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248 Concordia.
„Fällt mir im Traume nicht ein!“ unterbrach ihn Falk, „im Gegentheil, ich werde Deine Mittheilung wie ein werthes Kleinod in mir bewahren, um vielleicht bei gebotener Gelegen⸗ heit in meiner Weiſe Nutzen daraus zu ziehen, ohne Dir zu ſchaden. Aber das ſage ich Dir, wenn Du von jetzt ab nicht noch einige Vortheile aus Deinem Verhältniſſe zu Römer ziehſt, ſo biſt Du ein Narr, dem nicht zu helfen iſt!“
Die Sitzung war zu Ende. Falk hatte ſoviel von Paul herausbekommen, daß er vorläufig daran genug hatte und für heute gar nicht mehr über das Römer'ſche Haus zu erfahren wünſchte. Paul brannte dagegen die Stelle, auf der er ſaß, unter dem Leibe und er ſehnte ſich fort von derſelben. Man nahm alſo Abſchied voneinander und Paul ſchlich heim.
Vom nächſten Tage ab war Graupner ein anderer Menſch. Die ihm in das Herz geſtreute böſe Saat wucherte mit Macht, um als Neid, Habgier, Mißtrauen, Heimtücke, Widerſpenſtig⸗ keit zu ſtarkem Kraute emporzuwachſen. Seine geiſtige Be⸗ gabung war nicht bedeutend. Kein Wunder alſo, daß die ge⸗ weckten böſen Neigungen und Leidenſchaften in ſeiner Bruſt ohne Gegengewicht blieben. Der Widerwille, mit welchem er von jetzt ab ſeine Obliegenheiten erfüllte, fiel ſehr bald auf. Nachläſſigkeiten, die er ſich nunmehr bei jeder Gelegenheit zu Schulden kommen ließ, zogen ihm Rügen zu, und als ſolche einſt etwas ſchärfer wie gewöhnlich für ihn ausfielen, brach der ſchon einige Zeit gegen ſeinen Herrn in ihm gährende
Groll oder Grimm ganz plötzlich hervor.
„Ich habe es ſatt,“ rief er mit einem Wuthblicke auf Römer,„noch den Diener zu ſpielen und mich ewig hänſeln zu laſſen, während ich Herr ſein könnte.“
Römer wunderte ſich nicht wenig über dies ganz neue
Benehmen des Dieners.
„Was fehlt Dir eigentlich, Mann?“ ſagte er indeſſen mit großer Ruhe und Nachſicht,„Du biſt ſeit einiger Zeit der Gegenſatz von früher; bezeichne näher, was Dir nicht genehm iſt, vielleicht läßt es ſich Deinen Wünſchen entſprechend ändern!“
„Ja, es muß ſich ändern!“ rief Paul in demſelben Tone, „ich habe jetzt länger als zehn Jahre auf Lohn für meine Verſchwiegenheit gewartet— meine Geduld iſt zu Ende!“
„Wovon ſprichſt Du eigentlich?“ fragte Römer mit wach⸗ ſendem Staunen.
„Haben Sie denn ſchon vergeſſen,“ erwiderte der Diener mit hämiſchem Ausdruck in dem Tone,„wie Sie den Herrn Weidenholz in eine beſſere Welt geſchafft haben?— Ich nicht!“
„Biſt Du von Sinnen?!“ rief Römer, nicht ganz frei von Schreck,„haſt Du den Verſtand verloren?“
„Das können Sie vielleicht aus meiner Forderung er⸗ kennen!“ antwortete Paul höhniſch;„ich verlange fünfzigtauſend Thaler für mein bisheriges und zukünftiges Schweigen. Ab⸗ handeln laſſe ich davon keinen Pfennig, und zahlen Sie nicht — nun, ſo weiß ich den Weg zur Staatsanwaltſchaft zu finden!“
Römer antwortete nicht. Er bedurfte einiger Zeit, ſich zu ſammeln und die Sachlage, wie ſie ihm jetzt vor die Augen trat, von allen Seiten zu prüfen. Soviel mochte er wohl ſelbſt einſehen, daß die Blüthe, welche jetzt aus Paul's Cha⸗ rakter hervorſchoß, nur durch eine von außen wirkende Trieb⸗ kraft erzeugt ſein konnte. Doch wo dieſelbe zu ſuchen war,
das blieb ihm ein Räthſel. Paul mußte wohl glauben, daß es nicht ſchaden könne, ſeinem Anlaufe noch einen kleinen Nachdruck zu geben.
