Concordia.
ſchädlichen Einflüſſen des Lebens in der Stadt zu bewahren. Klügerer auf und durchdachte ſie ſpäter für ſich. Ohne die
In Rockbury war es geſund für ſie, dort glaubte er auch, könnte ſie glücklicher ſein, und nebenbei fand er dort auch mehr Zeit für ſie als in London. Sollten dieſe Jahre dahin ſein, und der Augenblick eintreten, daß ſie von dannen ginge und ihn der zarten Sorgfalt ſeiner Schweſter übergäbe— was ihm keineswegs ſehr verlockend erſchien— ſo war es ja noch früh genug, die Vorſchläge ſeiner Freunde in Betracht zu ziehen.
Sobald er zu dieſem Entſchluß gekommen war, ſetzte Doktor Ford ſich in ſeinen Wagen, durchflog die letzte Nummer der Lancet und verſuchte durch ſolche Kraftmittel, wie Ortho⸗ pädik und Terralogie, das gewinnende Bild Petronel's aus ſeiner Seele zu bannen. Gewinnend war das liebe, kleine Geſicht für ihn! Ach, nicht allein für ihn; oft ſtanden die Leute auf der Straße ſtill, um es ſich anzuſehen, erzählten nachher davon und ſagten ihm, daß ſie den Eindruck gar nicht vergeſſen könnten. In der That hatte ſie alle die Verſprech⸗ ungen ihrer Kindheit mehr als erfüllt, ſie verband mit den hübſchen Zügen ihres Vaters die reizende Zartheit ihrer Mutter und fügte dem Ganzen ihren eigenen Ausdruck hinzu; in dieſem lag Sicherheit ohne Naſeweisheit, Beſcheidenheit ohne Dummheit und Sanftmuth ohne Langweiligkeit. Ihre feingeſchnittene Naſe, ihre aufgeworfenen Lippen, ihr ſpitziges Kinn verriethen trotz des ernſten Blickes ihrer Augen ein fröhliches Gemüth. Ihre Augen waren weder blau noch grau, ſie hatten die Farbe der Waldveilchen, an denen der friſche Thau hängt, die Brauen waren ſtark und dunkel und zu⸗ ſammengezogen oder gedehnt, je nachdem ſie ernſt oder heiter war.
Petronel's Figur war über mittlere Größe, doch ſo hübſch proportionirt und voll, daß man kaum die wirkliche Größe bemerkte. Ihr weißer Teint war mit feinen blauen Adern durchzogen. Ihr Haar, das mit den Jahren dunkler gewor⸗ den war, mehr braun als goldfarben, hatte aber immer einen ſonnigen Glanz. Für gewöhnlich trug ſie über der Stirne eine dicke Flechte, die auffallend gegen die dunklen Brauen und Wimpern abſtach. Bei alledem war ſie keine Schönheit, das Anziehende lag in ihrem immer wechſelnden Ausdruck— ſie war bezaubernd, was mehr als ſchön iſt. Dies hübſche Bild, das ihr, als Vetter Ulih ſie eine Dame nannte, aus dem Spiegel zunickte, war ſchon damals keine Chimäre der Eitelkeit; mit ſiebenzehn Jahren aber erſt war Petronel Fleming nach dem allgemeinen Urtheil wirklich eine Schönheit.
Ihre geiſtigen Kräfte waren bei der erſten Erziehung nicht erweckt und angeregt, doch ſie hatte das Ihrige gethan, das Verſäumte nachzuholen. Andererſeits hatte ſie während dieſer Jahre der Vernachläſſigung gelernt, für ſich ſelbſt zu ſorgen, und ſich ihr eigenes Urtheil über Alles in ihrer Umgebung zu bilden. Dieſes Leben hatte dazu beigetragen, ihren Charakter zu ſtärken, wenn es auch gleichzeitig eine kleine Dispoſition zur Empörung und Auflehnung gegen ihre Vorgeſetzten in ſie gelegt hatte; doch ſobald der Strom ihrer Ideen erſt in's richtige Fahrwaſſer geleitet war, handelte und ſprach ſie klug und verſtändig.
