Jahrgang 
1 (1879)
Seite
234
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Concordta.

quoll dem Munde, die Hand ſtrich über die Stirn, die Glie⸗ der dehnten ſich, Dominique ſtand auf den Füßen.

Wahrhaftig, dufch und durch naß, ſagte er ſchauernd, das iſt eine zu ſtarke Abkühlung von der Hitze des Tages. Pah! ich laufe mich wieder warm und trocken. Ja, wenn nur nicht die Glieder wie aus den Fugen wären. Die Frei⸗ heit hat ihre empfindlichen Schattenſeiten; im Colléège Cler⸗ mont, wie im Hauſe meines Vaters Feigling! am Ende kehrſt Du zurück und läßt Dich in das Korrektionshaus bringen, unter Peitſche und Stock.

Ingrimmig lachte er und überlegte ſodann, was in ſeiner Lage das Beſte ſei.

Ja, wenn ich nur ein Obdach fände, fuhr er in dem Selbſtgeſpräche fort,ein Unterkommen, wo ich mich trocknen und ausruhen, einen Schluck Wein und einen Biſſen Brot genießen könnte. Da das aber nicht bald zu erreichen ſcheint, muß ich mich fügen. Vorwärts alſo! Vielleicht lächelt das Glück mir eher, als ſich erwarten läßt.

Das war in der That der Fall. Tauſend Schritte hatte er vielleicht gemacht, als er ein nur wenig von der Straße entferntes Gemäuer bemerkte. Er eilte auf daſſelbe zu und fand eine in Verfall gerathene, leerſtehende Hütte. Freilich ſah ſie nicht allzu einladend aus, in Dominique's Lage aber würde wohl Niemand ſich beſonnen haben, über die Trümmer der Thür zu ſchreiten.

Wie das Aeußere, war das Innere verfallen und wüſt; doch bot ſich dem Eindringlinge die Gelegenheit, ein Feuer anzufachen, an dem er ſeine Kleider trocknen konnte. Stahl, Feuerſtein und Schwefelfaden(das damalige Feuerzeug) be⸗ fanden ſich in ſeiner Taſche, und trockenes und morſches Holz bot ſich ſeinen Augen überall dar.

Bald loderte eine mächtige Flamme empor und ihre Wärme erquickte Dominique, wie ſie die abgelegten Kleider zu trocknen begann. Nach einer halben Stunde ſtreckte ſich der frühere Schüler des Collège Clermont und der gelehrten Jeſuiten, denen dort der Unterricht oblag, auf die Erde, um in beſſerer Lage, als die im Walde war, dem füßen Schlafe in die Arme zu ſinken.

Sein Erwachen ſollte aber wieder nicht angenehm ſein; denn beim Aufſchlagen der Augen bemerkte er im vollen Tageslichte einen Mann, welcher ſich ſoeben ſeines abgelegten Rockes bemächtigt hatte und durchaus nicht das Anſehen be⸗ ſaß, als wolle er nur Scherz treiben. Die herkuliſche Figur vereinte ſich mit einem halb wilden, halb romantiſchen Anzuge, zu dem der mächtige Schnurrbart und das wirre ſchwarze Haar paßten, um einen ungewöhnlichen Eindruck zu machen.

Dominique war aber durchaus nicht furchtſam.

Heda, guter Freund, rief er, ſich langſam erhebend, dem Anderen zu,Ihr irrt Euch; die Kleider gehören mir. Laßt den Rock gefälligſt hängen.

Weshalb? Danke Deinem Gott, wenn ich Dir das Leben laſſe, das in meiner Hand liegt.

In der That ſcheint Ihr ſtärker als ich zu ſein.

Das wollte ich meinen, kleiner Knabe.

Nun, David ſchlug auch den Goliath.

Biſt Du ein David?

Wenn Ihr den Goliath ſpielen wollt.

Mit einer ungeheueren Verachtung ſtieß der Strolch das WortDäumling hervor; im nächſten Augenblicke ſollte er

aber ſchon empfinden, wie unrecht er gehabt hatte, auf die kleine Figur mit Hohn und Spott herabzuſehen; denn mit der Gewandtheit einer Tigerkatze hatte ſich Dominique auf ihn geſtürzt und mit einer ſich zur Hand befindlichen Latte einen Streich über den Kopf des Gegners geführt, ſodaß dieſer zurücktaumelte. Dann blitzte der Dolch, den der Räuber im Gürtel trag, in der Hand des früheren Jeſuitenſchülers. Ehe er aber den Stoß führen konnte, hatte der Andere ſeinen Arm ergriffen und ihm die Waffe wieder entriſſen.

Burſche, das war Dein Letztes; kleine Wespe, Du wirſt

Deinen Stachel nie mehr brauchen.

Dominique befand ſich in der Hand ſeines Gegners, aus deſſen Auge keine Schonung oder Mitgefühl blitzte; aber er verlor ſeine Geiſtesgegenwart nicht, noch bettelte er um ſein Leben. Er fühlte, daß das Letztere ihm nichts helfen würde, und ſchlug alſo die Arme mit den Worten übereinander:

Ja, ja, ſo geht es heute mir, morgen Dir!

Parbleu, Du haſt Muth über Deine Jahre hinaus. Faſt thut es mir leid, Dich ſchon jetzt abkehlen zu müſſen.

Ich ſehe nicht ein, wer Euch dazu zwingt.

Du ſelbſt, mein Freund. Denke an den Schlag.

Dann macht wenigſtens raſch.

Der Fremde ſtieß nicht ſein Eiſen in Dominique's Bruſt, er ſchüttelte ſein Haupt, als verſtünde er dies Benehmen nicht, und murmelte in den Bart:So jung, ſo jung. Weiß Gott, ein Turenne, ein Condé ſtecken in dem Knaben. Dann fügte er lauter hinzu:Und was würdeſt Du mir geben, wenn ich Dich nicht abſchlachtete?

In Dominique's Augen leuchtete es hell; die größte Gefahr war beſeitigt.Meine Achtung, erwiderte er,daß Ihr zu ſtolz, zu ſehr Franzoſe ſeid, um an mir den Henker zu ſpielen.

Der Andere lächelte.Bei der heiligen Jungfrau, Du gefällſt mir, daß ich Dich lieben könnte.

Und was hindert Euch daran?

Dein Schlag von vorhin

Pah, ein Verſuch unſerer Kraft.

Der mir das Leben hätte koſten können.

Wenn Ihr nicht Ihr geweſen wäret.

Der Strolch lächelte befriedigt.

Woher haſt Du errathen, daß ich kein Zigeuner bin, daß Böhmen nicht mein Vaterland?

Ich meine, daß nur ein Franzoſe ſoviel Edelmuth beſitzt, wie Ihr an den Tag legt.

Der Andere ließ den Arm frei, an dem er Dominique ge⸗ halten hatte.Du biſt frei. Bei Gott, ich wünſchte einen ſolchen Genoſſen zu haben, wie Du biſt.

Vielleicht könnte dazu Rath werden. Vorläufig meinen Dank.

Wie heißt Du?

Louis Dominique Cartouche, geboren zu Paris, vierzehn Jahre alt, ehemaliger Schüler des Collège Clermont.

Vierzehn Jahre erſt alt? entgegnete der Andere, als habe er nicht recht gehört.

In der That, verſetzte Dominique.

Ihr ſeid der Schule entlaufen, weil es für Euch dort zu langweilig war?

Nicht doch, man hat mich fortgejagt, weil ich des würdigen Pater⸗Rektors Speiſekammer beſuchte und nicht begreifen konnte,