236 Concordia.
war. Kurz, dieſe Jungfrau würde ſich als Braut eines Pferde⸗ knechtes nicht übel ausgenommen haben.
Helene würde ſchon lange, wäre ſie nur nach ihrer Mein⸗ ung gefragt worden, Herz und Hand an dieſem oder jenem Kavalier verloren haben, wenn nicht der Herr Papa ein ſo großer Eiſenkopf geweſen wäre; der hatte nämlich nicht ge⸗ duldet, daß die Tochter über ſich allein entſcheide.
Der alte Graf ſtammte freilich auch nicht aus der neueren Schule des franzöſiſchen Adels, der ſich an den Hof des Königs drängte, nicht zu jenen Gecken, die der Mode nachliefen und die ſtrenge Etiquette befolgten, um als Leute von Welt zu gelten; aber er beſaß doch jedenfalls größere Kenntniſſe, beſſeren Verſtand als ſeine Tochter. So hatte er bald be⸗ merkt, daß man mehr ſeinem Gelde, als ſeinem Kinde den Hof machte, und beſchloß, keinem jener Freier die reiche Erbin zu verheiraten, ſie lieber dem Erſten— Beſten an den Hals zu werfen, der ihm gefiele.
Ende des Jahres 1708 glaubte er aber Den gefunden zu haben, der ſeine Tochter beglücken könnte, und zwar nicht in der Perſon eines Nachbarn, ſondern in dem Baron von Os⸗ mond, der zufällig, ſeine Gaſtfreundſchaft anſprechend, in dem Schloſſe erſchienen war. Zwar war Osmond augenſcheinlich wohl an fünfundzwanzig Jahren älter, als das Fräulein; der rieſige Körperbau, die gründliche Kenntniß der Jagd und Pferdezucht, das offene Weſen des Barons nahmen aber Maſſard ſo für ihn ein, daß er alles Andere ſonſt vergaß. Auch Helene liebte den vom Vater erwählten Bräutigam, da er ſich eines Tages durchaus nicht geweigert hatte, eigenhän⸗ dig und in ihrer Gegenwart eine von ihr verordnete Exekution an einer widerſpenſtigen Magd mit einer zolldicken Reitpeitſche pünktlich auszuführen.
Vor einigen Wochen war der Baron eingetroffen, von deſſen Glücksgütern man ſich viel erzählte. In ſeiner Be⸗ gleitung befand ſich Hektor d'Aubrai, ſein Neffe, ein junger Mann von anſcheinend noch nicht zwanzig Jahren, aber ſel⸗ tener Sicherheit im Auftreten und ein Ausbund der feinen Manieren, wie die Landedelleute meinten. Gewandt, mit Worten zu ſtreiten, wie den Degen zu führen, ein unfehlbarer Piſtolenſchütz, war der Jüngling nicht nur der Liebling ſeines Oheims, ſondern auch der normänniſchen Edlen, die ihn kennen lernten und an ihn ihr Geld im Kartenſpiel verloren. Viel⸗ leicht würde auch Maſſard ihn dem Baron vorgezogen haben, wenn er nicht gefürchtet, einen Korb zu erhalten und auch den Jüngling andererſeits für die Ehe zu jung gehalten hätte.
Das Gefolge der beiden aus Langued'oc ſtammenden Edelleute beſtand aus zwei Dienern, die beide mit einer wunderbaren Kordialität von Osmond wie d'Aubrai be⸗ handelt wurden und ſo mit den Herren auf einem herzlichen Fuße ſtanden, obgleich ſie ſich wiederum in gewiſſen Augen⸗ blicken ungewöhnlich unterwürfig benahmen. Gegen ihre Standesgenoſſen im Schloſſe Maſſard waren ſie aber ſtets hochmüthig und unverſchämt, ſodaß ſie von mehr als einer Perſon gehaßt und die Klagen über ſie lauter und lauter wurden. So ſehr Osmond ſeine Leute in Schutz nahm, mußte er endlich einſchreiten und verſprach auch, nach dem Feſte die Miſſethäter fortzuſchicken. Hektor übernahm aber, ihnen ihre Entlaſſung ſogleich mitzutheilen, und beſchied ſie auf ſein Zimmer.
