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verſteckte. Der allgemeine Tumult, der am Morgen entſtehen mußte, ſollte ihn ergötzen. So gut er aber Alles in Szene geſetzt zu haben meinte, einen Fehler hatte er begangen; er hatte ſein eigenes Schuhwerk ſtehen laſſen. Das ließ den Thäter erkennen, und um ſo mehr Geſchicklichkeit dazu nöthig geweſen war, das ganze Colléège ſchuhlos zu machen, umſo⸗ mehr zürnte man dem ſonſt faſt allgemein geliebten Knaben.
Vergebens leugnete er; man warf ihm den ſich plötzlich gegen ihn erhebenden Verdacht der früheren Diebſtähle in das Antlitz und ſchlug endlich auf ihn erbarmungslos ein.
Zu Denen, welche ihn am meiſten prügelten, gehörte Ernſt de Villeneuve, der Sproß eines erlauchten und reichen Ge⸗ ſchlechtes aus der Bretagne.
Nur Wenige legten ſich für ihn ein, wie der junge Mar⸗ quis von Cateaufort; aber weder ſie noch der Widerſtand Dominique's konnten die Mißhandlung verhindern, in deren Folge Cartouche einige Tage das Bett hüten mußte.
Die klugen Väter Jeſu tadelten das Verfahren gegen ihn, müſſen aber von der Schuld des freilich nicht überführten jungen Verbrechers überzeugt geweſen ſein, da ſie die Ver⸗ wandten des geprügelten Knaben erſuchten, dieſen trotz ſeiner anerkennungswerthen Talente aus der Erziehungsanſtalt zu nehmen, ein Verlangen, dem aber nicht entſprochen wurde, da der Vater behauptete, das hieße den Sohn förmlich brand⸗ marken.
Bisher hatte Dominique mit Eifer den Wiſſenſchaften an⸗ gehangen; von jetzt an ſehen wir ihn dieſelben vernachläſſigen, wogegen er jede Gelegenheit ergreift, um ſich in den körper⸗ lichen Uebungen zu unterrichten. Bald zeichnete er ſich hierin aus, ſodaß ihn einſt der um zwei Jahre ältere Marquis von Chateaufort umarmte und laut erklärte, daß Niemand in dem ganzen Collège Clermont ſo den Degen zu führen wiſſe, wie ſein Freund Cartouche.
Gerade nicht mit Wohlbehagen hatten die Lehrer dieſer Wandlung des Schülers bemerkt, der nach der Mißhandlung auch finſter und einſilbig geworden war; aber ſie ermahnten ihn nicht, in die alte Bahn zurückzukehren, ſondern unterwarfen ihn ihrer ſtrengen Beobachtung.
So geheim ſie dies auch thun mochten, bemerkte es der Zögling und hütete ſich Blößen zu geben, die den Verdacht des Diebſtahls zur Gewißheit gemacht hätten. Nach und nach ſchlief die geheime ſcharfe Aufſicht ein, der er ausgeſetzt geweſen.
Sommer und Herbſt des Jahres 1706 waren dahin⸗ gegangen, ohne daß ein Ereigniß ſtattgefunden hätte, welches das Colléège ſo ſehr erregte, wie folgendes.
In einer Dezembernacht wurden dem Pater⸗Rektor einige hundert Goldſtücke aus einem Zimmer geſtohlen, welches hinter ſeinem Schlafgemach lag und in das Niemand gelangen konnte, als durch die erwähnte Schlafſtube. Ohne Fenſter, wie es war, diente es gewiſſermaßen als Schatzkammer des Rektors.
In den erſten Stunden nach der Entdeckung des Dieb⸗ ſtahls konnte man gar nicht begreifen, wie es möglich ſei, daß die ſchönen Füchſe entſchwinden konnten, bis man endlich wahrnahm, daß wirklich ein Einbruch ſtattgefunden hatte und zwar durch die wieder hergeſtellte Decke. Ueber der dunklen Kammer befand ſich ein Zimmer, wohin ſich ſeit langer Zeit
Concordia.
kein menſchlicher Fuß verloren hatte, wenigſtens wie man glaubte.