Ihr ganzes Weſen hatte den Reiz des Mädchenhaften, und hätte ſie den verloren, ſo würde ſie nur halb ſo lieblich und anziehend geblieben ſein; in ihren Gedanken war ſie ernſter als in ihren Worten, gern nahm ſie die Ideen Aelterer und
mindeſte Frivolität war ſie heiter und leichten Herzens, das Weinen ſaß ihr ebenſo nahe wie das Lachen. Mit einem Worte, ſie war der kleine Inbegriff von alledem, was ihr Vetter Ulih verlangte; da war es denn auch kein Wunder, daß dieſer ſie liebte, davon aber, daß auch ſie innige Liebe und Verehrung für ihn fühlte, hatte er keine Ahnung.
Daß das Kind dankbar und ihm zugethan war, wußte er wohl, doch er hatte auch bemerkt, daß ſie bei jedem Kommen von Antwerpen zurückhaltender mit der Offenbarung ihrer Gefühle gegen ihn geworden war. Dieſes ſchien ihm aller⸗ dings ganz natürlich, früher war er ihr einziger Freund, jetzt hatte ſie deren ſo manche, und ihre Zuneigung mußte ſich theilen. Was würde er dazu geſagt haben, wenn ihm Jemand behauptet, daß die Gefühle des Kindes ſchon in dieſenigen der Jungfrau aufgegangen und geradezu auf ihn gerichtet ſeien? Jedenfalls hätte er dieſe Behauptung für thöricht und widerſinnig erklärt und weiterer Beachtung für unwerth ge⸗ halten; ebenſo gut könnte man von ihm ſagen, er hätte ſein Herz verloren, und an ſolche Abſurditäten glaubte er doch keinen Augenblick.
Daß ihm Petronel lieb war, erklärte er laut und offen, das mußte auch Jeder, der ihn mit ihr verkehren ſah, be⸗ merken. Doktor Ford war aber nicht der Mann, der ſeine Gefühle zur Schau trug; wäre er Gatte oder Vater gewor⸗ den, ſo würde er ſeine Gatten⸗ und Vaterliebe einzig für das Heiligthum des häuslichen Lebens bewahrt haben. Die Be⸗ handlung, die Petronel von Seiten ſeiner Schweſter zutheil geworden, war ihm nebenbei auch noch in zu deutlicher Er⸗ innerung, als daß er nicht befürchtete, bei dieſer wieder Eifer⸗ ſucht zu erwecken. Augenblicklich herrſchte Frieden zwiſchen den beiden ſo verſchiedenen Naturen; während der letzten Jahre hatten ſie ſich nur ſelten und immer nur für kurze Zeit geſehen, doch ſelbſt bei dieſen Gelegenheiten hatte er Blicke und Worte von Marcia erhaſcht, die ihn warnend daran erinnerten, daß das Feuer nur unterdrückt und keineswegs gelöſcht ſei. Aus dieſen Gründen erſehnte und befürchtete er zugleich den Moment von Petronel's Rückkehr.
So ungefähr ſtanden die Dinge, alser den Brief von Miß Little erhielt, worin dieſe Anſpielungen auf Petronel's ſchlechtes Befinden machte, und ganz ohne Zaudern und Be⸗ ſinnen gab er den Befehl, ſie unverweilt nach Rockbury zu ſchaffen. Entſchloſſen und feſt, wie er bei Allem im Leben war, dachte er zuerſt nicht weiter daran, wie Marcia die Nachricht ihrer baldigen Rückkehr aufnehmen würde; als er nun aber erleben mußte, daß ſie es mit einem ſehr unliebens⸗ würdigen Erſtaunen that, wurde er den ganzen Abend nach⸗ denklicher denn je.
Er war an dem Tage nicht allein, Bertram war zum Be⸗ ſuch bei ihm. William war einer von den vielen Freunden Ulih's, die ſeine bekannte Freigebigkeit tüchtig ausnutzten. Auch dieſes Mal hatte er, nachdem er einen benachbarten Geiſtlichen mit der Wahrnehmung ſeiner Geſchäfte in Oxley beauftragt, ſich für vierzehn Tage als Gaſt angemeldet. Wie er ſeine Tage hinbrachte, iſt ſchwer zu ſagen, ſein Wirth hatte zu viel zu thun, um ſich darum kümmern zu können; wenn es zu Tiſche ging, war er immer am Platze, er war ſtets guter Laune und voll Anekdoten, Langweile ſchien er nicht zu kennen. Dabei bemerkte Doktor Ford aber doch etwas


