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Concordia.
„Es iſt aber ein Räthſel, das ich ſo gern gelöſt hätte. Warum ſoll ich denn noch länger im Unklaren bleiben?“
„Nun, weil Niemand im Stande iſt, das Räthſel zu löſen. Deine Mutter deutete mir an, daß ſie von ihrem Vater Unterſtützungen erhalten.“
„Von Sir Lionel? Von ihm, der mich nicht einmal ſehen will? Nein, Vetter Ulih, das iſt nicht wahrſcheinlich.“
„Ich weiß es nicht, liebe Petronel; das Herz des Menſchen iſt ein dunkles Ding, man kennt oft das eigene nicht.— Dein Großvater mag ja immerhin gegen ſeine Tochter milder geſtimmt worden ſein,— daß er es zu einer Zeit war, weiß ich mit Sicherheit. Vielleicht fällt es ihm nur deshalb ſchwer, Dich zu ſehen, weil Dein Vater ihm viel Kummer gemacht hat.“
„So übergab er Dir die Sorge für mich? Und ich wurde für mein ganzes Leben eine Laſt und Plage für Dich?“ ſagte ich heftig.
Vetter Ulih's ernſter, vorwurfsvoller Blick richtete ſich zu mir.„Das war doch nicht Dein Ernſt?“
„Ich weiß es ja zu gewiß, daß ich gar keinen Anſpruch auf alle Deine Liebe und Güte machen kann, und doch giebſt Du mir Alles! O, Vetter Ulih, wie ſoll ich Dir das je vergelten?“ 6
„Dadurch, daß Du nicht weiter davon ſprichſt, Petronel!“
„Ich will es auch nicht, wenn es Dir nicht lieb iſt, ſage mir nur das Eine: Wer unterhielt uns in Saltpool?“
Wie ich ihn bei der Wiederholung dieſer Frage erwar⸗ tungsvoll anblickte und wieder die Röthe bei ihm aufſteigen und ſich über ſein ganzes Geſicht verbreiten ſah, durchfuhr mich plötzlich ein Gedanke.
„O,“ rief ich tief athmend aus, als ob mir das Räthſel gelöſt ſei,„o, ich glaube—“
Doch hier unterbrach mich der Vetter, indem er von ſeinem Stuhl aufſprang und ſich zur Thüre wandte:
„Komm', komm', meine Zeit iſt um, wir haben heute genug von Edelmuth geſchwatzt. Glaube, was Du willſt, doch be⸗ ruhige Dich dann bei Deinen unbegründeten Annahmen. Es iſt Dein Unglück, daß Du alle die Räthſel, in denen Du lebſt, Dein Leben lang nicht wirſt löſen können; wenn Deine Mutter noch lebte, würde das anders ſein. Doch nun Adieu, ſei ſo glücklich als Du kannſt!“ Mit freundlichem Kopfnicken, wie immer, verſchwand er.
Ich blieb noch lange bei meinem unterbrochenen Frühſtück ſitzen und ſann darüber nach, was dieſe Unterhaltung denn eigentlich aufgeklärt. Als ich dem Vetter meine Vermuthungen hatte ausſprechen wollen, hatte er verſucht, ſie dadurch zu widerlegen, daß er mich plötzlich unterbrach, doch ſeine Mienen verriethen mehr, als er geſtehen wollte; meine Vermuthungen wurden zur Gewißheit— er ſelbſt, nur er allein war der Freund geweſen, der uns in Saltpool unterhalten hatte. Wie und bis zu welchem Grade, vermochte ich natürlich nicht zu er⸗ gründen, in der Art, wie er meine Frage beantwortete und abſchnitt, lag der ſchweigende Wunſch, daß ich dieſen Punkt nicht weiter berühren ſollte. Doch mein Glaube blieb mir, und merkwürdigerweiſe verurſachte er mir trotz des in mir wohnenden Stolzes ein Gefühl von Freude. Geliebt hatte ich den Vetter Ulih von Anfang an, nun aber verehrte ich ihn mit einer Art Anbetung, die mir den Gedanken, daß ich ihm für Alles verpflichtet war, zum Glück machte, um ſo mehr,