Um zu demſelben zu gelangen, mußte der Dieb mehrere Thüren geöffnet haben, wie ſich auch vorfand. Sodann hatte er den Eſtrich aufgeriſſen, die Dielen daruͤnter entfernt und ſich mit Stricken aus dem oberen Kabinet herabgelaſſen.
Daß das Verbrechen von einem Menſchen verübt war, der die Lokalität genau kannte, war gewiß; aber die Schlauheit der klugen Väter Jeſu ſchien nicht ſo groß zu ſein, den Thäter herauszufinden. Man rieth bald auf dieſen, bald auf jenen; auf Dominique nicht, der eifriger als je ſeinen körperlichen Uebungen oblag.
So vergingen acht Tage, und das Räthſel ſchien un⸗ gelöſt bleiben zu wollen, als Ernſt de Villeneuve eine Ent⸗ deckung machte, die er dem Pater⸗Rektor allein mittheilte. Im heimlichen Gemache hatte er durch Zufall auf einem Bret über der Thür eine kleine Kiſte gefunden, die das entwendete Geld bis auf wenige Goldſtücke enthielt.
Der würdige Jeſuit war über den Fund entzückt, hieß aber den jungen Edelmann ſchweigen, da die Entdeckung des Geldes auch zur Entdeckung des Thäters führen müſſe.
So legte man ſich auf die Lauer und bemerkte, daß in der Zeit vor Nacht ein Goldſtück von der an denſelben Ort wieder hingeſtellten Summe fehle. In der nächſten Nacht achtete man darauf, wer das heimliche Gemach aufſuchen werde. Das war Dominique Cartouche. Leicht hätte ein gewandter Krimi⸗ naliſt den Verbrecher überführen können; denn derſelbe würde nicht ſogleich auf den Knaben losgefahren ſein, wie dies der Rektor nebſt Gefährten that, ſondern hätte abgewartet, bis ſich der junge Verbrecher wieder ein Goldſtück genommen hätte.
So ſtürzten ſich aber die Jeſuiten auf ihren Schüler, ihn mit Beſchimpfungen überhäufend, ohne den untrüglichen Be⸗ weis in Händen zu haben.
Dominique ließ ſich aber nicht einſchüchtern, ſondern be⸗ hauptete mit dreiſter Stirne ſeine Unſchuld und die Abſcheu⸗ lichkeit ſeiner Feinde, die ihn in das Verderben ziehen wollten. Vergebens drohte man ihm mit dem Henker, er antwortete in trotzigem Tone, ſeine Verleumder müßten nach Recht und Ge⸗ rechtigkeit eher gehängt werden.
Wüthend ſchlug ihn der Pater⸗Rektor in das Geſicht. Cartouche antwortete darauf mit den Worten Chriſti:„Vater, vergieb ihnen, denn ſie wiſſen nicht, was ſie thun!“ So— dann verlangte er, aus dem Collèége entlaſſen zu werden, daß er hinfort keine ungerechten Mißhandlungen zu dulden habe.
Wirklich verließ Dominique an der Hand ſeines Vaters die Jeſuitenanſtalt, ohne überführt zu ſein; ja der Marquis von Chateaufort umarmte den unſchuldig Beſchuldigten, indem er ihn ſeiner Freundſchaft verſicherte. Mit ihm glaubten aber Viele damals, daß Dominique ungerecht beſchuldigt ſei, wie dies der Vater auch ausſprach.
Die Heuchelei des Jeſuitenſchülers hatte ſomit einen Sieg davongetragen.
War das Jeſuiten⸗Collège für die Anlagen Dominique’s ſchon kein ganz geeigneter Ort, ſo war die faſt unbeſchränkte Freiheit, die der junge Verbrecher im Vaterhauſe genoß, ein Gift für ſeine Seele. Die Genußſucht packte ihn mit eiſernen Händen und er ſtrebte darnach, ſie zu befriedigen, zuerſt das Glück im Spiel verſuchend, dann auch mit Hilfe der väter⸗ lichen Kaſſe.


