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mich nicht erfreulich, und zwar beſonders aus einem Grunde, den ich mir kaum ſelbſt eingeſtehen mochte. Die Familie Bertram bewohnte ein Haus an der äußeren Seite von Oxrley; der älteſte Sohn, der Freund des Vetters, war Pfarrgehilfe und wohnte in der Pfarrei, es verging aber kein Tag, ohne daß er zu den Eltern kam, gewöhnlich aß er Mittags mit ihnen. Ich kannte ihn von Rockbury her, wohin er oft kam; als Kind verkehrte ich ſehr vertraulich mit ihm, die Zeiten waren aber vorbei, und mir erſchien die Vertraulichkeit, mit der er mich noch fortwährend behandelte, als unpaſſend und unerlaubt. Da er ſich Vetter Ulih's Freund nannte, ſah ich keinen Grund, warum er immer nach der Gelegenheit haſchte, allein mit mir zu ſein und mir fade Komplimente über mein Aeußeres und über meine Talente zu ſagen. Der Vetter lobte und pries nie offen mit Worten, und wenn er es auch gethan, ſo würde ich wohl kaum Notiz davon genommen haben; aus Herrn Bertram's Munde aber verletzte es mich geradezu, beſonders wenn er ſeinen Worten mit Blicken Aus⸗ druck gab. Ich wußte wohl, daß er für witzig galt und über⸗ all gern geſehen war; war er mir aber früher ſchon gleich— giltig, ſo wurde er mir nun unleidlich und noch mehr, als ich ſah, daß es ſeine ganze Familie erheiterte, wenn ich ihn kurz abfertigte, während es ihn ſelbſt weiter nicht unangenehm zu berühren ſchien. Schließlich kam es ſoweit, daß ich ſeine Stimme gar nicht mehr hören konnte und daß mir ſeine durch⸗ bohrenden Blicke und ſeine Händedrücke unerträglich wurden; ich wurde ganz nervös, wenn ich mit ihm allein ſein mußte. — Unter dieſen Verhältniſſen war ich glückſelig, als der letzte Tag meines Dortſeins herankam und ich wieder nach Rock⸗ bury reiſen durfte, wenngleich ich wußte, daß mit meiner Rückkehr dahin die Trennung von meinem Vormund eng zuſammenhing. Von Rockbury nach Antwerpen reiſte ich dieſes Mal mit Miß Little, die häufig die Ferien in ihrer Penſion zu Beſuchen bei Bekannten oder Verwandten in England benutzte. Während unſerer Reiſe war ich ſo bedrückt und trübe, daß Miß Little mich mehrfach damit zu tröſten und aufzurichten ſuchte, daß es ja doch das letzte Mal ſei, daß ich die Heimat verließe.
Meine Rückkehr zur Schule war es aber nicht, die mich ſo verſtimmte, mein Leben dort war ja bis vor wenig Monden noch ſo glücklich geweſen! es war die Angſt vor dem Wieder⸗ ſehen mit Herrn David, und dieſe ſtieg mit jedem Augenblick. Ich habe des Druckes, den das unglückſelige Geheimniß auf mich während der Ferien ausübte und der alle meine Freuden trübte, weiter nicht erwähnt. Er ſollte mir ſpäter noch ſo ſchwer, faſt unerträglich werden, daß mir in der Rückerinner⸗ ung jener Druck nur leicht erſchien. Und doch ruhte er zent⸗ nerſchwer auf mir und am fühlbarſten, wenn der Vetter Ulih mich mit Gaben ſeiner Liebe überraſchte; dieſe erinnerten mich nur daran, daß mein natürlicher Beſchützer nicht das Geringſte zu meinem Lebesunterhalt that und mir nicht ein⸗ mal ſeinen Schutz zutheil werden ließ, während jener un⸗ erſchöpflich in ſeiner Liebe war. Bei meiner Abreiſe von Ant⸗ werpen waren meine Gefühle für Herrn David eben nicht kindlich geweſen, bei meiner Rückkehr waren ſie es aber noch weniger. Je mehr ich mit dem Vetter Ulih verkehrte, deſto tiefer ſank meine Achtung für Herrn David, und ſo konnte es denn auch nicht ausbleiben, daß unſer erſtes Wiederſehen keineswegs ein herzliches war⸗
Concordia.
