Jahrgang 
1 (1879)
Seite
226
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Concordia.

auch wohl für einen gutmüthigen Menſchen gelten; doch von Pflichttreue hatte er vielleicht nie eine Spur in ſich.

Er legte dies beſonders dadurch an den Tag, daß er, ſtatt für ſeinen früheren Herrn einzutreten, dem Gegner des⸗ ſelben in dem erwähnten Streite ſeine Theilnahme ſchenkte.

Freilich war die von Weidenholz ſtets herausgekehrte Bon⸗ hommie überall nur eine große Lüge. Beſonders hatten die in ſeinem Lohne ſtehenden Leute von ſeiner Niederträchtigkeit zu leiden, und wenn Paul ihn verrieth, um ſich Römer, der ihn ſtets gut behandelt und kleine Dienſte reichlich vergolten hatte, zuzuwenden, ſo folgte er nur einem ſehr erklärlichen Triebe ſeines inneren Gefühles, wobei allerdings die Erfüllung ſeiner Pflichten in die Brüche gehen mußte.

Im Haushalte Römer's ſchien er jedoch ein Anderer zu ſein; er nahm lebhaft jedes Intereſſe ſeiner Herrſchaft wahr, erfüllte ſeine Obliegenheiten ſo willig wie pünktlich und war außerdem gegen Jedermann im Hauſe beſcheiden und gefällig.

Von der früheren Verbindung Römer's mit ſeiner jetzigen Gemahlin, vor ihrer Verheiratung mit Weidenholz, wußte Paul übrigens nichts; für ihn datirte ihre Bekanntſchaft erſt aus der Zeit nach dem Tode des Bankiers her, und ſein gegen⸗ wärtiger Herr hatte nicht nöthig gehalten, ihn eines Anderen zu belehren.

Die glückliche Zeit im Römer'ſchen Hauſe dauerte alſo, wie ſchon bemerkt, etwas über zehn Jahre, und ſo lange hielt auch Paul Graupner's vortreffliche Aufführung, ohne jeden un⸗ liebſamen Zwiſchenfall, ſtich.

Der gute Paul dämmerte eines Tages nach Ablauf dieſer Zeit im Vorzimmer zum Gemache ſeines Herrn in ſtiller Beſchaulichkeit vor ſich hin, als die Thür des erſteren geöffnet ward und ein Mann eintrat, deſſen Anblick Paul ebenſo ſehr überraſchte, wie jener durch den Anblick des Dieners überraſcht wurde. Der Letztere erholte ſich zuerſt wieder von ſeinem Staunen.

Johann, Du biſt es? rief er mit freudig verklärtem Ge⸗ ſicht;willſt Du Stellung bei uns ſuchen?

Der Andere warf einen ängſtlichen Blick nach der Thür zum Kabinet Römer's und ſchüttelte ebenfalls die Ueberraſchung von ſich, doch nicht, um ſie in freudige Empfindung übergehen zu laſſen.

Sie täuſchen ſich! ſagte er unwillig und barſch,ich bin der Bankier Falk; melden Sie mich Ihrem Herrn!

Paul ſperrte einen Augenblick Mund und Naſe auf; dann jedoch ſchlich er enttäuſcht und beſchämt davon, um zu thun, was der Fremde verlangte.

Herr Falk war in dieſem Augenblicke darauf aus, nach ſeiner Ueberſiedelung in die Reſidenz, zum Zwecke der An⸗ knüpfung von Verbindungen in derſelben, Viſiten abzuſtatten. Römer's guter Ruf hatte ihn ja auch zu dieſem geführt, in deſſen Vorzimmer er ganz unverhofft auf einen Jugendbekannten ſtoßen ſollte.

Falk ward von Römer empfangen, doch dauerte ſein Beſuch bei demſelben nicht lange. Der Letztere erkannte ſehr bald, daß Jener kein Mann für ihn ſei, und Erſterer gewahrte nicht minder ſchnell, daß Römer nicht ſo bald zu gewinnen ſein werde, wie er es ſich gedacht haben mochte. Sein Benehmen gegen den Menſchen im Vorzimmer erforderte daher um ſo mehr Vorſicht und Ueberlegung.

