Concordia.
4. Kapitel. Der Glücksritter.
Das Hotel des würdigen Herrn Moquart zählte zu den eleganteſten der franzöſiſchen Hauptſtadt.
Hier in dem zweiten Stockwerk hatte der Chevalier Achille de Vert drei Zimmer gemiethet, die er mit ſeiner Maitreſſe oder Gemahlin— Niemand wußte das genau, das Perſonal des Gaſthauſes redete ſie mit Madame an— bewohnte. Das erſte Zimmer diente zum Empfang, in dem zweiten ſpeiſte man, das dritte war das Schlafgemach der beiden jungen Leute.
Ein Bedienter von ziemlich auffälliger Toilette und ein ſtumpfnäſiges Zöfchen waren von ihnen gemiethet, um ziemlich den ganzen Tag zu faulenzen; denn Antoine's Beſchäftigung, belief ſich eigentlich Tags auf Reinigung der Kleider und Nachts auf Begleitung ſeines Herrn zum Poére Renard, der das vom Adel beſuchteſte Spielhaus hielt, während Liſette noch mehr Muße hatte, ihr Näschen überall hineinzuſtecken. Man ſollte glauben, daß dadurch die Geheimniſſe der Herrſchaft ſehr ſchnell unter die Leute gekommen wären. Das war nicht der Fall; ſo jung der Chevalier und Madame auch ſchienen, hatten ſie doch eine Art, die Dienerſchaft nicht allein in Zügel,
ſondern auch von ſich fern zu halten, welche ihren Zweck nicht verfehlte. Kurz, die Neugier wurde durch die Beiden nicht befriedigt. Selbſt Herr Moquart war über ſeine Gäſte nicht klar, obgleich mit ihren Zahlungen ſehr zufrieden: Zahlungen, welche den Reichthum des Chevaliers klar zu Tage legten.
Mitternacht war längſt vorüber. Madame hatte ſich in ihr Schlafzimmer ſchon ſeit zwei Stunden zurückgezogen, Nacht⸗ toilette gemacht und Liſette entlaſſen; aber zu Bett war ſie nicht gegangen. Sie hatte ſich an's Fenſter geſetzt, nachdem ſie das Licht ausgelöſcht hatte, und ſtarrte in die Nacht hinein.
„Ob es ihm heute glückt,“ murmelten ihre Lippen,„ob er heute— 2“
Die Glocke der Notre Dame verkündete, daß die zweite Stunde beginne.
„Eins,“ fuhr ſie fort;„er wollte um dieſe Zeit zu Hauſe ſein. Ich weiß nicht, mir iſt ſo ängſtlich, ſo eigenthümlich, als legte ſich der Alp auf meine Bruſt, wie meine arme Mutter ſagte— ich wollte, er wäre ſchon da. Ha, dort eine Laterne am Ende der Straße. Ob er es iſt?“ Sie öffnete das Fenſter, um deutlicher zu ſehen.„Nein, es ſind mehr als Zwei,“ ſagte ſie und ſchloß es wieder.
(Fortſetzung folgt.)
Wirklichkeit und Dichtung. Novelle von K. Labacher. (Fortſetzung.)
7. Kapitel.
Adele hatte ſich unterdeſſen eifrig damit beſchäftigt, Meta's Album zu durchblättern; als ſie gefunden, was ſie geſucht, Erich's wohlgelungene Photographie, lächelte ſie beglückt vor ſich hin. Sie ging nun mit ſich zu Rathe, ob dieſes Bild, wenn ſie es zu ihrem Eigenthume machte, von der Couſine wohl vermißt würde. Es lagen einige Photographien auf dem Tiſche umher, welche im Album keinen Platz mehr ge⸗ funden hatten; eine von dieſen konnte ſie ja an die Stelle vwon Erich's Bild geben, und dann bemerkte Meta den kleinen Raub gewiß nicht ſo bald.
Adele war nicht gewöhnt, ſich ſehr lange zu bedenken, wenn es galt, ihre Neigungen zu befriedigen; ſchon war das Konterfei Erich's in ihren Händen, und ſie betrachtete ſeine angenehmen, offenen Züge mit großem Wohlgefallen. Seit geſtern hatte er ihre Gedanken und, wie ſie ſich erröthend ſagte, auch ihr Herz gewaltig beſchäftigt. Beim Abendtiſch war er ihr gegen⸗ über geſeſſen, hatte aber nicht die geringſte Notiz von ihrer Gegenwart genommen, außer daß er ihr mit recht kalter und fremder Miene jene kleinen Dienſte erwies, zu denen ſie ihm auffällig Gelegenheit gab.„Ich glaube, er iſt der Rechte, er hält mir Widerpart!“ hatte es in ihrem Inneren ſchon geſtern gejubelt, und die ganze Nacht hatte ſie kein Auge ſchließen können, ſo aufdringlich und doch auch ſo gern geſehen war Erich's Geſtalt vor ihrer Phantaſie geſtanden.„Er iſt der Rechte, ihm könnte ich meinen jungfräulichen Stolz opfern, einzig ihm,“ flüſterte ſie auch jetzt, während ſie die geraubte Photographie an ihrem Buſen verbarg.
Es war hohe Zeit hierzu geweſen, denn im nächſten Augenblick ſtürzte Meta zur Thüre herein und warf ſich auf
die Kniee, ihr Antlitz in Adelens Kleider bergend. Als ſie ſich ein wenig gefaßt hatte, erzählte ſie, was zwiſchen ihr und Robert vorgefallen war. Dabei ſchluchzte ſie ſo heftig, daß Adele, von Theilnahme ergriffen, ganz rathlos daſtand.
„Ich weiß nun ſelbſt nicht genau, was Du thun ſollſt,“ ſagte ſie endlich.„Wenn Du nachgiebſt und ihn um Ver⸗ zeihung bitteſt, dann ſind alle unſere Bemühungen vergebens geweſen, Du ſinkſt ihm gegenüber in die alte unwürdige Lage herab. Und er kann nicht zu Dir kommen, das wäre wider ſeinen Charakter, das gefiele mir nicht von ihm, und er thut es auch gewiß nicht. Du warſt aber auch zu ſchroff. Warum ließeſt du Dich zur Aeußerung Deiner Eiferſüchtelei hinreißen? Das mußte ihn mehr als nöthig erzürnen, das habe ich Dir nicht geheißen.“
„Mache mir keine Vorwürfe,“ erwiderte Meta matt.„Du haſt den Strom der Zweifel in meiner Bruſt entfeſſelt. Kann ich dafür, wenn er über die Ufer trat, die Du ihm anwieſeſt? Hilf mir lieber aus dem Gewirre meines Elendes. Ich könnte es nicht ertragen, Robert zu verlieren. gewiß nicht!“
„Sei doch ruhig, Kind!“ bat Adele beklommen,„ich werde gewiß ein Mittel finden, Euch wieder zu vereinen. Warte, ich habe es auch ſchon. Ihr müßt ganz wie zufällig zuſammen⸗ treffen, und dann ſiehſt Du ihn freundlich an, er ſchließt Dich in ſeine Arme und Alles iſt gut. Er hat nun wenigſtens ein⸗ geſehen, daß Du auch einen Willen haſt, und damit iſt viel gewonnen. Wir ziehen Erich in's Komplot. Er ſoll Robert zu einem Spaziergange einladen und ihn an ein gewiſſes Plätzchen im Walde führen, wo wir zufällig auch anweſend ſind. Alles Uebrige findet ſich.“
„Ach, Adele, Robert hat ſo ſelten Zeit, ſpazieren zu gehen.
Nein, ich ertrüge es


