———õ——————
256
Concordia.
kam es infolge übermäßiger Arbeit. Dabei hatte er un⸗ verantwortlicherweiſe Bertram und ſeine Schweſter ſchon über dreiviertel Stunde allein gelaſſen, was dem Frieden Petronel's leicht gefährlich ſein konnte; darum mußte er eilen, hinunter⸗ zukommen und nach ihnen zu ſehen.
Und lächelnd über die Idee, wie doch ſeine Schweſter Marcia mit ihrer hageren Figur und mit ihren ſtechenden ſchwarzen Augen ſein Adoptivtöchterchen verdunkeln würde, trat er zu dem Paare, das er noch in der Eßſtube antraf.
Zweiter Theil.
QAòᷓò́Oò
1. Kapitel. Betronel's Tagebuch.
Soviel ich mich entſinne, war ich bei meiner Ankunft in Rockbury recht krank, oder fühlte mich wenigſtens ſo; die Ueberfahrt war ſo ſtürmiſch geweſen, daß ich von der See⸗ krankheit befallen wurde, die ich bis dahin noch nicht gekannt. Dazu hatte Fräulein Graub, meine Chaperone, mich mit ihrem Eiſenbahnfieber und mit der ewigen Angſt, von Koffer⸗ trägern und Fuhrleuten übervortheilt zu werden, derartig be⸗ unruhigt und gepeinigt, daß ich gegen Ende unſerer Reiſe mit meinen Kräften zu Ende war. Bei unſerer Ankunft vor dem Hauſe des Vetters Ulih ſaß ich abgeſpannt und theil⸗ nahmlos im Wagen, bis man uns die Thür öffnete. Es war gegen vier Uhr an einem heißen Juninachmittage, ich lehnte mich zurück und ſah nach den halb offenen Fenſtern im Hauſe, vor denen ſich kleine Vorbaue befanden, die mit Nel⸗ ken und anderen rothblühenden Gewächſen angefüllt waren. Alles betrachtete ich, als ſei es ein mir ganz fremdes Haus und nicht mein liebes Heim, in das ich nun wieder zurück⸗ kehren ſollte. Und als nun der treue Wheeler, der mir trotz meiner oft recht tollen Kinderſtreiche ſtets gewogen geblieben war, hervortrat und uns bewillkommnete, ſtieg ich ſchwerfällig aus dem Wagen, anſtatt wie früher hinaus und mit einem Sprunge die Treppe hinaufzufliegen. Auch erwiderte ich kaum ſeinen lächelnden und doch reſpektvollen Gruß und ſchleppte meine müden Glieder in's Eßzimmer, wobei mir das Weinen näher war als das Lachen. Dort traf ich die Couſine Marcia, wurde aber von ihr nicht ſehr freundlich empfangen, weshalb ich mich denn in den erſten beſten Lehnſtuhl warf und nicht wußte, was ich ſagen ſollte.
Fräulein Graub ſtand neben mir, in fieberhafter Angſt, mit einer Fremden, und noch dazu mit einer Engländerin, ſprechen zu ſollen; die engliſche Sprache war ihr nur ſehr wenig geläufig. So ſtotterte ſie denn Einiges über unſere Reiſe hervor und brachte den ganzen Vorrath ihrer Vokabeln an. Die Couſine ſtand ihr gegenüber, ihren Mienen ſah man an, daß ſie trotz ihres aufmerkſamen Lauſchens keine Silbe verſtand, und ich mußte der armen Graub öfter zu Hilfe kommen, um ihr Gemiſch von Deutſch und Engliſch nur einigermaßen verſtändlich zu machen. Die Szene ſchien mir endlos, die Couſine Marcia, gaſtfrei wie immer, beſtand darauf, daß Fräulein Graub vor der Rückreiſe noch eine kleine Er⸗ quickung zu ſich nehmen müſſe. So wurde denn ſervirt; ich lehnte mich in meinen Stuhl zurück und ſah zu, wie die gute Graub mit Behagen ihren Wein ſchlürfte, ſich von dem mir ſo bekannten Kuchenteller ein Gebäck nach dem anderen nahm
und zwiſchendurch einige ganz unverſtändliche deutſch⸗engliſche Redeverſuche machte. Schon dachte ich, es würde der Abend herankommen, bis ſie ihre eifrige Beſchäftigung beendet.
