Jahrgang 
1 (1879)
Seite
255
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Tage Bedenkzeit, dann werde ich mir meine Anſicht bilden können.

Miß Ford ſcheint mir holder zu ſein als Du! bemerkte ſein Freund niedergeſchlagen,ſie zweifelte keinen Augen blick an Deiner Zuſtimmung und beredete mich vorhin, gleich heute noch mit Dir zu ſprechen.

Alſo meiner Schweſter haſt Du Deine Wünſche ſchon mitgetheilt? fragte Doktor Ford ſinnend;das bedauere ich, Bertram, es wäre mir lieber geweſen, Du hätteſt zuerſt mit mir geſprochen! Wiederum trat eine peinliche Stille ein, während derſelben ſtand Doktor Ford an den Kamin gelehnt, und Herr Bertram ſaß auf ſeinem Platz am Eßtiſch und ver⸗ ſuchte mit Eifer, den Zucker auf ſeinem Deſſertteller zu einer Pyramide aufzuthürmen.

Bertram, fuhr endlich Ulih Ford auf,ich hoffe, Du legſt es mir nicht für Ungaſtlichkeit aus, wenn ich Dich bitte, dieſes Mal hier bei uns nicht länger zu bleiben, als bis zu Miß Fleming's Ankunft von Antwerpen. Unter obwaltenden Verhältniſſen halte ich das für beſſer. Wenn Petronel ſich hier erſt eingewohnt und ich mich davon überzeugt habe, daß ſie wieder ganz wohl iſt, iſt es noch früh genug, ihre Gefühle zu ſondiren. Beruhige Dich vorerſt, Du mußt mir Recht geben, daß bei einem Kinde, wie ſie es iſt, Dir Keiner zuvor⸗ kommen kann. Dabei betonte er das WortKind mit einem Akzent, der den Zuhörer nicht angenehm berührte.

Miß Fleming iſt nicht mehr das Kind, wofür Du ſie hältſt! wiederholte Bertram nochmals; doch dieſe Bemerkung, die bei ihm aus voller Ueberzeugung kam, reizte und ärgerte den Doktor, wie die ganze Unterhaltung.

Nachdem die Beiden ſich noch eine Weile ſtumm einander gegenüber geſeſſen, machte Ulih Ford eine kaum verſtändliche Entſchuldigung, verließ das Zimmer und ging aus. Kranken⸗ beſuche hatte er nicht zu machen, doch er fühlte, er war nicht im Stande, länger noch mit Dem, der ihmdas Kind rauben wollte, unter einem Dache zu verweilen, ohne ihm ſeine wahre Herzensmeinung zu ſagen.

Petronel ein Baby, ein Kind noch ſollte verheiratet werden an Jemanden, der noch einmal ſo alt war wie ſie und deſſen Ideen und Gewohnheiten ſchon fertig waren, während ſie erſt anſing, zu leben! Nein, das wäre unverantwortlich gehandelt, das wäre Wahnſinn und Frevel! Er hielt es für unmöglich, daß das Kind je ſchon von ſo etwas geträumt und ſchon an's Heiraten gedacht haben könnte. Und doch wieder er⸗ innerte er ſich, daß Petronel in den letzten Ferien ſehr ver⸗ ändert geweſen war, daß ſie in ganz anderer Art als früher über ihre Fortſchritte in der Schule geſprochen, daß ſie ſich gegen ihn, wenn ſie allein waren, ſcheuer gezeigt und über⸗ haupt nicht mehr ſo unbefangen heiter geweſen war. Alles dieſes hatte er ſich gar nicht deuten können. Sollten es doch am Ende die Anzeichen einer erwachenden Liebe zu Bertram ſein, die ihr ſelbſt vielleicht noch unklar war, die aber in der Sonne des Glücks ſich zur Blume entfalten könnte? War ſein Freund denn wirklich ſo anziehend, daß ein junges un⸗ ſchuldiges Kind von ſechszehn Jahren ſeiner Anziehungskraft nicht widerſtehen konnte? Doktor Ford erinnerte ſich wohl der Zeit, wo ſie Beide auf der Univerſität zuſammen waren, wo ſein Freund zum Unterſchied von einem Namensvetterder ſchöne Bertram genannt wurde, und mußte einräumen, daß der Fall nicht unmöglich war.

