Jahrgang 
1 (1879)
Seite
233
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meines Vormundes ſein würde. Die natürliche Folge dieſer geiſtigen Qualen war, daß ich bleich und mager wurde. Ich war gerade in dem Alter, in dem alle meine Kräfte erforder⸗ lich, um den Anforderungen meines ſchnellen Wachsthums ent⸗ ſprechen zu können; dieſes Leben aber voll Aufregung raubte mir Schlaf und Appetit und machte mich unfähig und unluſtig zu meinen Studien.

Miß Little entging dieſes nicht; ohne auch nur im Ent⸗ fernteſten den wahren Grund zu ahnen, ſchrieb ſie an meinen Vetter und rieth ihm, mich baldmöglichſt und noch vor der heißen Jahreszeit von Antwerpen fortzunehmen. Sie hatte mir von dieſem Schreiben nicht eher etwas geſagt, als bis die Antwort eintraf, worin der Vetter den Wunſch ausſprach, daß ich ſofort unter einem paſſenden Schutze nach Rockbury geſchickt werden ſollte; ſo wurde Fräulein Graub hierzu aus⸗

Concordia.

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erwählt und ich mit ihr nach wenigen Stunden ſchon an Bord des Dampſſchiffes gebracht, ohne meinen Zeichenlehrer weiter geſehen zu haben. Es war noch vier Wochen vor Anfang der Ferien; wie glücklich hätte mich in früheren Jah⸗ ren die verlängerte Ferienzeit gemacht! Indeß aber war ich zu bedrückt und hoffnungslos, um mich darüber freuen zu können. Mir wurde nicht einmal der Abſchied von Felicite ſchwer, die ſich ihre hübſchen Augen faſt aus dem Kopfe weinte; mein einziger Troſt war der Gedanke, daß ich den Herrn David aus den Augen verlieren würde, und die Hoffnung, ihn nie, nie wieder zu ſehen. Letztere war zmar nur ſehr ſchwach und unſicher und ſchien mir nebenbei auch Sünde zu ſein. 8 (Fortſetzung folgt.)

Der Räuberkönig von Varis.

ſooman von Wilh. Grothe.

1. Kapitel. An der Landſtraße.

Die Sonne neigte ſich ihrem Untergange zu, während im Oſten Gewittergewölk aufſtieg. Die Schwüle des Sommer⸗ tages hatte noch nicht nachgelaſſen. In den ſchlaffen Geſichts⸗ zügen der auf den Aeckern beſchäftigten Landleute, in ihrer läſſigen Haltung und den trägen Bewegungen kündete ſich die ermattende Wirkung des drückend heißen Tages an. Die Landſtraße lag faſt todt da; ſelten nur, daß ſchleppenden Ganges ſich ein Fußwanderer auf ihr hinbewegte, ein Reiter oder Kärrner ſich zeigte.

Im Jahre 1707, in dem unſere Erzählung beginnt, hatten überhaupt die Landſtraßen um Paris ein anderes Ausſehen, als heutzutage; nicht nur, daß man Chauſſeen damals nur höchſt ſelten baute, es gab auch keine Touriſten, die zu ihrem Vergnügen nach dem Wanderſtabe griffen. Die Zeit war zu ſorgloſen Reiſen allzu ernſt und die Straßen nicht ſicher genug, daß man allein auf ihnen dahinſchritt. Selbſt der Poſtkutſche vertraute man ſich nur bewaffnet an.

Dennoch ſehen wir einen jungen Menſchen in ſorgfältiger, wenn auch beſtaubter Bürgertracht das Dorf Bougival ver⸗ laſſen und die Richtung nach St. Germain einſchlagen.

Dachte derſelbe noch vor der Nacht und dem drohenden Gewitter Marly zu erreichen? und ſchien dem zu entſprechen, aber wer ſchärfer achtete, be⸗ merkte, daß die Eile ihm die größte Mühe machte und daß der Fußgänger nahe der völligen Erſchöpfung ſich befand. Noch eine Stunde vielleicht, und ſeine bis auf das Aeußerſte angeſpannten Kräfte verſagten den Dienſt.

Er war dem Anſcheine nach zwiſchen ſechszehn und acht⸗ zehn Jahre alt. Wenigſtens hätte man ihn nach ſeinen in⸗ telligenten und ausdrucksvollen Geſichtszügen nicht jünger ſchätzen können, wenn er auch ſonſt körperlich nicht ſehr ent⸗ wickelt war.

Die Sonne küßte jetzt den Horizont und höher und höher ſtiegen die Gewitterwolken.

WVahrhaftig, monologiſirte der einſame Fußgänger,ich hätte in dem Dorfe bleiben ſollen; ich werde bald nicht mehr

Freilich war ſein Schritt haſtig

weiterkönnen und der dunkle Sack da oben entladet ſein Un⸗ wetter. Wer weiß, ob ich ein baldiges Unterkommen finde, ich glaube es kaum. Er ſtand ſtill und blickte zurück. Nein, nein, fuhr er ſodann fort,nur keinen Schritt rück⸗ wärts. Auch iſt der Regen eher da, als ich in Bougival wieder ſein könnte. Der Wald dort iſt leichter zu erreichen, und eine günſtige Dryas wird mir vielleicht Schutz gewähren und ihre Arme über mich breiten. Friſch, Dominique! nichts iſt ſo ſchlimm, wie man im erſten Augenblicke glaubt. Wie oft hat nicht der hochwürdige Pater⸗Rektor, wenn dieſer oder jener lateiniſche Schriftſteller zu langweilig wurde, uns in die Ohren gekrächzt, daß Niemand ermatten dürfe, da der ener⸗ giſche Wille die Siegespalme heimtrage! Vorwärts! vor⸗ wärts!

Bald war der Wald erreicht, der zur Linken der Land⸗ ſtraße ſich hinzog, während zur Rechten in einiger Entſernung die Seine ihre Waſſer wälzte. Der Raum zwiſchen Fluß und Straße war zum Theil Wieſenland, zum Theil dürr und ſteinig.

Ein ſtarker Windſtoß fuhr daher, der Verkünder des ſich entladenden Gewitters.

Dominique ſprang von der Straße zu einer Eiche, die in der That mit ihrer Blätterkrone einen weiten Raum beſchirmte. An ihrem umfangreichen Stamme ließ er ſich nieder, ſodaß ſie ihm auch Schutz gegen den Sturm, für den Moment wenigſtens, gewährte.

Wild brach das Gewitter los, der Regen ergoß ſich in Strömen, Blitz auf Blitz durchzuckte den Himmel, ein Douner⸗ ſchlag folgte dem anderen, die Windsbraut tobte daher.

Die Schrecken des ungeſtümen Wetters gingen aber an Dominique ohne Eindruck vorüber, denn kaum hatte er ſich unter die Eiche hingeſtreckt, ſo umfing ihn die Erſchöpfung mit todtähnlichem Schlafe, das Haupt ſank auf die Bruſt, die Augen, alle Sinne ſchloſſen ſich gegen die Außenwelt ab.

Schon ſeit Stunden war das Gevitter vorüber, der Sternenhimmel lachte die Erde freundlich an; da erhielt erſt die Geſtalt des Schläfers Leben, ſie ſchauerte wie im Fieber. Dann öffneten ſich die Augen, ein unbewußtes Stöhnen ent⸗

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