228 Concordia.
wie er ſie mir erzählt, waren möglich, ſogar wahrſcheinlich, aber ich blieb doch ungläubig, und die Zweifel, die kurz nach unſerem ſoeben geſchilderten Begegnen in mir aufſtiegen, waren es, die mich fortwährend quälten.
Angenommen, er hatte aus Furcht vor Gefangenſchaft uns weder beſucht noch mit meiner Mutter während der letzten Jahre ihres Lebens korreſpondirt— ein Benehmen, welches herzlos oder im günſtigſten Falle ſehr egoiſtiſch zu nennen iſt — wer hatte uns denn in Saltpool unterhalten und für unſere Exiſtenz geſorgt? Auf jede erdenkliche Weiſe ſuchte ich mir dieſe Frage zu löſen; ich ging mit meinen Gedanken ſo weit zurück, als ich nur konnte, und doch vermochte ich mich nie zu entſinnen, daß wir je in unſerem Leben, wenn dieſes auch noch ſo anſpruchslos und einfach war, die noth⸗ wendigſten Bedürfniſſe entbehrt hatten. Unſere Wohnung in jenem kleinen, abgelegenen Fiſcherdorfe war zwar beſcheiden nur, auch trugen wir immer dieſelben Kleider und wechſelten nur in den verſchiedenen Jahreszeiten; aber an Eſſen und Trinken und an Feuerung mangelte es uns nie, und während der ganzen Krankheit der Mama fehlte es ihr nie an Hilfe und Medikamenten; das Alles koſtete aber doch viel Geld— und woher kam dieſes Geld? Waren die Erzählungen des Herrn David wahr, ſo hatte er nie dafür geſorgt, und von meiner Mama wußte ich auch, daß ſie das Geld nicht herbei⸗ ſchaffen konnte. Je mehr ich hierüber nachſann, deſto unerklär⸗ licher wurde es mir, und ich beſchloß, bei nächſter Gelegenheit den Vetter Ulih darum zu fragen und um Aufklärung zu bitten. Der Vetter Ulih war von Jugend auf mit der Mama bekannt geweſen, war auch der Einzige, der in ihrem Elend zu ihr kam, und nachgerade hatte ich auch das Alter erreicht, in dem ich von ihm fordern durfte, mir Alles, was unſere Familien⸗Verhältniſſe betraf, mitzutheilen. Es mag wohl auffallend ſcheinen, daß ich mir dieſe Aufklärung nicht einfach von dem, der ſich mein Vater nannte, erbat, doch es wird erklärlich, wenn ich geſtehe, daß ich von dem erſten Augenblick an, als Herr David mir ſeine dunklen Mittheil⸗ ungen machte, mich derartig von ihm abgeſtoßen fühlte, daß ich es mit Worten nicht zu ſagen weiß. Zutrauen zu ihm hatte ich nicht im Geringſten.
Meine Zeichenſtunden, die mir bisher ſo viel Freude ge⸗ macht hatten, wurden mir nun eine Qual; mit Angſt und Sorge ſah ich jedem Freitag⸗Nachmittag entgegen; unſer Atelier betrat ich mit dem Gefühl, als ſei es eine Folterkammer, und am tiefſten verletzte es mich, wenn Herr David das Geſpräch auf meine Mama brachte. Der kalte, theilnahmsloſe Ton, in dem er ihren Namen nannte, hatte mich hinlänglich davon überzeugt, daß er ihrer nicht mehr mit Liebe gedachte, gleich⸗ viel, ob er ſie früher geliebt haben mochte oder nicht. Es ſchien mir eine Entweihung, in ſeiner Gegenwart ihren Namen zu nennen, er hatte ja während der langen Jahre in Salt⸗ pool jeden Verkehr mit ihr abgebrochen und ſich für unfähig erklärt, uns zu unterhalten. Sprach er die Wahrheit, ſo war dieſe nicht erfreulich für mich, wo nicht, ſo konnte er keinen Glauben bei mir erwarten. Mein Entſchluß ſtand feſt, ich wollte alle weiteren Nachforſchungen bis zu meinem nächſten Aufenthalt in Rockbury verſchieben. Inzwiſchen konnte es nicht ausbleiben, daß mein herabgeſtimmter Enthuſiasmus für unſeren Zeichenlehrer bemerkt wurde, denn ich war eine zu ſchlechte Schauſpielerin, um mich verſtellen zu können. Früher⸗