da ich den eigentlichen Beweggrund bei ihm nicht verſtand; oft ertappte ich mich bei dem ſehnſüchtigen Wunſche, ſein Kind, ſeine Schweſter und ſeine Nichte zu ſein, oder in irgend einem anderen nahen Verhältniß zu ihm zu ſtehen, in dem mir Niemand ſeine Liebe und ſein Vertrauen ſtreitig machen könnte. Wie gern hätte ich mir das Anrecht erobert, ihm immer zur Seite zu ſein und für alle ſeine Bedürfniſſe und Annehmlichkeiten zu ſorgen— o, wie glücklich würde mich das gemacht haben. Doch ich wagte nicht zu hoffen, daß das je zu erreichen ſein würde. Auf die Couſine Marcia wurde ich nun wahrhaft eiferſüchtig; ſie wußte ſo viel mehr von ihm wie ich, und er zog ſie immer in's Vertrauen, während ich hinausgeſchickt wurde; mich überkam oft ein Gefühl von Vernachläſſigung, das mich tief niederdrückte, wenn er, vielleicht überhäuft mit Geſchäften, den Kopf in die Thür ſteckte und rief:„Marcia, ich möchte Dich ſprechen!“ Hätte er nur geſehen, wie mir die Thränen in die Augen traten, wenn die Beiden dann verſchwanden, ach, gewiß, dann wäre er in ſeiner Liebe eher gerührt als erheitert worden. Ich ſtand auf der Stufe, wann „Aengſtlich, mit bangem Schritt, Die Jungfrau in's Leben tritt.“
Mein Geiſt war auf derſelben Uebergangsſtufe wie mein Körper, nur in meiner Liebe war ich vollendet, ſie füllte meine ganze Seele aus, und keinen Augenblick verließ mich der heiße Wunſch, für ihn, der ſo viel für mich gethan, und für ſein Glück und ſeine Zufriedenheit irgend etwas, wenn es auch noch ſo beſcheiden wäre, thun zu können!
Bei dieſen Gefühlen, die von Tag zu Tag lebendiger wurden, war es mir ſehr ſtörend, ja faſt kränkend, daß die Couſine eine Einladung von den Bertram's für mich annahm und auch der Vetter Ulih den Wunſch ausſprach, daß ich dieſer folgen ſolle. Jeſſy und Ellen Bertram hatten vor einiger Zeit das Penſionat von Miß Little verlaſſen und ſprachen den Wunſch aus, ihr alte Schulkameradin möchte einen Theil der Ferienzeit mit ihnen verleben. Es war ja ſehr freundlich von ihnen, und ich hätte es dankbar annehmen ſollen, und doch that ich es nicht. Als ich noch ein Kind war, deſſen größtes Vergnügen darin beſtand, über Gräben und Hecken zu ſpringen und Obſtbäume zu plündern, war ich gern in Oxley, doch nun, da ich an andere Dinge als an wilde Nüſſe und Aepfel dachte, war mir Oxley drückend. Meine Freundinnen dort waren zwar freundlich und gefällig, doch zu wenig geiſtig anregend. Die Couſine Marcia fand es aber doch für rathſam, mich zu ihnen zu ſchicken, wenn ich ſie auch offen für langweilig und die ganzen Zuſtände in Oxley für unerquicklich erklärte; ſie ſagte einfach, ich ſtellte Anſprüche, für die ich noch zu jung ſei, ich bildete mir ſchon voreilig Anſichten und Meinungen und könnte doch nur erſt durch Erfahrung zu einem richtigen Urtheil gelangen. So mußte ich denn hin nach Oxley und verſchwendete dort drei Wochen meiner Ferienzeit; mein Troſt war, daß es die letzten Ferien überhaupt waren und daß meine Abreiſe nach Ant⸗ werpen mit jedem Tage näher heranrückte. Vetter Ulih hatte mich hoch beglückt durch die Mittheilung, daß er es aus ver⸗ ſchiedenen Gründen für gut hielte, meinen Aufenthalt in Antwerpen nach dem nächſten Quartal zu beenden und meine Erziehung zu Hauſe durch Privatunterricht zu vollenden.
Wie ich vorhergeſehen, war der Aufenthalt in Oxley für


