Jahrgang 
1 (1879)
Seite
224
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224 Concordia.

geſtellten ſeines Prinzipales war Niemand wie er durch Sprach⸗ und Weltkenntniß geeignet, das Intereſſe des Geſchäfts ent⸗ ſprechend zu vertreten.

Arwed ſchrieb während ſeiner Reiſen ſehr häufig an die Geliebte; die Antworten derſelben liefen nur ſelten bei ihm ein und blieben endlich ganz aus. Das war beunruhigend, zumal ſein Prinzipal auf ſeine Anfragen deshalb gar nicht oder nur durch frivole Scherze antwortete. Wer vermöchte aber ſeinen Schreck zu beſchreiben, als er plötzlich in einer heimiſchen Zeitung die Vermählungs⸗Anzeige ſeines Prinzipals mit ſeiner Geliebten fand. Römer glaubte erſt ſeinen Augen nicht trauen zu dürfen; er las die Anzeige immer nochmals wieder; aber ſie und ihr Inhalt blieben dieſelben und höhniſch grinſten ihn die Lettern der verhängnißvollen Worte an. Schon am anderen Tage befand er ſich auf der Reiſe nach Europa zurück. Vorher hatte er jedoch noch ein Schreiben an die Neu⸗ vermählte gerichtet und dieſes an ſeine Schweſter adreſſirt, mit der Bitte an Letztere, jenes ſeiner früheren Geliebten zu überliefern. Er bat dieſe um nichts weiter, als ihm mit⸗ zutheilen, weshalb ſie ihn aufgegeben und gerade Weidenholz ihre Hand gereicht. Die Antwort für ihn ſollte nach einer beſtimmten Hafenſtadt poste restante unter ſeiner Adreſſe ge⸗ richtet werden. Dem jungen Manne war eine eigenthümliche Ahnung gekommen.

Römer langte glücklich in Europa an; bald traf auch das erſehnte Schreiben ein und durch dieſes ward ihm ein ſchänd⸗ liches Intriguenſpiel ſeines Prinzipals enthüllt, wie es wohl ſelten im Leben vorgekommen ſein mag, welches aber der leicht⸗ lebige Herr auch vielleicht nur für einen famoſen Witz ge⸗ halten haben mochte.

Weidenholz hatte in der erſten Zeit ſeine übernommene Verpflichtung ſo pünktlich wie vorſichtig erfüllt und dadurch Marie Mohrmann kennen gelernt. Eitelkeit und Frivolität ließen jedoch bald den Wunſch in ihm auftauchen, an die Stelle ſeines Untergebenen bei Marie zu treten. Giebt es ja doch viel Leute, welche das innige Verhältniß von Liebenden aus reiner Schadenfreude zu ſtören ſuchen, und Andere, welche die banale Phraſe im Munde führen, daß in der Liebe, wie beim Pferdehandel, jeder Betrug erlaubt ſei eine Zuſammen⸗ ſtellung, welche den moraliſchen Werth ihrer Vertreter ge⸗ nügend zu kennzeichnen geeignet ſein dürfte. Weidenholz ließ alſo demgemäß ſeinen Wunſch ohne Gewiſſensſkrupel zum Ent⸗ ſchluſſe werden und führte dieſen nach allen Regeln der Kunſt aus.

Zuerſt entfernte er den begünſtigten Rival, indem er ihm zum Ueberfluß noch das Verſprechen gab, während ſeiner Ab⸗ weſenheit auch auf den Vater der Geliebten einwirken zu wollen, um denſelben zu Gunſten der Wünſche der Liebenden zu ſtimmen. Später unterſchlug er die Schreiben der letzteren und erzählte Marie Mohrmann Wunderdinge von dem Treiben gewiſſer junger Herren auf Reiſen, um der Neigung des jungen Mädchens quälende Zweifel beizugeſellen. Nebenbei ſuchte er jedoch auch ſich in das Vertrauen des Vaters zu ſtehlen, und hatte bald genug heraus, daß es mit dem Geſchäfte deſſelben ſchlecht ſtehe. Er bot in ſo raffinirt kluger Weiſe Aushilfe, daß dieſe nicht ausgeſchlagen werden konnte. Als er den alten Herrn gehörig umgarnt hatte, beging er die Schändlichkeit, die Liebenden zu verrathen, wobei er ſich als den Tugend⸗ wächter hinſtellte, welcher im Intereſſe des Vaters gehandelt,

