Concordia.
12. Kapitel. Ein Miegel vorgeſchoben.
Nach Verlauf von ungefähr vier Jahren ſah es etwas anders im Römer'ſchen Hauſe aus als früher.
Man konnte nicht gerade ſagen, daß ſich das ehemalige Glück deſſelben in Unglück umgewandelt habe. Aber Ruhe und Frieden waren aus ihm gewichen, und deshalb mangelte auch ſeinen Bewohnern die Zufriedenheit.
Eine dauernde und aufreibende Beſorgniß, in Verbindung mit den daraus entſpringenden ſchlafloſen Nächten, zerrütteten Römer’s Nervenſyſtem bald in ſo hohem Grade, daß ein leidender Zuſtand und die damit verbundene Mißlaune Regel wurden. Er hatte ſich die Durchführung der geſtellten Aufgabe offenbar leichter gedacht, als ſie wirklich war. Schon der fortwährende Anblick Paul's war geeignet, ihn einer fortlaufenden moraliſchen Tortur zu unterwerfen, und nun trat noch das raffinirte, boshafte Benehmen deſſelben hinzu, welches nach und nach das ganze Hausgeſinde theils anſteckte, theils in Ver⸗ folgungszuſtand verſetzte.
Paul war wirklich ein gelehriger und zugleich würdiger Schüler ſeines Meiſters. Ohne Charakter, dumm und feig, fand er ſich ſo gut mit ſeiner gegenwärtigen boshaften Rolle ab, wie früher mit derjenigen eines leidlichen Dieners. Er war nichts als ein ſchwankendes Rohr, welches nach ſeiner Umwandlung durch Erweckung ſchlechter Leidenſchaften von dem verderblichen Hauche Falk's nach einer gewiſſen Richtung hin bewegt wurde. Ohne die fortgeſetzten Anregungen des Letzteren möchten ſich indeſſen jene in ſeiner Bruſt ſelbſt auf⸗ gezehrt haben, ſtatt ſchädlich nach außen zu wirken.
Durch das ſtändig werdende Leiden des Hausherrn wurden auch deſſen Gemahlin und Schweſter in Mitleidenſchaft gezogen und mit Sorgen erfüllt. Ebenſo hatten auch ſie nicht minder als jener durch das fortwährende Gezänke des Geſindes zu leiden, während ihnen Paul jede Dienſtleiſtung unter dem Vorgeben verweigerte, daß er nur zur Bedienung des Herrn da ſei.
Dies war eigentlich eine Dummheit des Burſchen, denn er verlor dadurch ſo manche Gelegenheit, auf das Zuſammen⸗ leben der Familie einzuwirken. Aber es iſt auch zugleich ein Beweis, daß der beſchränkte Thor eigentlich keine Anlage zu fein geſponnener und geleiteter Intrigue hatte, und das war ein großes Glück für alle Glieder der Familie. Entzweiung oder gar Verfeindung derſelben mußte das Unglück im Hauſe auf's Höchſte ſteigern. So nahe dies auch lag, machte Paul doch nie einen Verſuch nach dieſer Richtung hin.
Unberührt und unbeengt von den veränderten Verhält⸗ niſſen im Hauſe blieb nur Klärchen. Sie und Fräulein Hartmann bildeten eine Welt für ſich in demſelben; doch gab dieſe Welt manchmal Zeichen eines ſehr munteren Daſeins von ſich, die häufig genug zur Erheiterung der ſämmtlichen Mitbewohner des Hauſes dienten.—
Dem Menſchen wird bekanntlich Alles zur Gewohnheit, und ſo erging es auch einigermaßen Römer und ſeinen An⸗ gehörigen. Man gewöhnte ſich daher im Allgemeinen an den boshaften Paul wie an den gutwilligen. Daß durch ſeine Mannöver alljährlich ein paar Dienſtboten aus dem Hauſe kamen, ſiel zuletzt nicht weiter auf; ja, daß er nach und nach drei Komptoiriſten ſpringen ließ, ſchien ſogar ganz in Ordnung
zu ſein, weil er ihnen Pflichtwidrigkeiten nachweiſen konnte. Weniger war es in Ordnung, daß ihn die Leute im Hauſe infolge deſſen mehr als ihre Herrſchaft fürchteten oder reſpek⸗ tirten. Er war wirklich auf dem beſten Wege, ſo eine Art von Haustyrann zu werden.—
Frau Römer ging in der erſten Zeit wiederholt ihren Ge⸗ mahl an, den ſo völlig umgewandelten Menſchen fortzuſchicken. Doch der Letztere ſchlug dies ſtets mit dem Bemerken ab, daß ſeine Verpflichtungen gegen Paul dies nicht zuließen, derſelbe ſich auch ſchon wieder beſſern werde, und Jene ſchwieg deshalb ſpäter.
