Jahrgang 
1 (1879)
Seite
254
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254 Concordia.

Wohl möglich! Sie iſt nicht über die Schwächen ihres Alters erhaben. Ich ſehe nur noch keine Wahrſcheinlichkeit dafür, daß ſich dieſes ereignen könnte. Bedenke nur immer, Bertram, Petronel hat zweierlei gegen ſich, ſie hat kein Ver⸗ mögen und iſt nicht von Familie. Ich weiß nicht einmal, wer ihr Vater war, auch nicht, wo dieſer jetzt lebt, er kann aber jeden Augenblick mit ſeinen Anſprüchen hervortreten zum Kummer Derer, die ſich ſeines Kindes annehmen. Das müßte doch jedenfalls Dem, der um Petronel würbe, mitgetheilt werden.

Bertram näherte ſich dem Tiſche. Dann erwiderte er:

Darin würde ich kein allzu großes Hinderniß ſehen. Ich verhehle nicht, Ford, fuhr er unruhig fort,daß ich hierher gekommen bin, um Dir nicht um mich zu zerſtreuen, nein, um mit Dir zu ſprechen, oder um Dich vielmehr in einer ähnlichen Angelegenheit zu Rathe zu ziehen oder, um nur gerade herauszuſprechen, in der oben erwähnten Angelegen⸗ heit

Deuteſt Du auf das Verhältniß zwiſchen Marcia und dem Kinde? fragte Ulih Ford und zog die Stirn in Falten.

Nein, zwiſchen den Beiden nicht, ich meinte nur Miß Fleming Du ſprachſt vorhin vom Heiraten, ich habe ſchon ſeit längerer Zeit daran gedacht, daß in meiner Lage die kennſt Du ja, Ford, weißt auch, daß meine Stelle nicht ſchlecht iſt, und wenn mein Einkommen jetzt auch noch beſcheiden iſt, ſo wird es doch nach dem Tode meiner Großmutter

Denkſt Du ſelbſt etwa an's Heiraten? fragte ſein Freund, dem plötzlich ein Licht aufging.Das wäre ja unvergleichlich! Darf ich denn auch fragen, wer Deine Auserwählte iſt?

Das iſt ja eben der Punkt, über den ich mit Dir ſprechen wollte, erwiderte Bertram und ſpielte verlegen mit ſeiner Serviette;ich dachte, Du hätteſt meine Andeutungen wohl verſtanden! Ich muß zugeben, ſie iſt noch etwas jung und Du hältſt es auch vielleicht noch für zu früh; ich würde auch wohl noch nicht damit herausgekommen ſein, wenn wir nicht gerade von ihr geſprochen hätten und von der Möglich⸗ keit, daß ſie ſich hier nicht glücklich fühlen könnte. Doch ich denke, jetzt wird mein Vorhaben Dir eine Beruhigung ſein. Jedenfalls möchte ich gern hören, wie Du darüber denkſt und ob Du glaubſt, daß ich Ausſicht habe, zu reüſſiren.

Herr Bertram hatte raſch geſprochen und namentlich ſein Alter und ſeine langjährige Freundſchaft zu Ulih Ford mit ungewöhnlicher Aufregung erwähnt; als er nun aber geendet und ängſtlich auf Antwort wartete, blieb dieſe aus.

Ich hoffe doch, Du billigſt meine Idee? fuhr er ſchüch⸗ tern fort.

Sprachſt Du etwa von Petronel? fragte der Doktor mit zitternder Stimme.

Ja, gewiß! Von wem ſonſt?

Und Du hältſt wirklich um ſie an, wirbſt um ſie?

Ich wollte mir nur Deine Erlaubniß hierzu erbitten und zugleich Deinen Konſens zur Verheiratung ſpäter.

Bertram, wie lange ſind wir ſchon befreundet?

Genau weiß ich es nicht, ich glaube etwa fünfzehn bis ſechszehn Jahre.

Alſo ungefähr ſolange, wie das Kind alt iſt. Fandeſt Du gar nichts Ungereimtes darin, wenn Du das Kind hei⸗ rateteſt?