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Er wußte wohl, daß er ſelbſt ſtets ganz anderer Art ge⸗ weſen war! Und angenommen, das Kind hatte Bertram lieb, welchen Grund hatte er dann, es ſeinem Couſin zu verweigern? Eine Altersverſchiedenheit, wie die zwiſchen den Beiden, kam häufig vor, im Uebrigen, was ſein Herkommen, Erziehung, Charakter und Stellung anbetraf, war er eine gute Partie zu nennen, wenn er auch oft über ſeinen kümmerlichen Gehalt klagte. Wenn er dieſes berückſichtigte, konnte er ſeine eigennützigen, erbärmlichen Wünſche, Petronel ſelbſt noch einige Jahre zu behalten, doch nicht als Grund betrachten, um ihr den Couſin zu verweigern? Petronel war noch jung, und doch nicht jünger als Manche ſind, wenn ſie ſich verheiraten. Vielleicht wäre es auch noch das Glücklichſte für ihn, wenn er ſie doch einmal verlieren mußte, das dieſes baldmöglichſt geſchähe, jetzt würde die Leere im Hauſe nicht ſo fühlbar ſein, wie ſpäter! Alle dieſe Gedanken durchkreuzten ſein Gehirn, er konnte keine Ruhe finden. Faſt eine Stunde lief er in der erfriſchenden Luft um⸗ her, doch als er heimkehrte, war er um kein Bischen gefaßter. Bertram und ſeine Schweſter ſaßen noch plaudernd in der Eßſtube. Als er an die Hausthür trat, hörte er durch die geöffneten Fenſter das Murmeln ihrer Unterhaltung und zwiſchen⸗ durch das Klappern der Stricknadeln. Möglicherweiſe beſprachen die Beiden noch dieſelbe Angelegenheit, und Marcia gab dem abgewieſenen Freier friſchen Muth und neuen Troſt.

Ulih Ford fühlte ſich unfähig, mit ihnen zu ſitzen und zu plaudern, und wäre es auch über die gleichgiltigſten Dinge der Welt geweſen, darum ging er geradenwegs nach ſeinem Ankleidezimmer.

Dieſes war ſo ziemlich ein treffendes Bild ſeines Charakters; während ſonſt überall im Hauſe Luxus zu finden war, enthielt dieſes Gemach nur das Nothwendigſte. Der Fußboden ohne Teppich, der große Bücherſchrank, der kleine, anſpruchsloſe Schreibtiſch, dabei die Wände ohne Schmuck, dieſes Alles be⸗ kundete deutlich, daß Der, welcher darin wohnte, anſpruchslos und mehr ein Freund des Handelns, als des Fühlens war. Und doch wußte nur er allein, wie tief er an dieſem Abend, als er das Zimmer betrat, fühlte!

Wie müßte der Mann wohl beſchaffen ſein, dem ich ſie geben möchte? Dieſe Frage legte er ſich vor, nachdem er die Thür hinter ſich geſchloſſen und ſich auf einen Stuhl vor ſeinen Büchertiſch geſetzt. Da plötzlich ſah er ſein eigenes Bild im Spiegel vor ſich.Fürwahr, ich ſelber kann nie daran gedacht haben! ſagte er abwehrend, zitterte aber ſicht⸗ lich.Es iſt unmöglich! Es wäre zu lächerlich, ich müßte mich für einen Thoren halten!

Das ungefähr waren ſeine Gedanken, wie er daſaß und ſein Bild erblickte. So übel war dieſes eben nicht; ernſt, dunkel, etwas verdrießlich mochte es wohl ſein, doch Kraft, Scharfſinn und Wohlwollen prägte ſich darin aus, es war ſo, wie die Frauen es zugleich lieben und fürchten. Doch was nützte das Alles dem Beſitzer in dieſer Stunde der Schwäche? Er ſah nur das Bild eines Mannes in vorgerückten Jahren und von abſchreckendem Aeußeren vor ſich, der eben ſo wenig an Lieben und Heiraten denken durfte, wie Ulih Ford an Petronel Fleming. Raſch ſprang er vom Stuhle auf und rüſtete ſich, hinunterzugehen. Welchem Dämon hatte er den Zutritt zu ſeinem Herzen geſtattet? und welcher Alp war es, der ihn in dieſer einſamen Stunde ſo gequält? Er mußte wahnſinnig ſein oder werden, das ſchien ihm klar, vielleicht