Ob Römer wirklich an eine Beſſerung Paul's glaubte? Vielleicht weniger an eine ſolche, wie an ein Erkennen ſeines wahren Vortheiles, welches ja ſchon ſo häufig Menſchen zur Veränderung ihrer Sinnes⸗ und Handlungsweiſe veranlaßte. Uebrigens glaubte er Paul's Abſichten zu erkennen und hatte daher um ſo weniger Neigung, dem von Jenem verſuchten Zwange nachzugeben, ſo ſehr er ſelbſt auch darunter leiden mußte.
Inzwiſchen war auch Falk zu Römer in Beziehungen ge⸗ treten, und es konnte nicht in der Abſicht des Erſteren liegen, dieſelben ſo ſchnell wieder aufzuheben. Er ließ daher zwar Paul ſein Weſen weitertreiben, wirkte jedoch nur ſoweit auf denſelben ein, um das Heft zur Bewegung dieſer menſchlichen Maſchine in den Händen zu behalten.
Römer fand, wie bemerkt, von vorn herein keinen Ge⸗ fallen an Falk; an intime Freundſchaft zwiſchen Beiden wäre daher auch wohl unter keinen Umſtänden zu denken geweſen. Aber Falk operirte ſtets ſo ſicher wie kühn, und ſo kam es denn, daß ſich Römer mehrfach an ſeinen Unternehmungen betheiligte, bis ihm ſein alter Prokuriſt einen Wink gab, welcher ihm die Vermuthung aufdrängte, daß Falk's Kühnheit nur ſeiner Gewiſſenloſigkeit entſprang.
Das war beachtenswerth. Als Falk demnächſt Römer ein neues Anerbieten machte, ließ ſich dieſer einen Abriß der vorzunehmenden Operationen geben und brachte das Geſpräch auf die verſchiedenen Mittel, welche in Börſenkreiſen ge⸗ bräuchlich ſind, um ein Geſchäft lebhafter zu pouſſiren. Manche derſelben ſind bekanntlich nicht ganz unſchuldig und werden deshalb von ehrenhaften Geſchäftsleuten auch ver⸗ ſchmäht. Doch Falk erklärte alle ſolche Mittel ohne Weiteres für gut und anwendbar. Römer ging deshalb näher auf einen beſtimmten Fall ein, in welchem die angewendeten Operationen noch etwas mehr wie zweideutig, nämlich voll⸗ kommene Verbrechen geweſen, und ſprach ſich dahin aus, daß eine ſolche Wagehalſigkeit vom Standpunkte des ſoliden Ge⸗ ſchäftsmannes aus nicht zu billigen ſei, ohne jedoch merken zu laſſen, wie er über die Moralität der Sache dachte.
Falk ging ſofort lebhaft auf den Gegenſtand ein; er ge⸗ ſtand eine Betheilung an dem ſpeziellen Falle allerdings nicht zu, aber er belobte Diejenigen, welche Gewinn aus demſelben gezogen, in gleicher Weiſe und zeigte ſich auch mit dem ganzen Handel ſo vertraut, daß ſeine nähere Bekanntſchaft mit dem⸗ ſelben nicht in Zweifel zu ziehen war. Er ſchloß mit der Frage, ob Römer bereits Verſuche gemacht habe, in ähnlicher Weiſe zu operiren.
„Nein,“ erwiderte Römer kalt, indem er ſich erhob,„für mich iſt das Wort Rechtſchaffenheit kein leerer Schall, und ebenſo lege ich dem Strafgeſetzbuche eine große Bedeutung bei.“