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Herr David benahm ſich, als ob er überglücklich über unſere Wiedervereinigung ſei, und nannte mich lau in der Art, wie ich mich dabei benahm, lachte aber dazu und bemühte ſich nicht weiter, Sympathie bei mir zu erwecken. Er ver⸗ langte von mir, ich ſollte ihm Alles erzählen, was ich während unſerer Trennung erlebt, ſelbſt die Geſpräche, die ich mit dem Vetter Ulih geführt. Ich ignorirte es aber gänzlich, daß er ein Recht hatte, mich nach dergleichen zu befragen, und that ſo, als könnten die Mittheilungen über Rockbury ihn unmöglich intereſſiren. Als nun Herr David bemerkte, daß ich ſehr verändert war, daß die freundliche, gelehrige Schülerin, die er gänzlich in ſeiner Hand gehabt hatte, entſchiedener in ihren Antworten und weniger ſcheu gegen ihn als vor der Abreiſe geworden war, änderte auch er ſein Weſen gegen mich und verſuchte es, mich durch Drohungen einzuſchüchtern. betrübt mich wahrhaft, alles dieſes niederſchreiben zu müſſen, doch wenn ich es unterließe, könnte ich unrecht beurtheilt werden. Um mich zu beugen, beſchränkte er ſich nicht auf Drohungen von Mißfallen und Strafen— er wußte wohl, daß er damit bei mir nichts ausrichten würde— ſondern griff ge⸗ waltſam mein Herz und meine Gefühle und beſonders meine Liebe zum Vetter Ulih an.
Ich habe es früher ſchon erwähnt, daß ich dem Herrn David gleich bei unſerer erſten Bekanntſchaft offenherzig viel von meinem Vormunde und von ſeiner Güte gegen mich mit⸗ getheilt; wie wenig vermuthete ich damals, daß ich ihm durch dieſe Mittheilungen eine ſtarke Waffe in die Hand gab! Leider war es ſo. So wie er ausfindig gemacht, daß ich keine Luſt mehr dazu hatte, mit ihm zu ſprechen und zu ſcherzen, daß ich ſchweigſam und zurückhaltend geworden war, auch alles Vergnügen an der Malerei verloren hatte, ergriff er die erſte beſte Gelegenheit, um mir anzudeuten, daß er die geeigneten Mittel und Wege finden würde, mich zu zwingen, wenn ich nicht aus freien Stücken mein Weſen gegen ihn ändern würde. In dem Gefühl, nichts in meinen Pflichten gegen ihn als Lehrer verſäumt zu haben, erwachte mein Stolz und Trotz, ich hielt es ja nicht für möglich, daß er mich noch tiefer betrüben könnte, als er es ſchon gethan.
Es
„Auch nicht,“ raunte er mir in's Ohr,„wenn ich offen mit meinen Anſprüchen auf Dich hervortrete, wenn ich mein Recht geltend mache und Dich dem Schutze Deines Vetters entziehe?“
Bei dieſer Drohung wollte mir ſchon der Muth ſinken, doch eingedenk ſeiner prekären Lage athmete ich auf und ſagte:
„Das können und dürfen Sie nicht; glauben Sie nur nicht, daß ich Alles vergeſſen, was Sie mir anvertraut haben.“
Anfänglich ſchien er durch meine Worte beſtürzt, doch nur zu bald faßte er ſich.
„Warum ſollte ich nicht, kleine Mademoiſelle? Wenn Dein Couſin ein Ehrenmann iſt, ſo iſt mein Geheimniß bei ihm ebenſo ſicher, wie bei Dir, und wenn ich meine Identität bewieſen, kann ich Dich ja leicht in ein Land bringen, wo weder franzöſiſche Feinde noch engliſche Freunde uns beläſtigen können.“
Bei dieſer Drohung ſchrak ich vor Angſt zuſammen. Späterhin erwies ſie ſich als grundlos, denn mein Vater


