Jahrgang 
1 (1879)
Seite
238
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238 Concordia.

war ganz ſtill da drinnen. Kaum hatte ſie ſich aber einige Schritte entfernt, um Erich aufzuſuchen, als die Thür ge⸗ öffnet wurde. Robert trat heraus; ſie hörte es an ſeinem Schritt, den ſie ſo wohl kannte. Jetzt war er ihr ganz nahe, ſie wähnte ſchon, ſeine Arme zu fühlen, die ſich um ihre Schultern ſchlangen. Wie ſtolz wollte ſie ſich dieſen Armen entziehen; Adele ſollte eine würdige Schülerin an ihr ge⸗ funden haben!

Aber nichts von dem allen erfolgte. Robert ſchritt mit einem freundlich kaltenGuten Morgen, liebe Meta! an ihr vorüber und entſchwand um die Ecke des Korridors ihren Augen.

Weinend floh ſie zurück in ihr Zimmer. Dort drückte ſie ihr Antlitz tief in die Kiſſen des Bettes. Das hatte ſie doch nicht verdient. Nicht eines zärtlichen Wortes, nicht eines Blickes würdigte er ſie mehr! Was hatte ſie ihm gethan? Sie hatte ein einziges Mal ſeinem Willen widerſtrebt und ein anderes Mal eine Pflicht der Höfklichkeit erfüllt, als ſie Adele in ihr Zimmer folgte. Und darum konnte er ſo zornig, nein nicht zornig, darum konnte er ſo kalt gegen ſie ſein? O, Adele hatte recht, er liebte ſie nicht ſo, wie ſie geglaubt hatte, nicht ſo, wie ſie ihn liebte; in der Ehe würde er ſie zu ſeiner Sklavin herabgewürdigt und vielleicht einer anderen Neigung gefröhnt haben.

Aber er ſollte ſehen, daß ſie zur Sklavin nicht geſchaffen war, daß ſie Willen hatte und Charakter, und das mußte ihn zu ihr zurückführen. Sie war entſchloſſen, den Kampf auf⸗ zunehmen mit ſeinem ſtarren Kopfe und ſeiner Herrſchbegierde. Jeden Tag ſollte er ſie bei ihrer Mutter finden, und dann konnte ſie ſich rächen für ſeine Liebloſigkeit, ſie konnte ihm das kalteGuten Morgen, liebe Meta! mit einem noch eiſigeren Gruße erwidern und ſich in die Feſtung jungfräu⸗ licher Sprödigkeit zurückziehen. Hatte er ſie lieb, wirklich lieb, ſo mußte er verſuchen, dieſe Feſtung, die ſich einſt allzu willig vor ihm aufgethan, im Sturme wieder zu erobern.

Meta wühlte ſich immer mehr in ſolche Gedanken und Vorſätze. Sie ſchleppte verſchiedene Bücher aus Adelens Zimmer herbei, um daraus Regeln für ihr künftiges Benehmen zu ſchöpfen. Sie ging, Kopfſchmerz vorſchützend, nicht einmal zum Mittagstiſche hinab. Frau Felden, welche kam, um nach ihrer Tochter zu ſehen, fand ſie verbittert und verſchloſſen und mußte ſich mit Trauer im Herzen und einer wohl⸗ gemeinten, aber vergeblichen Warnung wieder entfernen.

Am Abend kam Erich, um ſeine Klavierlektionen zu nehmen. Meta war freundlich wie ſonſt gegen ihn, bis er durch ſeine dringenden Fragen nach dem Grunde ihrer düſteren Stimmung ihre Ungeduld erregte. Finſter hieß ſie ihn an das Piano gehen. Doch er ließ ſich heute nicht ſo, leicht einſchüchtern. Mit großer Zärtlichkeit ſprach er zu ihr, vertheidigte ſeinen Freund Robert und warnte ſie vor der ſchwarzäugigen Hexe Adele.

Meta hörte ihm ſchweigend zu, erfaßte endlich ſeine Hand und führte ihn zum Klavier. Sie erſchien bei Erich's Spiel ſo zerſtreut, daß es oft ſchmerzlich um ſeine vollen Lippen zuckte. Das war nicht mehr ſeine Schweſter von ehedem, und immer mehr fühlte er ſeine Freude an ihrem Unterrichte ſchwinden, der ſonſt ſeine liebſte Erholung geweſen.

