Jahrgang 
1 (1879)
Seite
258
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258

Concordia.

Ich bin auch kein Rieſe, unterbrach er ſie.

Doch zehnmal mehr werth, als ſich an Sidi zu hängen, die kaum reif iſt.

Ich bin auch erſt fünfzehn Jahre alt.

Aber wie anders als Sidi, der die Ruthe, nicht Deine Küſſe, gebührte, ereiferte ſie ſich.

Einen Vorzug hat ſie aber doch, entgegnete Cartouche; ſie gehorcht mir auf das Wort, thut, was ich ihr befehle. Kurz ihr Eifer iſt muſtergiltig.

Du ſollſt Dich auch über den meinen nicht zu beklagen haben.

Der ermattet nur zu bald. Ich kenne Dich wohl, meine Schöne.

Verſuche ihn.

Dazu wäre wohl Gelegenheit, wenn Rochambeau nicht wäre.

Zum Teufel mit ihm.

Ich habe das oft gedacht, wenn er Dich ſchlug der Schuft. Gieb mir einen Kuß.

La Grive fiel ihn um den Hals und küßte ihn leiden⸗ ſchaftlch

Aber da vergeſſe ich bei den Tändeleien ganz, was mich eigentlich hergeführt. Daran biſt Du ſchuld, Schelmin, und kannſt hübſche Schritte machen, um das Verſäumte nach⸗ zuholen, begann wieder Dominique.

Ich fliege, wenn Du es wünſcheſt.

Das wird auch faſt nothwendig ſein; denn die Wagen müſſen ſchon heute um Mitternacht an der Parkpforte halten.

Schon heute?

Gewiß, oder Alles iſt verloren.

Ich will mein Möglichſtes thun.

Gut, meine Liebe. Hier iſt auch der Schlüſſel. Wenn Du um Elf am kleinen Gartenhauſe biſt, triffſt Du mich dort allein.

Ich werde dort ſein.

Als Dominique wieder dem Schloſſe zuſprengte, lächelte er zufrieden.

Thoren, Thoren, ſprach er zu ſich,ſie denken ſich frei und ſehen nicht, daß ſie nur Puppen ſind, die man leicht be⸗ wegt, wenn man die Fäden der Leidenſchaften berührt.

Die Pariſer Sitte, die Nacht zum Tage zu machen, war 1708 in der Normandie ſo gut als unbekannt; bei feſtlichen Gelegenheiten jedoch, wie die, welche im Schloſſe Maſſard ſtattfand, ſetzte die Mitternacht auch keine Schranke. Daher noch das brauſende Leben in den hellerleuchteten Sälen.

Da durchdringt der RufFeuer! die Geſellſchaft und erregt die wildeſte Verwirrung. In der That iſt der Ruf nicht ohne Grund erſchollen: ein Seitenflügel ſteht in Flammen.

Dieſer ruft nach ſeinen Leuten, jener nach ſeinem Wagen der Bräutigam und Hektor d'Aubrai ſcheinen den Kopf verloren zu haben, und wo es den Anſtrengungen des Grafen von Maſſard gelingt, Ordnung in das wilde Chaos zu bringen, da laufen ſie hin, und die Bemühung Maſſard's war umſonſt.

Immer größere Fortſchritte macht das wilde Element, und bald iſt es unmöglich, ihm noch Schranken zu ſetzen. Finſter

·

ſieht Maſſard das Haus ſeiner Ahnen rettungslos den Flammen preisgegeben.

Da naht ſich ihm d'Aubrai⸗Cartouche.

Die Gebäude ſind nicht mehr zu retten, redet er ihn an.Verſuchen wir, ob wir den Inhalt nicht bergen.

Sie haben recht, erwidert ihm der Graf, der die Be⸗ ſinnung noch nicht verloren hat.Alle Hände herbei!

Alles fliegt herbei und Jeder hindert den Anderen; Nie⸗ mand wird beachtet und giebt auf Andere acht. Ein wildes Getümmel herrſcht in den Theilen des Schloſſes, die von den Flammen noch nicht ergriffen ſind. Diener und Bauern, Mann und Weib, Jedes hat den beſten Willen und ſtrengt ſich mächtig an, ohne viel zu thun.

Kommen Sie, wendet ſich Maſſard an den Baron Os⸗ mond und Hektor d'Aubrai. Die Drei wanden ſich dem runden Thurme zu, nachdem Letzterer einem jungen Mädchen in ſeiner Nähe einen Wink gegeben.

Es iſt drei Uhr das Feuer hat ſeine größte Ausdehn⸗ ung. Alle Rettungsverſuche ſind jetzt nur vergebens, Jeder ſteht und ſchaut, wie bald hier die Balken ſtürzen, bald dort.

Maſſard hielt ſein Kind im Arm.

Wo iſt Osmond? fragt er.

Niemand kann ihm rechte Antwort geben. Auch Aubran wird vermißt. Der Bräutigam und ſein junger Freund ſcheinen ihr Grab in den Flammen gefunden zu haben. Helene beweint ſie und die verlorene Hoffnung, bald in die Ehe zu treten.

Am folgenden Tage fand die Theilung der reichen Beute ſtatt, die Orgowani und die Seinen gemacht hatten. Vier Meilen von dem Schloſſe Maſſard entfernt hielten in einer Schlucht die Wagen, und hatten ſich die Mitglieder der Gaunerbande vor ihnen verſammelt.

Freunde, Genoſſen, begann jetzt der Führer.Nachdem wir jetzt zu dem Ziele gekommen ſind, daß Jeder von uns auf längere Zeit nicht zu ſorgen braucht, heiſcht es die Klug⸗ heit, uns zu zerſtreuen ich lege mein Amt als Euer Führer nieder und denke, daß ich ein nicht unwürdiger Hauptmann geweſen.

Gewiß ſtimme ich Dir bei, Orgowani, nahm nun Car⸗ touche das Wort,daß ſich unſere Verbindung für den Augen⸗ blick auflöſe, daß Jeder ſeine Wege geht und wählt. Ehe dies aber geſchieht, müſſen wir noch zu Gericht ſitzen. Ich klage Pierre und Rochambeau der Deſertion an.

Dieſelbe iſt außer Zweifel, lautete das allgemeine Urtheil.

Und ſomit haben ſie den Tod verdient, fuhr Dominique fort.

Den Tod! den Tod! riefen Alle.Sie ſind dem Meſſer verfallen.

Und es iſt die Pflicht Jedes, der ſie antrifft, ſie zu tödten, ſagte Orgowani.Verflucht das Meſſer, das ſie verſchont!

Ferner beſchuldige ich der Theilnahme, der Mitwiſſen⸗ ſchaft an dem Verbrechen der Beiden La Grive, begann Cartouche auf's Neue. 3

Mich? mich? Dominique! ſchrie die Angeklagte, auf Cartouche zutretend.

Dich! verſetzte derſelbe eiſig kalt.Wie Ihr wißt, Freunde und Brüder, hat ſie mit Rochambeau gekoſt und ein