Die hereinbrechende Dämmerung mochte ſie indeſſen wohl daran mahnen, daß es Zeit für ſie ſei, aufzubrechen. So empfahl ſie ſich denn der Miß Ford mit einigen verbindlichen Komplimenten, berückſichtigte mich mit einer liebevollen Um⸗ armung, die meinen Gefühlen gänzlich entgegen war, und be⸗ ſtieg die Droſchke, die, ihrer wartend, vor dem Hauſe gehalten hatte, um ſie wieder zur Bahn zu bringen. Gänzlich ermattet ſaß ich auf meinem Stuhle und hoffte, bei meiner Couſine Mitleiden mit meiner Schwäche und mit meinem veränderten Aeußeren zu finden, dieſe aber ſchien ſich offenbar vorgenommen zu haben, den Gedanken, daß ich krank ſein könne, gar nicht bei ſich aufkommen laſſen zu wollen.
„Komm', Petronel,“ ſagte ſie unbefangen, wie der Wagen mit Fräulein Graub weggefahren war,„jetzt iſt es wohl das Beſte, Du gehſt nach Deiner Stube und ſiehſt darnach, daß Dein Koffer mit Vorſicht ausgepackt wird. Du biſt in der blauen Stube einquartiert, und Jane, das zweite Hausmädchen, wird die Aufwartung bei Dir übernehmen. Bis zum Eſſen haben wir noch volle zwei Stunden, es wäre doch unrecht, die ganze Zeit zu vergeuden.“
„Ich fühle mich ſo angegriffen,“ ſagte ich, mich langſam erhebend.
„Das glaube ich wohl, bei dieſer Hitze iſt es nicht zu verwundern, mir geht es nicht beſſer, man muß ſich nur etwas zuſammennehmen, dann erträgt es ſich am beſten. Du weißt ja auch, Dein Vetter Ulih iſt kein Freund davon, die Zeit müßig zu vertändeln.“
Das wußte ich ganz und gar nicht; die Conſine war aber ſchlau genug, ſie rief ihres Bruders Namen zu Hilfe, wenn ſie etwas bei mir erreichen wollte. Nichts hätte in dem Augenblicke anregender für mich ſein können, als die Er⸗ innerung an die Eſſenszeit, wo ich hoffen durfte, ihn wieder⸗ zuſehen. Dieſem Augenblicke ſah ich mit einer Sehnſucht ent⸗ gegen, wie ich ſie nie gefühlt; ich bildete mir ein, daß ſchon ein Blick von ihm hinreichen würde, mich völlig zu heilen, und daß bei ſeiner Berührung meine Schwäche und Theil⸗ nahmloſigkeit ſofort wieder ſchwinden müſſe. Es war mir zwar hinreichend in der Erinnerung, daß er für gewöhnlich zur Zeit unſerer Ankunft nie zu Hauſe war, diesmal aber wären mir, als ich ihn nicht vor der Thür ſtehen ſah, uns zu empfangen, faſt die Thränen ausgebrochen. Der Wunſch, mich nun zu ſeinem Empfange möglichſt vorzubereiten, gab mir Kraft, den Wünſchen der Couſine Marcia nachzukommen, und ſo ging ich denn, allerdings nicht ohne einige Unluſt zu ver⸗ rathen.
Glücklich gelangte ich nach dem blauen Zimmer; dort ſah ich zu, wie Jane meinen Koffer auspackte; ſie unterhielt mich dabei auf's Eifrigſte und kramte alle ihre Neuigkeiten aus Rockbury aus, ich ſchenkte ihrem Geplauder jedoch keine Auf⸗ merkſamkeit, meine Gedanken waren einzig nur auf die baldige Ankunft meines Vetters gerichtet. Als ich vor dem Spiegel ſaß und damit beſchäftigt war, mein Haar zu ordnen, hörte ich ſeinen Tritt und ſeine Stimme auf der Treppe, was mich derart irritirte, daß meine Hände ihren Dienſt verſagten und alle Flechten und Locken fallen ließen. Der Gedanke, daß er mir ſo nahe und doch ſo fern von mir war, machte mich krank
XN