Dort ſtand er ihnen gegenüber, während in den anderen Theilen des Schloſſes gejubelt wurde.
Nachdem die Diener auf einen Wink des Jünglings aus⸗ geſchaut, ob nirgends ein Lauſcher verſteckt ſei, begann Hektor: „Wahrhaftig, Ihr benehmt Euch ſo nichtsnutzig als möglich.“
„Eine hübſche Einleitung, auf die ich nicht gefaßt war,“ lautete die Entgegnung des Einen, während der Andere mit Lachen bemerkte, daß der Ton für den Augenblick nicht recht gewählt ſei.
„Schweigt, Rochambeau,“ rief der Jüngling, während ſich ſeine Fauſt ballte.
„Und warum?“ verſetzte Rochambeau mit einem verächt⸗ lichen Lächeln.„Du biſt der Jüngſte von uns und denkſt ſtets den Herrn zu ſpielen. Sieh' Dich vor, Dominique, ich bin nicht gewöhnt, mich von Jungen meiſtern zu laſſen, mögen dieſelben auch Talente beſitzen.“
Das Geſicht des Jünglings war völlig bleich geworden, ſeine Lippe zitterte, ſeine Hand ballte ſich; aber er bezwang die Aufregung, welche ſich ſeiner bemeiſtert hatte.
„Ich ſtehe im Namen unſeres Führers hier,“ ſagte er, „und vertrete den Vortheil unſerer Gemeinſchaft, den Ihr ver⸗ kennt. Ein Heer, das von keiner Disziplin weiß, iſt von vorn herein geſchlagen, eine Unternehmung, die von Mehreren aus⸗ geführt wird, muß ſcheitern, wenn Jeder nach Belieben han⸗ deln will. Ich hoffe, daß Ihr dies einſeht.“
„Hahaha! Du verſtehſt, zu reden wie ein Parlamentrath, Cartouche, wie ein Edelmann vom Hofe, den Du gerade ſpielſt,“ lachte Rochambeau;„doch muß ich Dir ſagen, daß ich mir meine Freiheit wahren werde, und ſolltet Ihr ſämmtlich darüber zum Teufel fahren. Donner, da kommt ein Mutter⸗ ſöhnchen zu uns und will nach kaum einem Jahre einem Manne Lehren geben, der ſein Meiſter in jeder Beziehung ſein kann.“
„Und worin, Herr?“ fragte Cartouche.„Vielleicht in der Unverſchämtheit und dem einfältigen Stolz?“
Wüthend ſprang Rochambeau mit geballter Fauſt auf den Genoſſen ein, taumelte aber ſogleich zurück und ſtürzte zu Boden. Dominique's Dolch hatte ihn in das Herz getroffen.
Beſtürzt ſtand Pierre, des Erdolchten Gefährte, und ſtarrte auf die Leiche. Auch der junge Cartouche athmete ſchwer; der erſte Mord, freilich nur in der Nothwehr, war von ihm vollbracht, ſeine Augen quollen ſtier is ihren Höhlen.
„Todt!“ murmelte Pierre.
„Todt!“ murmelte auch der Jüngling.
„Mord!“ rief Pierre und wandte ſich, um das Gemach zu verlaſſen.
Da kam Leben in die Geſtalt Doininique's; mit zwei Sprüngen ſtand er mit erhobenem Dolche zwiſchen dem An⸗ deren und der Thür.
„Halt, Schurke! wohin?“ rief er ihm zu.
„Platz, Mörder!“
„Pierre, Du willſt den Verräther ſpielen?“
„Ich will Dich an dem Galgen ſehen, und ſollte ich da⸗ neben hangen,“ verſetzte Pierre und riß ebenfalls einen Dolch hervor.
„Wirklich?“ ſchnaubte Cartouche und flog auf ihn zu. Im nächſten Augenblicke lag Pierre's Leiche zu den Füßen des Siegers, deſſen Dolch die Kehle durchſchnitten hatte.
„Du haſt es nicht anders haben wollen,“ ſagte er finſter.
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