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246 Concordia.
Er wünſchte auszufinden, ob ſie unter einem Gefühle ſchlechter Behandlung leide, ob ſie ſich als Gefangene fühle und als eine Fremde im Hauſe ihres Vaters.
„Nein,“ ſagte ſie entſchloſſen.„Ich muß hier bleiben. Er wird kommen und mich holen.“
„Aber Sie ſprechen zuweilen, als ob Sie wüßten, daß er todt ſei. Iſt es nicht thöricht und vergebens, zu hoffen, was nicht geſchehen kann?“
„Er iſt nicht todt. Ich denke, die Leute haben mir das nur geſagt, um mir mein Herz zu brechen. Habe ich Ihnen nicht geſagt, daß ich ihn ſehr oft ſehe?“
„Warum ſind Sie dann ſo unglücklich?“
„Weil er nicht bei mir bleiben will— weil er nicht kommt, um mich abzuholen, wie er verſprochen, es zu thun in wenig mehr als einem Jahre— weil er kommt und geht wie ein Geiſt. Vielleicht hat man recht und er iſt wirklich todt.“
„Wäre es nicht beſſer, wenn Sie ſich ein Herz faßten und aufhören würden, auf ihn zu warten und in der Nacht im Hauſe umherzuwandern?“
„Wer ſagte Ihnen das?“ fragte ſie raſch.
„Es hat nichts zu bedeuten, wer es mir geſagt. Sie ſehen, ich weiß, wie thöricht Sie ſind. Wäre es nicht weiſer, wenn Sie es verſuchten, zu den gewöhnlichen Geſchäften des Lebens zurückzukehren, dieſes loſe Haar nett aufzubinden, wie eine Lady, und es zu verſuchen, Ihren Vater und Ihre Mutter zu tröſten?“
Bei den letzten Worten brach ein zorniger Schrei von den bleichen Lippen Muriel's.
„Mutter!“ wiederholte ſie,„ich habe keine Mutter. Dieſe Frau dort,“ fuhr ſie fort, nach dem Hauſe zeigend,„iſt mein ſchlimmſter Feind! Mutter! Meine Mutter!“ rief ſie auf⸗ lachend.„Fragen Sie doch, was ſie mit meinem Kinde ge⸗ than hat!“
Dieſe Frage ſchien Maurice Cliſſold wie eine Offenbarung. Hier gab es eine traurigere Geſchichte, als er ſie geträumt hatte, eine Geſchichte, welche Martin mit keinem Worte an⸗ gedeutet, eine Geſchichte von Schande ſowohl als von Sorge. Er ſchwieg, beunruhigt und verwirrt bei dieſer neuen Wendung der Dinge. Sein Amt als Tröſter, ſein Verſuch, ein wirres Gehirn zu beſänftigen, war ſofort zu Ende.
Die Frauengeſtalt wendete ſich ungeduldig von ihm ab und murmelte etwas vor ſich hin, als ſie fortging. Er folgte ihr auf dem ſchmalen Fußpfade durch den Garten und be⸗ obachtete ſie, bis ſie durch eine niedrige Glasthür an der Rückſeite des Hauſes in dieſes eintrat. Er ging dann an dieſer Thür vorüber und warf durch die Glasſcheiben einen Blick in ein großes, niedriges Zimmer, wo im Kamin ein Feuer brannte— ein Zimmer, das er für jenes der Groß⸗ mutter hielt.
Eine altmodiſche Bettſtelle mit Vorhängen von rothem und weißem Zitz nahm eine Seite des Zimmers ein; nächſt dem Kamin ſtand ein gewichtiger Lehnſtuhl; ein großer hölzerner Kaſten war zugleich ein Sitz und ein Behältniß für allerhand Gegenſtände des Haushaltes; ein alter Schrank in einer Ecke war mit Töpferwaare angefüllt und ein kleiner runder Tiſch vervollſtändigte die Grichtu
Hier ſaß Muriel auf dem Fußboden vor dem Kamin, ihr wirres Haar fiel über ihr Geſicht, ihre Hände hatte ſie über
die Kniee zuſammengeſchlagen und ihre Augen ſtarrten düſter auf das brennende Holz.
