Concordia. 229
und wenn ich dazu die Größe rechnete, glaubte ich den Titel „Dame“, den mir der Vetter eben zudiktirt, mit Recht an⸗ nehmen zu dürfen. Doch während ich mich noch lächelnd im Spiegel anſah, hörte ich den Vetter hinter mir ſeufzen. Das brachte mich raſch zur Beſinnung, und mich neben ihn ſetzend, ſagte ich:
„Es war wohl unpaſſend von mir, den Frühſtückstiſch zu verlaſſen? Doch ich hatte wirklich keine Ahnung davon, daß Du mich gewachſen finden konnteſt.“
„In Deinem Alter machen junge Leute gewöhnlich einen guten Schuß. Wie alt biſt Du jetzt, Petronel!“
„Im nächſten März ſechszehn Jahre.“
„Nun, dann iſt es auch Zeit für Dich, die Kinderſchuhe auszuziehen. Du ſiehſt dieſes Mal auch bedeutend ernſter aus als früher, es fiel mir gleich bei unſerem erſten Wieder⸗ ſehen auf.“
Jetzt kam die Reihe, zu ſeufzen, an mich. Ich gedachte der Ereigniſſe, die ſich verſchworen, mich zum Ernſt zu bringen, und dabei fiel mir mein Wunſch ein, dem Vetter verſchiedene Fragen vorzulegen. Eine beſſere Gelegenheit dazu konnte ich gar nicht finden, denn ſelten nur ſah ich ihn allein.
„Vetter Ulih,“ fing ich ohne Weiteres an,„wann ſtarb mein Vater?“ Dabei bückte ich mich auf meinen Teller, um das Erröthen zu verbergen, das ich bei dieſer Frage aufſteigen fühlte. Nach einer vollen Minute erſt ſagte er:
„Wie kommſt Du auf dieſe Frage?“
„Ich habe nie etwas von ihm gehört, und nun bin ich ſo groß, daß Du mir wohl Alles mittheilen kannſt.“
„Ich weiß leider nur wenig von ihm, liebe Petronel. Bis zu dem trüben Ereigniß des Todes Deiner Mama hatte ich während langer Jahre gar keine Verbindung mit Deinen Eltern.“
Es war mir befremdend und unerklärlich, ſoviel ich auch darüber nachgrübelte, daß der Vetter nie aus eigenem An⸗ triebe mit mir von meiner Mama ſprach, trotzdem daß ich in den letzten Jahren mit Fragen in ihn gedrungen war. Bei dieſer Gelegenheit ſah ich, daß er unruhig und nervös wurde, ſo ganz anders, als er ſonſt zu ſein pflegte. Sein freund⸗ liches Auge verfinſterte ſich auffallend, und da ich ſeine ganze Vergangenheit nicht kannte, fürchtete ich, ihn unangenehm berührt zu haben, und hätte für mein Leben gern meine Frage zurückgenommen.
„Du und mein Vater, Ihr wart keine Freunde, nicht wahr?“
„Nein, Petronel!“
„War er ein guter Menſch?“
„Bitte, Petronel, erſpare es mir, mich darüber zu äußern, ich kannte ihn übrigens auch nur ſehr wenig, ſodaß ich kein ſicheres Urtheil über ihn abgeben kann.“
„Nicht wahr, er heiratete die Mama gegen den Willen ihrer Eltern, und nachher ſagten dieſe ſich ganz los von ihr?“
„Woher weißt Du das, Petronel?“ fragte er ſehr erſtaunt.
„Ich hörte es, Vetter Ulih. Und nicht wahr, dieſes war auch der Grund, warum ich den Großpapa in Frampton nie geſehen?“
Da er weiter nicht nachfragte, denke ich mir, er ver⸗
muthete, daß ich es von der Couſine oder von den Leuten gehört.