Als Falk ſich von Römer verabſchiedet und das Vorzimmer wieder betreten hatte, warf er einen ſpähenden Blick umher. Durch denſelben überzeugt, daß er mit dem Diener allein war, rief er einen freundlichen Ausdruck in ſeinen Zügen hervor und näherte ſich dem Manne.

Ich habe mich beſonnen und kenne Dich jetzt, Paul, flüſterte er ihm zu;ſage Deinem Herrn nichts von unſerer Bekanntſchaft, aber komm' heute Abend zu mir hörſt Du?

Ja, ja ich höre! brummte Paul mürriſch und Falk eilte davon.

Die erſte Anwandlung des jetzigen Bankiers, den guten Paul zu verleugnen, war ihm nicht ſo ſehr zu verargen; denn Beide waren keineswegs Jugendfreunde, ſondern nur Bekannte geweſen. Als Falk noch bei ſeinem Materialiſten chemiſchen Studien oblag, befleißigte ſich Paul eines flotten Straßenjungen⸗ thums. Ein Hans Ueberall und Nirgend, ward er manchmal von Falk zu kleinen Dienſtleiſtungen gepreßt und für dieſe mit Näſchereien belohnt. Als Paul einen Lebensberuf zu wählen genöthigt war, hörte dies Verhältniß wieder auf und man kam ſich aus den Augen.

Wahrſcheinlich hatte ſich Paul vorgenommen, der an ihn ergangenen Einladung nicht zu folgen; dennoch fand er ſich, vielleicht aus Neugierde, am Abend bei Falk ein und ward auf das Zuvorkommendſte von dieſem aufgenommen. Vald ſaßen Beide als die beſten Freunde an einem gutbeſtellten Tiſche, um ihr Wiederſehen recht ordentlich zu feiern.

Falk entſchuldigte ſich wegen ſeiner Zurückweiſung des erſten Grußes Paul's, fügte aber auch gleich hinzu, daß ihre Freundſchaft verborgen bleiben müſſe und ſie nur im Geheimen vertrauten Umgang pflegen dürften. Paul ſah die Richtigkeit dieſer mit guten Gründen unterſtützten Aufſtellung ein und war es zufrieden, daß man ſich ſpäter nur unter vier Augen der Intimität hingab.

Falk theilte Paul ſodann mit, daß ſein Bruder Rumſtadt

ebenfalls verlaſſen habe, doch wollte er nicht wiſſen, wohin derſelbe ſich gewendet oder verſetzt worden, und Paul ärgerte ſich, daß ihm jener davon keine Mittheilung gemacht, obwohl er ſich vielleicht in letzter Zeit ebenfalls nicht viel nach den Bruder umgethan hatte. Er beklagte ſich bitter über den Stolz des Herrn Beamten und erklärte, ſich von jetzt ab gar nicht mehr um denſelben bekümmern zu wollen. Falk lächelte zweideutig; dies Letztere war vielleicht gerade, was er beab⸗ ſichtigte.

Der nunmehrige Bankier gab ſodann ſeinem Jugendbekannten einen Abriß ſeiner Thätigkeit und der Früchte, welche ihm dieſelbe gebracht, endlich auch noch ſeines Strebens und ſeiner Hoffnungen für die Zukunft, die ſich, ſeinen Andeutungen nach, zu einer ſehr glänzenden geſtalten mußte. Der ſtaunend zu⸗ hörende Paul ſeufzte nach Beendigung dieſer Schilderung tief auf. Falk empfand infolge deſſen die Nothwendigkeit, ihn zu tröſten.

Laß Dir's nicht nahe gehen, alter Junge! ſagte er,wir können nicht Alle ein Glücksloos ziehen; es giebt außer den Hauptgewinnen auch noch geringere in der Lebenslotterie, und ich bin der Meinung, Du haſt auch etwas der Art ergriffen!

Paul ſeufzte nochmals, und war es nun, daß der genoſſene Wein bereits wirkte, oder wollte er nur verſuchen, den un⸗ behaglichen Eindruck, welchen er erhalten, abzuſchütteln, oder war ihm endlich wirklich ſo um's Herz, wie er kundgab, kurz