Jetzt rief die Glocke in der Vorhalle auf der anderen Seite des Hauſes zum Nachtmahle, während Maurice die melancholiſche Geſtalt am Herde beobachtete.
„Sie hat mir allen Appetit für das Abendbrot genommen,“ ſagte er zu ſich ſelbſt,„und hat mir Borcel⸗End nahezu ver⸗ leidet.“
Die letzten Worte der Muriel Trevanard:„Fragen Sie ſie, was ſie mit meinem Kinde gethan hat!“ beunruhigten ihn.
Dunkle Geſchichten von Familienſtolz und einem verborgenen Verbrechen traten vor Cliſſold's Phantaſie. Sie nahmen ihm die Freude an dieſer ländlichen Heimſtätte und ſchienen ihm hier die Atmoſphäre zu vergiften.
— 23. Kapitel. „Gewiß, du biſt das bitterſte von allen ſüßen Dingen.“
Maurice Cliſſold forſchte ſcharf in dem Geſichte von Bri⸗ gitta Trevanard, als ſie beim Abendmahle ſaßen. Muriel's entſetzensvoller Blick bei der Erwähnung des Namens ihrer Mutter hatte ſehr unangenehme Zweifel über den Charakter ſeiner Wirthin in ihm erweckt. Er erinnerte ſich, wie Elsbeth ihm erzählt, daß Mrs. Trevanard als eine harte Frau be⸗ kannt ſei; und er ſagte ſich ſelbſt, daß Grauſamkeit oder auch Verbrechen ſehr wohl ſich in der Natur vereinen könnten, die dem Weibe des Farmers den Ruf einer ſtrengen und genauen Herrin gegeben. Seine genauere Durchforſchung ihres An⸗ geſichtes gab ihm aber keine Anzeichen, daß ſich Böſes dahin⸗ ter verberge. Dieſe viereckige, faltenloſe Stirn, dieſe dunkel⸗ braunen Augen mit ihrem geraden, ſcharfen Ausblick zeigten mindeſtens eine ehrliche Natur. Die feſten Lippen, die ſtarken Backenknochen gaben der Miene den Ausdruck von Strenge — das war eine reſolute Frau— eine Frau, die nicht leicht von einem Vorſatze abgebracht werden konnte, dachte Mau⸗ rice, aber eine Frau, die er kaum eines Verbrechens fähig halten konnte.
Und warum ſollte er den Aeußerungen einer Wahnwitzigen Glauben ſchenken? Es iſt die Natur des 2 Jahnſinnes, die Vernünftigen anzuklagen. Maurice verſuchte es, ſich den Ge⸗ danken an Muriebs Worte aus dem Sinne zu ſchlagen; doch die ſchauerliche Frage:„Was hat ſie mit meinem Kinde gethan?“ verfolgte ihn fortwährend.
Er fühlte weniger Neigung, ſeinen Aufenthalt in Borcel⸗ End zu verlängern. Die friedliche Ruhe des Platzes ſchien jetzt von dieſem gewichen. Muriel's fiebernder Geiſt nahm Einfluß auf die Atmoſphäre. Er konnte nicht vergeſſen, daß ſie nahe war— wachend, unglücklich— auf ihren Geliebten wartend, der niemals zu ihr zurückkehren ſollte.
Er gebrauchte die Vorſicht, ſeine Thür dieſe Nacht zu ver⸗ ſchließen, und ſein Schlummer blieb ungeſtört. Den nächſten Morgen machte er wieder einen langen Ausflug mit Martin. Sie gingen nach einem fernen Hügel, wo ſich einige Ueber⸗ bleibſel aus der Druidenzeit befanden, die der Beachtung werth waren, kamen noch rechtzeitig zu einem reichlichen, früh⸗ zeitigen Diner nach der Farm zurück, ſahen die Henmäher in der Küche eſſen, dann begaben ſie ſich auf eine Wieſe, wo nahe der See das gemähte Gras an der Sonne getrocknet ward. Dort verträumten ſie einen Theil des Sommernach⸗
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mittags.