„Ja, Petronel, inſoweit biſt Du recht berichtet, die Heirat wurde ohne Segen der Eltern geſchloſſen und war die Quelle unſäglicher Trübſal, wie es ja leider immer zu ſein pflegt, wenn dieſer fehlt. Doch das iſt nun vorüber.“
Petronel fuhr fort, ihren Vetter zu katechiſiren.
„Weißt Du, wo ich geboren bin?“
„Sicher weiß ich nichts darüber, ich glaube aber, Du biſt außer Landes geboren.— Biſt Du etwa auf der Suche nach Deinem Taufſchein?“ fügte er lächelnd hinzu.
„Nein!— Ich möchte aber gern Näheres über meine Vergangenheit erfahren, das wirſt Du erklärlich finden, es ſieht doch auch ſo einfältig aus, wenn man nichts von ſeiner eigenen Familie weiß. Starb mein Vater vor unſerer Ueber⸗ ſiedelung nach Saltpool?“
„Darüber kann ich Dir nicht Beſtimmtes ſagen, ich hörte nie etwas von dieſem Ereigniß, habe auch nichts darüber in Erfahrung bringen können.“
„Biſt Du denn Deiner Sache gewiß, daß der Vater über⸗ haupt todt iſt, Vetter Ulih?“
„Deine Mutter glaubte es.“
„Aber gewiß wußte auch ſie es nicht?“
„Nein, ſie hatte nur ſeit Jahren nichts von ihm gehör!. Ich denke aber, Du kannſt Dich dabei beruhigen. Ich kann Dir ſagen, daß ich gleich, nachdem Du mir anvertraut warſt, in dem Gedanken, daß Dein Vater das erſte Anrecht auf Dich hätte, durch öffentliche Blätter und auf alle erdenkliche Weiſe ſuchte, mit ihm in Verbindung zu kommen, und hätte er ſich in einem ziviliſirten Lande aufgehalten, ſo würde mein Aufruf ihn erreicht haben. Drei Jahre ſind nun faſt darüber hingegangen, und er hat nicht geſchrieben, wir dürfen alſo wohl mit Recht annehmen, daß er nicht mehr unter den Lebenden weilt; denn welche Rückſichten könnten einen Vater abhalten, mit ſeinen Anſprüchen auf ſein Kind hervorzutreten?“
Ach, wie wenig kannte er meinen Vater! In ſeinem edlen, großmüthigen Herzen konnte er es nicht für möglich halten, daß es eine ſo niedrige Seele wie die des Herrn David gäbe. Ich wagte nicht, länger bei dieſem Gegenſtand zu verweilen, und ſtürzte mit meiner Kernfrage hervor:
„Wovon lebten wir denn aber in Saltpool?“
Bei dieſer unerwarteten Frage legte der Vetter Meſſer und Gabel bei Seite und ſah mich an.
„Welch' unſinnige Frage!“
„Es iſt Alles ſehr vernünftig, Vetter Ulih! Wenn meine Mutter keine Nachricht von dem Tode des Vaters erhielt und ſeit Jahren allen Verkehr mit ihm abgebrochen hatte, wovon lebten wir denn die ganze Zeit? Woher kam das nothwen⸗ dige Geld, und wer zahlte für unſer Eſſen und Trinken? Denn wenn wir auch noch ſo arm waren, Schulden haben wir doch nicht gemacht.“ 8
Als mich der Vetter eine Dame nannte, hatte er es wohl nicht für möglich gehalten, daß ich ſchon ſo viel Nachdenken und Berechnung hätte, denn ſobald ich innehielt, bemerkte ich, daß er ganz beſtürzt ausſah. Eine Röthe, wie ich ſie nie bei ihm geſehen, ſtieg ihm bis auf die Stirn, und ſeine Augen blieben unruhig auf den Tiſch gerichtet.
„Ich glaube, dieſe Frage läßt Du beſſer unerörkert,“ ſagte er nach einer Pauſe, während der ich ihn unverwandt anblickte.


