Jahrgang 
1 (1879)
Seite
244
Einzelbild herunterladen

Concordia.

ſinnig ſei. Sie wird nur als ein wenig geiſtesſchwach be⸗ trachtet.

Iſt ſie das von Kindheit auf geweſen? fragte Maurice.

O nein. Sie beſuchte die Schule zu Helſtone und war ein ſehr gebildetes junges Mädchen, wie ich glaube ſpielte Piano und malte Blumen, und wurde wie eine junge Lady erzogen; ſie legte niemals Hand an bei unſerer Tagesarbeit oder that ſonſt etwas von der Art. Sie war ein ſehr ſchönes Mädchen in jenen Tagen, und Vater und Mutter waren gar ſehr ſtolz auf ſie. Ich kann mich ihrer noch ſehr gut erinnern, als ſie die Schule verließ. Ich war immer um ſie, und pflegte zu denken, daß ſie gerade ſo hübſch ſei, wie eine ſchöne Prinzeſſin in einem Feenmärchen. Sie war auch ſehr gut gegen mich, erzählte mir Märchen und ſang mir in der Dämmerung. Oft ſchlief ich ein in ihrem Schoße, eingelullt durch ihre ſüße Stimme, als ich noch ein Junge von acht oder neun Jahren war. Wir waren nur zwei Kinder, und ſie war mir ſehr zugethan. Die arme Muriel!

Was brachte aber eine ſolche Veränderung in ihr hervor?

Nun, das iſt eine Geſchichte, der ich ſelbſt niemals ganz auf den Grund gekommen bin. Es iſt auch für den Vater etwas ſehr Unangenehmes, der doch ſonſt die meiſten Dinge leicht genug nimmt. Und der Mutter braucht man nur Mu⸗ rel's Namen zu nennen, ſo bricht das Donnerwetter los. Sie iſt aber niemals ungütig gegen die arme Seele. Ich weiß das.

Lebt Ihre Schweſter unter Euch, wenn Ihr allein ſeid?

Nein, ſie hat ein kleines Zimmer über dem der Groß⸗ mutter, zu welchem eine kleine altmodiſche Treppe hinaufführt, ein Zimmer, das von allen anderen Theilen des Hauſes ganz abgeſchnitten iſt. Man kann es nicht anders erreichen, als wenn man durch das Schlafzimmer der Großmutter geht, welches ſich zu ebener Erde beſindet, wie Sie begreifen wer⸗ den, bei dem Alter der Großmutter. Nun gehört es zu den Phantaſien der armen Muriel, in der Mitte der Nacht im Hauſe umherzuwandern, beſonders in mondhellen Nächten, denn das Mondlicht macht ſie beſonders wachſam. Deshalb ſchließt die Großmutter ihre Thür des Nachts regelmäßig. Ich denke aber, daß ſie es letzte Nacht infolge der Aufregung, veranlaßt durch Ihre Ankunft, vergaß, und das iſt wohl die Urſache, weshalb Sie beunruhigt wurden.

Sie haben mir aber nicht geſagt, was Sie über die Urſache des Zuſtandes Ihrer Schweſter wiſſen.

That ich es noch nicht? Alles, was ich weiß, iſt, was mein Vater mir einmal ſagte. Es ſcheint, daß ſie unglücklich liebte Jemand, deſſen Stellung im Leben über der ihrigen war und ſie hat das nicht überwunden. Das kommt da⸗ von, wenn man ſeiner erſten Liebe treu bleibt!

Sie ſagen, daß ſie ganz allein in einem Zimmer lebt. Genießt ſie niemals friſche Luft und freie Bewegung?

Denken Sie, daß wir Barbaren ſeien? Ja, ſie wandert in dem alten vernachläſſigten Garten an der Rückſeite des Hauſes umher, ſo viel es ihr gefällt, aber ſie geht nicht wei⸗ ter. Sie hat die Idee, daß dies das ihr zugängliche Gebiet iſt, und ich hörte nie, daß ſie die Grenzen zu überſchreiten ſuchte. Um Sonnenuntergang holt die Mutter ſie in's Haus zurück und giebt ihr ihr Abendmahl, ſieht zu, daß ſie des

Nachts alles Nöthige hat, und ſorgt dafür, daß ihre Kleider ſtets anſtändig ſind, denn die Aermſte zerreißt dieſe zuweilen, wenn die Anfälle ihrer Melancholie beſonders heftig werden.

