Concordia. 227
er ſtrich die Bequemlichkeit ſeiner Stellung, die Behaglichkeit ſeiner Lage und die Sorgenfreiheit ſeines Daſeins ſo beredt⸗ ſam heraus, daß Falk mit Verwunderung zuhörte und immer aufmerkſamer ward.
Man kann ſich wohl denken, daß ein Menſch wie Falk nichts ohne Berechnung that, und ſo hatte er wahrſcheinlich auch bei der neu zu ſchließenden Verbindung mit Paul ſchon einen beſtimmten Zweck im Auge. Aus den Mittheilungen deſſelben erkannte er jetzt leicht, daß hier zwiſchen Herrſchaft und Diener ein ganz anderes Verhältniß als ſonſt gewöhnlich obwalten mußte.
„Alle Wetter!“ rief er daher lebhaft, als Paul geendet, „da muß ja Deine Herrſchaft aus lauter Engeln beſtehen, oder Deine Dienſte einen Werth haben, vielleicht auch gehabt haben, der unſchätzbar genannt zu werden verdient!“
Paul ſtutzte einen Moment; dann rieb er ſich vergnügt die Hände.
„Beides liegt hier vor!“ ſagte er pfiffig lächelnd,„ja, es trifft Beides zu!“
„Nun, da bin ich neugierig!“ meinte Falk.
„Wegen der Engel?“ fragte Paul.
„Das weniger— wegen der von Dir geleiſteten Dienſte ſchon mehr!“ bemerkte Falk lächelnd.
„Geheimniß!“ erwiderte Paul wichtig,„Herr Römer hat mir verboten, davon zu ſprechen!“
„So?“ meinte Falk gedehnt,„alſo Ihr betreibt Sachen die das Licht ſcheuen müſſen?“
„Behüte, das nicht!“ antwortete Paul eifrig,„auch iſt die Sache ſchon ihre zehn Jahre alt und hat deshalb keine Be⸗ deutung mehr— aber, na— es iſt ja auch unnöthig—“
„Da haſt Du recht!“ ſagte Falk, die Gläſer mit dem ſchweren Portwein füllend, welchen er zur Bewirthung ſeines Gaſtes gewählt hatte;„Gott ſtärke Deine Schweigſamkeit, Paul!“(Fortſehung folgt.)
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Betronel.
Roman aus dem Engliſchen von Florence Maxrryat. (Fortſetzung.)
In Herrn David's Worten lag viel Edelmuth, und doch wollten ſie mir nicht gefallen, es ſchien mir, als ſähe ich an dem Metall, das er mir vorhielt, einen falſchen Glanz. Ich wußte ihm darauf weiter nichts zu erwidern, als daß nach meiner Auffaſſung Liebe höher ſtände als jeglicher Luxus, und daß des Kindes Platz an der Seite des Vaters ſei. Doch Herr David wollte davon nichts hören und ſagte kopfſchüttelnd:
„Nein, nein, Petronel! Meine Entbehrungen ſind zu groß, es iſt das Beſte, ich trage ſie allein; unerträglich ſchmerzlich würde es mir ſein, wenn ich erleben ſollte, daß Du ſie mit mir theilen müßteſt. Dein Vetter Ulih liebt Dich, es wäre grauſam, Dich von ihm zu trennen. Nur um das Eine bitte ich Dich, Petronel, vergiß nie, daß Du noch einen Vater haſt, der zu arm iſt, um Dich öffentlich als ſein Kind anzuer⸗ kennen; was die Welt auch ſagen und glauben mag, laß mich in Deinem Herzen nie geſtorben ſein! O, hätteſt Du nur im Geringſten eine Idee davon, was ich empfand, als ich Dich erkannte— denn ein Irrthum war unmöglich, Du trugſt ja meinen Namen,— glaube mir, Du würdeſt mich eher be⸗ dauern wie verdammen! Es iſt ein hartes Geſchick, das mich betroffen, ich hatte Weib und Kind und mußte doch einſam und kinderlos in der Welt umherirren!“ Bei dieſen Worten zog Herr David beide Hände vor die Augen.
„Ich bin Deiner ja auch nicht werth, Vater!“ ſagte ich leiſe, denn es betrübte mich innig, ihn ſo zu ſehen, und doch war ich nicht befriedigt über ihn. Seine Mittheilungen erſchienen mir glaubhaft, ich fühlte unwillkürlich, daß ich fortan Wohl und Wehe mit ihm theilen müſſe, einen Augenblick wallte ſogar mein Herz trotz meiner Liebe zu Vetter Ulih ſtolz auf bei dem Gedanken, daß außer meinem Vormund noch ein Weſen exiſtire, dem ich meinen Lebensunterhalt zu danken haben ſolle. Doch Herr David war arm, war ſehr arm, wie er eben ſelbſt geſagt, und ich, die ich zwei⸗, dreimal ſo reich war wie Viele meines Gleichen, konnte gar nichts für ihn thun!
„O, könnte ich doch, ſtammelte ich,„durch irgend etwas, was ich habe und beſitze, Ihnen helfen! Verzeihen Sie, Herr
David, es darf Sie nicht beleidigen— doch ich habe ſo viel Geld, ſo viel mehr als ich bedarf— und—“
„Du biſt ein gutes Kind,“ ſagte er,„eine gute, ſorgſame Tochter! Es iſt hart für einen Vater, von ſeinem Kinde Unterſtützung annehmen zu müſſen; nie würde ich eine Gabe von Dir als Geſchenk annehmen, aber ich ſehe es wie eine Anleihe an, liebes Kind; wenn es Dich nicht genirt, nehme ich Dein Anerbieten an, ich zahle Dir Alles zurück, ſobald es geht.“
Zitternd griff ich in die Taſche und gab ihm meine Baar⸗ ſchaft; wie hoch ſich dieſe belief, wußte ich nicht, ſah auch nicht weiter danach, ich fühlte das Peinliche unſerer beider⸗ ſeitigen Lage und hatte nur den Wunſch, Alles möglichſt raſch zu erledigen. Mein Vater ſchien jedoch meine Gefühle nicht zu theilen, ruhig öffnete er mein Portemonnaie, zählte nach, was es enthielt, und ſteckte es dann, offenbar befriedigt, zu ſich.
„Du biſt ſehr glücklich, einen ſo freigebigen Vormund zu haben; deſto beſſer für Dich. Doch jetzt muß ich nach den anderen Schülerinnen ſehen, ſonſt könnte Miß Little über meine Nachläſſigkeit klagen. Es iſt keine ſehr beneidenswerthe Lage, von dem Beifall jeder beliebigen alten Dame abhängig zu ſein! Adieu, meine Tochter!“ Damit beugte er ſich und küßte mich auf die Stirn.
Den ganzen Tag über brannte meine Stirn wie Feuer, zwanzigmal mußte ich mich daran erinnern, daß der Kuß von meinem Vater gekommen ſei und daß ich die Erinnerung daran nicht fortwiſchen dürfe!
15. Kapitel.
Die erſehnte Stunde der Aufklärung war vorüber, und doch war ich nach derſelben um kein Titelchen glücklicher als vorher. Wieder und wieder erzählte ich mir die Geſchichte des Herrn David, und war nicht im Stande, das Geringſte aufzufinden, das mir das Ganze hätte zweifelhaft machen können; das Pflichtgefühl, etwas glauben zu müſſen, was ſo augenſcheinlich meinen Gefühlen widerſtritt, ſtimmte mich unbefriedigt und unglücklich. Die Erlebniſſe meines Vaters, 29*


