Es klopfte an die Thür. „Wer iſt da?“ fragte Dominique.
„Baron Osmond.“
Cartouche zog den Riegel zurück.
„Tritt ein, Orgowani!“
Fröhlich trat der Bräutigam in das Zimmer; aber bleicher Schreck färbte ſein Antlitz, als ſein Auge auf die Leichen fiel.
„Was haſt Du gethan?“ ſprach kaum hörbar ſeine Zunge.
„Dein Anſehen vertheidigt und uns vor Verräthern be⸗ wahrt,“ entgegnete Cartouche.
„Und uns bloßgeſtellt und unſer Unternehmen ſo nahe dem Port ſcheitern laſſen. Cartouche, Cartouche! warum haſt Du nicht Deinen Dolch zurückgehalten?!“
„Ich habe Euch ſchon einmal geſagt, daß wir ohne dieſes Eiſen verloren waren,“ verſetzte Dominique mit einer ent⸗ ſetzlichen Ruhe.„Es iſt geſchehen, was da mußte.“
Der Meiſter ſtarrte den Schüler an, der ihm vorbei⸗ gelaufen.
„Seltſam,“ murmelte er,„dieſer junge Menſch tödtet zum erſten Male und iſt nicht zerknickt, nicht gebrochen. So etwas habe ich noch nicht erlebt.— Dominique,“ ſetzte er ſodann lauter hinzu,„ich ſtaune Dich an, wie Du ſo daſtehſt, ohne Klage, Deiner bewußt— gleich einem Turenne, einem Luxem⸗ bourg, einem Condé.“
„Laßt das Deklamiren. Wozu Lobſprüche, wo ſie nicht
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hingehörig? Iſt es denn wunderbar, daß ich nicht den Kopf verliere, oder mich hinſetze, um wie ein Weib zu weinen? Ich bin ein Mann.“
„Jawohl, trotz Deiner fünfzehn Jahre ein Mann, dem ich gern das Feld räume.“
Cartouche lächelte; dann erwiderte er völlig ernſt:
„Da ſtehen wir und plaudern und verabſäumen das Nöthigſte.“
„Was ſollen wir thun?“
„Schafft die Leichen zuvor bei Seite, daß ſie nicht ſogleich in die Augen fallen— jener Wandſchrank iſt tief genug, um ſie aufzunehmen— bringt auch das Zimmer in Ordnung, während ich die Anordnungen treffen werde, die dutch den Tod der beiden Dummköpfe nothwendig geworden ſind— in einer Stunde bin ich wieder zurück.“
Bei dieſen Worten trat er vor den Spiegel und ordnete ſeine derangirte Toilette, ſodann verließ er, mit der Hand grüßend, den Gefährten, der ihm bewundernd nachſtarrte.
„Dieſer Cartouche wird Alles hinter ſich laſſen, was bis⸗ her angeſtaunt war,“ ſagte er im Selbſtgeſpräche.„Da iſt ein eiſerner Wille, vor dem einſt Frankreich erbeben wird. Fünfzehn Jahre und ſchaut in den Spiegel, nachdem er zwei Menſchen ermordet hat, ob er an ſeinen Kleidern auch keinen Blutflecken wahrnimmt.“
(Fortſetzung folgt.)
Wirkilichkeit
Novelle von
und Dichtung.
K. Labacher.
(Fortſetzung.)
5. Kapitel.
Eine kleine Mädchenkarawane war im Felden'ſchen Hauſe verſammelt. Adele hatte am Abende vorher mit ihrer Tante eine Theegeſellſchaft beſucht und ſich dabei raſch einige Bewunderinnen ihres phantaſtiſchen Weſens erworben. Die Mädchen hatten dann untereinander eine Landpartie ver⸗ abredet.
Meta ſchloß ſich der Geſellſchaft nicht an. Ein tiefes, angſtvolles Wehe, das ſie unaufhörlich quälte, hätte ſie ja doch draußen keine Ruhe finden laſſen, und die Fröhlichkeit der Anderen wäre wie ein ſchneidender Mißton in ihre Seele gekommen.
Sie half Adelens Anzug ordnen, empfing mechaniſch deren Abſchiedsküſſe, und ſah aufathmend die kleine Schaar endlich davoneilen.
Sie trat an's Fenſter. Da unten ging Adele, den Uebrigen voran, wandte ſich nun und ſendete einen letzten Gruß herauf. Meta wollte ihn erwidern, ließ aber, plötzlich erbleichend, die Hand wieder ſinken. Um die Ecke her kam ihr Verlobter. Er zog ſeinen Hut vor den jungen Damen. Adele ſprach ihn an, er erwiderte ihre Worte freundlich, ſehr freundlich, wie Meta zu bemerken glaubte. Sie mochte nichts mehr ſehen, nicht noch mehr Gift in ihr leidendes Herz gießen. Raſch zog ſie ſich vom Fenſter zurück.
Um ſich gewaltſam zu zerſtreuen, begann ſie Adelens umherliegende Kleidungsſtücke und Bücher aufzuräumen. Aber ſie konnte ihre Gedanken nicht feſthalten bei dieſer Be⸗
ſchäftigung und vermehrte faſt die Unordnung, indem ſie den Sachen meiſt die verkehrteſten Plätze anwies.
Robert war jetzt wohl unten bei der Mutter oder bei Erich. Würde er ſie holen laſſen? O, heute wollte ſie gewiß hinabgehen. Sie hatte ihn geſtern genug gekränkt und verletzt. Heute war Adele nicht zu Hauſe; ſie durfte ſich die Freude ſchon gönnen, den Geliebten zu ſehen und ſeine Stimme zu hören. Etwas kalt und ſtolz konnte ſie ihm immerhin noch begegnen.
Mit ſteigender Spannung lauſchte ſie auf jedes Geräuſch. Sie ſank endlich auf einen Stuhl und wartete, bis das Stubenmädchen die Treppe heraufſteigen und ſie zu Robert bitten würde.
Aber die Minuten verrannen, es wurde eine halbe Stunde daraus, und Niemand kam. Nun mußte Robert bald wieder fortgehen, und ſie hatte nicht mit ihm geſprochen, hatte ſich den günſtigen Augenblick, da Adele nicht über ſie wachte, entgehen laſſen.
In einem plötzlichen Entſchluſſe erhob ſie ſich. Sie konnte ja hinabgehen, konnte ganz zufällig die Mutter oder den Bruder um etwas zu fragen haben. Und gewiß, Robert ſollte dabei ein recht finſteres Geſicht zu ſehen bekommen, denn es war durchaus nicht liebevoll von ihm, nur ſo leichthin auf ihren Anblick zu verzichten.
Sie eilte die Treppe hinab und blieb vor der Thüre, die zu dem Zimmer der Mutter führte, athemlos ſtehen. Ihr
Herz klopfte ebenſo von freudiger Hoffnung, als von ängſtlichen
Gefühlen. Sie lauſchte. Nein, Robert war nicht hier, es
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