben— die Dorfbewohner in ihren ſonnenverbrannten Geſichtern und ihrem Sonntagsſtaat— die Diener des Herrenhauſes, welche unter dem niedrigen Chore zwei Kirchenſtühle einnahmen, wo⸗ bei die Livree Churchill Penwyn's recht feſtlich hervorſchimmerte, und die Häubchen der jungen Mädchen, die in einer ſchattigen Ecke wie ein Blumenbeet ausſahen, dies Alles gab der Kirche einen feſtlichen Charakter. Und als die gewichtigſte Perſönlich⸗ keit von Allen ſaß in einem großen Kirchenſtuhle innerhalb der Altarumfriedigung Churchill Penwyn mit ſeinem bleichen, gedankenvollen Geſichte und ſeinen ernſten grauen Augen, und neben ihm befanden ſich Madge, die wie die jugendliche Kö⸗ nigin dieſes weſtlichen Landtheiles ausſah, und Viola, ſchön wie eine Blume, eine Schönheit, die man wegen ihrer Zart⸗ heit umſomehr ſchätzen mußte, obwohl ſie auch an die ver⸗ hängnißvolle Wahrſcheinlichkeit raſchen Dahinwelkens erinnerte.
„Ich fürchte, ſie wird nicht lange leben,“ flüſterte Martin ſeinem Gefährten in einer der Pauſen des Gottesdienſtes zu, während der kurzſichtige alte Geiſtliche einen Pſalm aufſuchte, den anzugeben ſeine Pflicht war.
„Wie? Mrs. Penwyn? Nun, ſie ſieht ja wie ein Bild der Geſundheit aus,“ erwiderte Maurice ebenfalls in ge⸗ dämpftem Tone.
Martin erröthete wie ein Schuljunge, den man eben ſünd⸗ hafter Abſichten in Bezug auf Aepfel geziehen.
„Ich meine die Schöne,“ hauchte er,„ihre Schweſter.“
„Sie! Ah! Sie ſieht etwas übermäßig zart aus,“ ant⸗ wortete Maurice in gleichgiltigem Tone.
Die Familien von Borcel⸗End und dem Herrenhauſe tra⸗ fen ſich nach dem Gottesdienſte im Kirchhofe— Borcel⸗End reſpektvoll und nicht vordringlich— das Herrenhaus freund⸗ lich, auch herzlich, mit einem Anflug von Patronage. In Wahrheit war Michael Trevanard der beſte Pächter, den ſich ein Landeigenthümer nur wünſchen konnte; ein Mann, der ſeinen Grund und Boden ſtets verbeſſerte und ſeinen Pachtzins auf die Stunde zahlte, ein Mann, der bei einem Diner nach der Schlußrechnung ſeinen Sitz mit Würde einnehmen und wohl auch einen Toaſt auf die Geſundheit des Grundbeſitzers aus⸗ bringen konnte.
„Sie erwarteten nicht, uns ſo bald zu ſehen, nicht wahr, Mrs. Trevanard?“ ſagte Madge mit ihrem heiteren Lächeln; „aber wir Alle wurden mitten in der Saiſon der Stadt müde.“
„Wir waren immer erfreut, Sie zurück zu ſehen,“ ſagte Michael, ſeinen Muth zuſammennehmend und die Worte heraus⸗
zwängend, als ob er in Gefahr wäre, daran zu erſticken.„Der Platz ſieht gar nicht ſo heimiſch aus, wenn keine Familie im Herrenhauſe iſt. Wir waren gewohnt, den alten Squire von einem Jahresende zum anderen geſchäftig zu ſehen und jede kleine Verbeſſerung beachtend, die wir machten; und dabei war er ſo familiär, wie Sie ſelbſt wiſſen, als ob er Einer von uns wäre. Das hat uns ohne Zweifel ein bischen ver⸗ wöhnt.“
„Es ſoll gewiß nicht mein Fehler ſein, Mr. Trevanard, wenn Sie nicht mit der Zeit dazu kommen, mich als Einen der Ihrigen zu betrachten,“ ſagte Churchill freundlich— freund⸗ lich, aber ohne jene wahre Herzlichkeit, die einen Gentleman auf dem Lande unter ſeinen Vaſallen beliebt macht.
Maurice ſtand im Hintergrunde, aber in dieſem Momente erkannte ihn Mr. Penwyn. Etwas wie ein krampfhafter Schmerz veränderte einen Moment ſein Geſicht, als ob ihm plötzlich eine unwillkommene Erinnerung zurückgebracht würde.
„Natürlich geung,“ dachte Maurice.„Zuletzt trafen wir uns bei dem Leichenbegängniſſe ſeines Couſins, und es iſt kaum eine angenehme Idee für irgend einen Mann, in den Schuhen eines zu früh Verſtorbenen zu ſtehen.“
Nachdem dieſer momentane Aufblitz eines Schmerzes ge⸗ wichen, bewillkommte Mr. Penwyn den Fremden mit außer⸗ ordentlicher Herzlichkeit.
„Wie lange ſind Sie ſchon in Cornwall, Mr. Cliſſold?“ fragte er.„Sie ſollten doch nicht nach Penwyn kommen, ohne ſich im Herrenhauſe aufzuhalten.“
„Sie ſind ſehr gütig. Ich war im Schloſſe und wagte es, meine Bekanntſchaft mit Ihnen als einen Grund zu benützen, damit mich Ihre treue alte Haushälterin das Haus ſehen laſſe. Ich glaube, ſie hat es wohl vergeſſen, dieſes Faktum zu er⸗ wähnen?“
„Es iſt kaum Zeit dazu geweſen. Wir kamen erſt letzten Abend an. Laſſen Sie mich Ihnen meine Gattin vorſtellen. — Madgo, dies iſt Mr. Cliſſold, von dem Du mich ſprechen hörteſt; Mr. Cliſſold— Mrs. Penwyn, ihre Schweſter Miß Bellingham.“
Madge nahm die Aufführung mit etwas weniger, als ihrer gewohnten Freundlichkeit hin. Obgleich Churchill durchaus von der Unſchuld des Mannes überzeugt war, hatte doch Madge noch immer einen leiſen bangen Zweifel, ob auch Maurice Cliſſold wirklich unſchuldig ſei an dem vergoſſenen Blute ſeines Freundes. Er war im Verdacht geweſen und ein Makel haftete ihm noch immer an.
Als ſie aber in die ernſten dunklen Augen, auf die freie Stirn blickte, auf den wohlwollenden und doch kraftvollen Zug um ſeine Lippen, in die ganze Miene, auf welche das Denken ſeinen veredelnden Eindruck ausgeübt, begann ſie zu denken, daß Churchill in ſeiner Anſicht, wie in allen anderen Dingen, recht haben müſſe und dieſer Mann eines Verbrechens un⸗ fähig ſei.
Und als Churchill, nachdem er Mr. Cliſſold um ſeinen
Aufenthalt befragt, ihn einlud, mit ihnen zum zweiten Frühſtück nach dem Herrenhauſe zu kommen und ſeinen Freund, Martin Trevanard, mitzubringen, ſekundirte Madge dieſer Einladung. „Wenn Mrs. Trevanard ihren Sohn für einige Stunden ent⸗ behren kann,“ ſetzte ſie anmuthig hinzu.
Mrs. Trevanard verbeugte ſich und dankte Mrs. Penwyn für ihre Herablaſſung, ſetzte aber hinzu, ſie meine nicht, daß