Da hüpfte Adele trillernd und mit geröthetem Geſichte zur Thür herein.

Die harmloſe, durch den Naturgenuß und eine heitere Geſellſchaft in ihr erregte Fröhlichkeit und die Roſenwangen ſtanden dem Mädchen unbeſchreiblich ſchön. Und auch ihre Augen ſtrahlten in einem ſanfteren Glanze als ſonſt.

Erich unterbrach ſein Spiel; er blickte ſeine Couſine voll Be⸗ wunderung an. Das angenehme Lächeln erſchien um ſeinen Mund und wie ſelbſtvergeſſen ſtreckte er Adelen die Hand zum Gruße entgegen. Sie ſchien es nicht zu ſehen. Meta hatte ſich an ihren Hals gehängt und ihr Antlitz mit heißen Küſſen bedeckt.

Adele machte ſich endlich los.

Ich bin herzlich müde, ſagte ſie,ich will gehen und mich auskleiden.

Lege doch Hut und Tuch hier ab, bat Meta.Bleibe bei uns, Erich hat nur mehr wenige Piécen zu ſpielen.

Die Heiterkeit in Adelens Mienen verſchwand. Ihre Augen blickten wieder ſcharf und ſtechend.

Glaubſt Du, ich finde Gefallen daran, muſikaliſchen Stümpereien zuzuhören! ſtieß ſie unwillkürlich hervor und im nächſten Augenblick war ſie verſchwunden.

Durch dieſe harte Aeußerung ganz erſchreckt, blickte Meta auf ihren Bruder. Er erhob ſich haſtig und mit erblaßtem Geſichte.

Verfüge über Deine Abendſtunden, Meta, ſtammelte er. Ich habe in der nächſten Zeit ſo viel zu thun, daß ich meine Klavierlektionen unterbrechen muß.

Noch einen ſchnellen Kuß fühlte Meta auf ihrer Stirn, dann ſah ſie ſich allein.

Erich aber eilte in ſein Zimmer hinab; ein Paar große Thränen, die er, halb beſchämt, halb zornig, ſogleich wieder verwiſchte, ſtürzten aus ſeinen Augen. So tief, ſo ſchmerzlich hatte ihn noch Niemand verletzt; niemals war er in ſeinen anſpruchsloſen Neigungen ſo bitter gekränkt worden. Und er konnte ſie, trotz alledem, nicht einmal haſſen, dieſe boshafte, hochmüthige, ſpottſüchtige Adele! Daran hinderten ihn ihre Augen, die manchmal, wenn ſie ſich unbeachtet glaubte, ſo harmlos und kindlich weich blicken konnten! Er ſchalt ſich einen Schwächling, alles männlichen Ehrgefühls Beraubten. Er wollte ihr nie wieder in den Weg treten, er wollte ihre Nähe meiden wie die Nähe einer wüthenden Katze, deren Biß vergiftet. Aber haſſen? Nein, haſſen konnte er ſie nicht.

6. Kapitel.

Frau Felden ſah es mit ſtiller Befriedigung, daß Meta am nächſten Morgen ſehr zeitig zu ihr herabkam. Der erſte Blick in das überwachte, bleiche Antlitz der Tochter unter⸗ drückte aber ſogleich wieder ihre Freude. Da war nichts drinnen von Sanftmuth oder Nachgiebigkeit, und die ſonſt ſo lachenden blauen Augen hatten einen hochmüthigen und ge⸗ reizten Ausdruck. Indeſſen hoffte Frau Felden viel von einer Begegnung Meta's mit deren Verlobten und ließ ſie in ihrer ſchweigſamen Verſchloſſenheit und Unliebenswürdigkeit gewähren.

Robert kam etwas ſpäter als gewöhnlich. Auch er war bleich und ſeine rothumrandeten Augen ſchienen um den verſagten Schlummer zu bitten. Als er Meta gewahrte, leuchtete es auf in ſeinen Mienen und eine helle Gluth huſchte darübe

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