hin hatte ich bei jeder Gelegenheit offen von ſeiner Güte, von
ſeinen Talenten und von ſeiner Zuvorkommenheit geſprochen,
und wenn ich nun zurückhaltend und ſtill wurde, ſobald nur die Rede auf ihn kam, ſo mußte das ja auffallen; und ich hatte infolge deſſen viele Neckereien und Anſpielungen über meinen Wankelmuth zu hören. Felicite(die ſelbſt nicht ohne Bewunderung war für den gut ausſehenden Künſtler, der ſo diskret ihr Verhältniß zu Ernſt Moore behandelte) konnte es gar nicht begreifen und ergründen, was mich ſo gegen ihn ſtimmte und was wohl zwiſchen uns Beiden vorgefallen war. Zu meiner Vertheidigung und um alle Schwätzerei zu unter⸗ drücken, mußte ich in einem vertraulicheren Verhältniß zu ihm bleiben, als mir lieb war; in den Stunden war ich aber immer ſehr ernſt und vermied, ſoweit es mir möglich war, jedes Alleinſein mit ihm. Ab und zu nur flüſterte er mir einige Worte in's Ohr, um mich an unſer nahes Verhältniß zu erinnern und daran, daß er ein Recht dazu habe, in einem engeren Verkehr mit mir zu bleiben. Eingedenk deſſen, was ihm dieſes Recht verliehen, beſtrebte ich mich nach beſten Kräften, ihn nicht merken zu laſſen, daß mir ſeine Flüſtereien unerträglich waren; ich fürchte aber, Herr David las oft genug aus meinem Schweigen und aus meinen kurzen Antworten die Ungeduld und Abneigung gegen ihn heraus. Selbſt ſeine Lobpreiſungen über meine Leiſtungen konnte ich nicht mehr hören, ſie machten mir keine Freude mehr, ich wußte ja nun, von wem ich mein Talent geerbt, und mußte immer denken, er lobte ſich indirekt ſelbſt damit. So verging die Zeit, und als ich im Dezember wieder nach Rockbury ging, nahm ich ein Herz mit, das ſo bedrückt und ſo traurig war, wie nie zuvor!
Das Verſprechen, das mir mein Vater abgepreßt hatte, erſtreckte ſich nicht ſoweit, daß es mir nicht erlaubt geweſen wäre, ſeinen Namen zu nennen, und meine Ungeduld, in Erfahrung zu bringen, wie weit dem Vetter Ulih die Wahr⸗ heit bekannt ſei, war ſo groß, daß ich kaum den Augenblick erwarten konnte, wo ſich mir die Gelegenheit darbieten würde, ihn auszufragen. Dieſe kam früher, als ich erwartet. Am dritten Tage nach meiner Rückkehr war die Couſine Marcia durch eine heftige Erkältung auf ihr Zimmer gebannt, ich ſaß einſam am Frühſtückstiſch und überlegte, ob ich wohl Nach⸗ mittags meine Promenade würde machen können; da plötzlich öffnete ſich die Thür und der Vetter Ulih trat herein. Es war mir dieſes ein ganz unerwartetes Vergnügen, und lachend vor Freude ſprang ich auf, ihm einen Stuhl herzuholen. Doch der Vetter wollte es nicht zugeben, er ſagte, jetzt ſei ich ſchon eine große Dame, und er müſſe mir aufwarten.
„Eine große Dame?“ rief ich aus, und erheitert über dieſen Titel, hielt ich vor dem Spiegel an.„Iſt es denn möglich, daß ich mich ſo verändert?“
Seine Andeutung ſchien mir eine neue Welt zu eröffnen, es war das erſte Mal, daß ich an ſo etwas dachte; es war mir zwar auch ſchon aufgefallen, daß ich ziemlich gewachſen war, doch nun es der Vetter Ulih, der doch ſelbſt ſchon ſo alt war, ſagte, glaubte ich erſt daran.
Als ich mich im Spiegel ſah, lachte ich laut auf. Ja, wirklich, er hatte recht! Meiner äußeren Erſcheinung nach war ich kein Kind mehr. Ein Geſicht, mehr oval als rund, eine volle Büſte, eine ſchlanke Taille und ein Kopf voll Haare, ganz modern friſirt, ſah aus dem Spiegel zu mir,