„Sie mögen wohl gedacht haben,“ nahm er das Wort von Neuem,„ich bin wirklich ſo dumm, wie ich ausſehe? O, nein! ich weiß recht gut, daß Alles ſchon vorher zwiſchen Ihnen und der Frau abgekartet war!“
Dieſe Aeußerung Paul's eröffnete Römer noch eine ganz neue Perſpektive. Von der früheren Verbindung mit ſeiner Gemahlin wußten nur wenig Perſonen; deren ganzen Umfang kannte überhaupt nur ſeine Schweſter, und daß dieſe dem Die⸗ ner Mittheilung darüber gemacht haben ſollte, war nicht gut anzunehmen. Paul's Kenntniß jenes Verhältniſſes konnte da⸗ her nur von Weidenholz oder vom Behorchen ſeiner intimen Geſpräche ſeiner jetzigen Herrſchaft herrühren. Doch war das vorläuſig Nebenſache; es kam zunächſt für Römer darauf an, einen Entſchluß zu faſſen, und er that dies.
„Freund Paul,“ begann er hiernach,„es war von jeher meine Abſicht, die mir von Dir geleiſteten Dienſte gut zu lohnen, und wenn ich darüber bisher ſchwieg, ſo geſchah es, weil ich Dich bei mir gut verſorgt und gut aufgehoben glaubte. Auf eine Mahnung dieſer Art konnte ich um ſo weniger gefaßt ſein, als Du nie Neigung gezeigt, eine Aender⸗ ung Deiner Lage eintreten zu laſſen. Hätteſt Du dieſelbe in gebührlicher Weiſe an mich gerichtet, ſo würdeſt Du jetzt be⸗ reits von der Wahrheit meiner erſten Angabe überzeugt ſein. Doch die von Dir beliebte Form der Anforderung ändert Alles mit einem Schlage und zwingt mich zur Vorſicht Dir gegenüber.“
Römer hielt einen Moment inne und Paul machte Miene, zu ſprechen.
„Schweig' nur,“ gebot jedoch Römer,„wir kommen zum Ziele, ohne daß Du noch unnütze Worte machſt. Es war mir jenerzeit ſehr lieb, daß mein Rencontre mit Weidenholz nicht in die Oeffentlichkeit kam; das iſt richtig. Es liegt mir auch jetzt daran, daß der unliebſame Handel nicht aufgerührt wird; das muß ich zugeſtehen. Aber Du irrſt Dich, wenn Du glaubſt, Deine Drohung mit dem Richter könnte mich ſchrecken. Es iſt lediglich das Gerücht, welches ich zu ſcheuen habe, und ſollte es auftauchen, ſo würde ich der Erſte ſein, welcher auf Unterſuchung beſtände, um nach meiner unzweifelhaften Frei⸗ ſprechung die Verbreiter des Gerüchtes zu belangen. Aber auch angenommen, Deine Anſicht vom Vorliegen eines Ver⸗ brechens verſchaffte ſich Geltung, mein Freund, ſo würde ſie zugleich Dich als Mitſchuldigen, wenn nicht gar als Haupt⸗ thäter bezeichnen, und darauf wirſt Du hoffentlich nicht los⸗ ſteuern wollen. Laſſen wir alſo die Drohung außer Betracht, um uns lediglich an das zu halten, was Du wirklich im Auge haſt, und dies iſt der Geldgewinn. Du willſt Deine bisherige Verſchwiegenheit bezahlt haben— das iſt nicht mehr als billig. Aber ſie iſt auch ſchon bezahlt, mein Beſter, und zwar durch die Sinekure, welche ich Dir ſeit zehn Jahren in meinem Hauſe gewährt habe; denn ich bedarf keines Dieners, wie Du einer biſt. Du willſt mir Deine fernere Verſchwiegenheit ver⸗ kaufen, indem Du Dich zugleich von mir losmachſt. Auf dies Geſchäft einzugehen, werde ich mich hüten und zwar umſo⸗ mehr, als ich annehmen muß, daß Du das Schweigen ſchon gebrochen und von Deinem Vertrauten zu dem thörichten
Schritte veranlaßt worden biſt. Ich würde nicht allein Dich,