Nein, nicht mehr, als bei den meiſten Heiraten heutzutage. Ich weiß wohl, daß ich kein Jüngling mehr bin, ich bin aber doch vier Jahre jünger als Du, friſch und geſund, und noch jugendlich in Geſchmack und Gewohnheiten. Ein Vierziger iſt für keine Dame zu alt, und ich fände nichts Auffallendes darin, wenn ich mir eine Frau von ſiebzehn Jahren wählte; denn bevor Miß Fleming dieſes Alter erreicht, würde ich natürlich nicht mit meinen Wünſchen hervortreten.

Ulih Ford war währenddem ſehr bleich geworden, er ſah unverwandt in's Kaminfeuer.

Dein Wunſch wäre alſo, unmittelbar nachdem ſie aus der Penſion zurückgekehrt, mit Deiner Bewerbung hervorzu⸗ treten? Vielleicht haſt Du es ſogar ſchon gethan?

Bertram lächelte ſelbſtzufrieden.

Einige Winke habe ich allerdings bei meinen Huldigungen ſchon fallen laſſen, und ſoweit es mir ſchien, nahm ſie dieſe günſtig auf; doch ohne Deine Erlaubniß wollte ich nicht wei⸗ tergehen. Du vertrittſt ja bei ihr Vaterſtelle, und Deiner Tyrannei müſſen wir uns unterwerfen.

Die letzten Worte ſagte er in klagend ſcherzendem Tone und berührte dadurch das Nervenſyſtem ſeines Zuhörers auf's Empfindlichſte.

Da Du es nun für nicht unwahrſcheinlich hältſt, daß Miß Ford und Miß Fleming nicht gut harmoniren könnten,

ſo glaubte ich, es wird Dir ein angenehmer Gedanke ſein,

wenn ihr die Ausſicht geboten wird, jederzeit, wenn es ihr beliebt, ihre Lage zu verändern. Wir Beiden kennen uns ſo lange und ſind ſo innig befreundet; ich hoffe, mir wirſt Du ſie weit eher anvertrauen, als jedem Anderen.

Seit längerer Zeit ſchon kämpfte Ulih Ford mit aller Ge⸗ walt gegen einen böſen Dämon, der ihm die größte Luſt ein⸗ gab, ſeinen alten Freund beim Kragen zu faſſen und ihn tüchtig durchzuſchütteln, als dieſer nun aber ihrer alten Freundſchaft Erwähnung that, verſchwand die Verſuchung und mit vorgeſtreckten Händen ging er auf ihn zu.

Ja gewiß, Bertram! Verzeihe es mir, Deine Mittheil⸗ ung überraſchte mich derart, daß ich verſäumte, ſo herzlich darauf einzugehen, wie ich hätte thun ſollen. Es iſt mir Alles ſo neu, ſo unklar! Ich bin auch noch nicht ſicher dar⸗ über, was bis jetzt zwiſchen Dir und Petronel vorgefallen iſt. Kennt ſie Deine Neigung ſchon?

Nein, das kann ich nicht behaupten, doch vermuthen wird ſie ſie wohl; die jungen Dinger ſind bei ſo etwas verteufelt ich wollte ſagen wunderbar ſchlau; doch geſagt habe ich

ihr noch nichts.

Und ich hoffe, Du wirſt es vorerſt auch noch nicht thun! Sie iſt noch zu jung, um an dergleichen zu denken; ich bin überzeugt, ſie kann in ſolchen Sachen ſich noch kein Urtheil bilden.

Nicht wahr, Ford, ich darf doch nach wie vor hierher kommen? fragte Bertram, etwas enttäuſcht;denke daran, Ford, ſo ſehr viel Zeit habe ich nicht mehr zu verlieren!

Ja, Du haſt recht! erwiderte Ford, deſſen Blicke mit müdem Ausdruck auf dem Boden hafteten,Du ſollſt mir hier immer willkommen ſein! Doch wenn es Dir gleich iſt, laß uns für heute dieſen Gegenſtand nicht weiter berühren, Du haſt mich ſo überraſcht, und die ganze Angelegenheit ſcheint mir ſo ſehr verfrüht, daß ich in meinen Gedanken den rechten Standpunkt noch nicht finden kann. Gieb mir einige