22. Kapitel. And ich werde allein ſein, bis ich⸗ſterbe.

Das Bild der weißgekleideten Geſtalt mit dem bleichen Geſichte und dem ſchwarzen Haar verfolgte Maurice Cliſſold während des ganzen Tages; trotzdem war dieſer Tag ſehr an⸗ genehm, und Martin Trevanard erwies ſich als der heiterſte Gefährte. Sie hielten in verſchiedenen Dörfern und beſichtigten alte Pfarrkirchen, wo verſtümmelte und geſchwärzte Wappen⸗ ſchilde von alten Aebten und Grundherren erzählten, die im Uebrigen längſt zu den Vergeſſenen gehörten. Cliſſold war erfahren in der kirchlichen Architektur, und kein Detail ent⸗ ging ſeinem ſcharfen Blicke. Martin machte es Vergnügen, die intereſſanten Anſichten ſeiner Heimat zu zeigen, und er lauſchte dabei ehrerbietig auf die vielen gelehrten Angaben, die Cliſſold über die verſchiedenſten Gegenſtände zu machen wußte.

Sie hielten an einer Schänke am Wege, wo ſie Brot, Käſe und Cider als zweites Frühſtück herzhaft zu ſich nahmen, und waren dabei ſo kameradſchaftlich, als es junge Männer nur ſein können. Martin hatte, ſeit er die Schule zu Helſtone verlaſſen, nur etmwa ein Dutzend Bücher geleſen, aber dieſe waren von dem beſten Charakter und er wußte ſie größten⸗ theils auswendig. Shakeſpeare, Pope und Byron waren ſeine Poeten, Fielding, Goldſmith und Scott ſeine einzigen Roman⸗ ſchriftſteller.

Von Shakeſpeare und Scott hatte er Geſchichte gelernt, von Fielding und Goldſmith hatte ſein Witz und Humor jenen feinen Duft gewonnen, der dieſen Geiſtern eigen iſt. So fand Cliſſold, nicht ohne einige Ueberraſchung, daß der Sohn des Pächters keine unwürdige Geſellſchaft für einen Mann war, welcher ſich ganz der Literatur gewidmet hatte.

Auf ihrem Heimwege hielten ſie an der Kirche von Pen⸗ wyn, die in der Mitte zwiſchen dem Dorfe und dem Herren⸗ hauſe auf einer grünen Anhöhe ſtand und ausſah, als ob ſie vom Himmel gefallen wäre, ſo vollſtändig war ſie Jedermann aus dem Wege. Die Tradition erzählte, daß ſich im Mittel⸗ alter ein Dorf nahe bei der Kirche befand, aber es war keine Spur von der entſchwundenen Anſiedelung geblieben. Hier lag die Kirche mit ihrem viereckigen Thurme und der alte Friedhof, wo die Mittagsſonne die Gräber beſchien.

Da ſah Maurice die Ruheſtätte der Penwyn's, faſt ſo alt wie die Kirche ſelbſt, ein Grabgewölbe, ſo groß, daß es ſchien, als ſei es für ein Jahrtauſend berechnet. Aber ſehr modrig, kalt und finſter war dieſe letzte Wohnung der Squires und ihres Stammes. Hier ſah er die alten Kirchenregiſter, welche eine kurze Zuſammenfaſſung der Geſchichte der Penwyn's ſeit dem Mittelalter enthielten, mie ſie getauft worden, heirateten und begraben wurden.

James hätte hierher gebracht werden ſollen, ſagte Mau⸗ rice, als ſie auf dem Friedhofe waren, wo das tiefe reiche

Gras voll Feldblumen war und die Luft voll ſüßer Düfte,

nicht in die alte moderige Crypta, voll des Staubes ſeiner Vorfahren, ſondern unter dieſes duftige Gras, Angeſicht in Angeſicht mit der See und der Sonne, und wo die Lerchen