als er anſcheinend jenen diente. Die Ueberreichung des unter⸗ ſchlagenen Briefwechſels mußte den Beweis für dieſe Be⸗ hauptung liefern. Endlich warb er ſelbſt um die Hand der jungen Dame.

Es iſt bereits auf die Sonderbarkeiten des Herrn Mohr⸗ mann hingedeutet worden. Der gute Mann achtete nicht auf die Niedrigkeit, welche ſich in der ganzen Handlungsweiſe des heuchleriſchen Freundes kundthat, ſondern nur auf den Un⸗ gehorſam der Tochter und auf die ihm durch Nichtachtung ſeines Willens von Arwed Römer vermeintlich zugefügte Be⸗ leidigung oder Kränkung. Er ſagte dem ſchurkiſchen Be⸗ werber die Hand der Tochter zu und erklärte der Letzteren im Tone des Befehles ſeine Abſichten. Als ſich Marie weigerte, auf dieſelben einzugehen, traten die nur vorläufig unterdrückten Vorwürfe für das ungerathene, undankbare Kind zu Tage; ihnen folgte die Androhung des väterlichen Fluches und end⸗ lich die Bemerkung, daß Vater und Tochter, wenn letztere ſich weigere, Weidenholz die Hand zu reichen, zum Bettelſtabe greifen könnten.

Die arme Marie befand ſich plötzlich in ganz verzweifelter Lage und Derjenige, welcher allein rathen und helfen konnte, war fern; ja es war zweifelhaft, ob er noch helfen wollte, oder überhaupt noch an ſie dachte.

Das Schweigen des Geliebten, das Mißtrauen, welches Weidenholz in Betreff deſſelben bei ihr hervorgerufen hatte, der Verrath des Letzteren, ſeine Werbung um ihre Hand, der Zorn des Vaters, das in Ausſicht geſtellte Elend jedes für ſich ſchon im Stande, die zarte Jungfrau niederzuwerfen mußten in ihrer Geſammtheit erdrückend auf ſie wirken. Marie Mohrmann verlor denn auch jeglichen Halt und ward willenlos. Wie im ſchweren Traume ſich befindend, ließ ſie Alles über ſich ergehen und war die Gemahlin eines mora⸗ liſchen Ungeheuers, ehe ſie noch recht begriff, wie es geſchehen.

Das erfuhr nunmehr Arwed Römer und noch ferner, daß der Vater Mariens vierzehn Tage nach deren Vermählung mit Reue über ſeine Beſtimmung verſtorben ſei, weil ſich nur zu bald herausgeſtellt, daß ſie nicht allein einem gemeinen Menſchen, ſondern auch einem brutalen Tyrannen geopfert worden, der es unzweifelhaft darauf angelegt habe, ſie zu Tode zu martern.

Eine Stunde nach Empfang dieſes Schreibens befand ſich Arwed Römer bereits wieder auf der Reiſe. Was er eigent⸗ lich zu thun beabſichtigte, wußte er vielleicht ſelbſt nicht. Doch in der Reſidenz angelangt, begab er ſich nur in ein Hotel, um ſeine Sachen abzulegen. Sodann eilte er in das Haus ſeines Prinzipals und trat, ohne ſich anmelden zu laſſen, in das Zimmer deſſelben.

Der Bankier ſtutzte doch einen Moment, als er den jungen Mann ſo ploͤtzlich in höchſter Aufregung vor ſich ſtehen ſah. Aber im nächſten Augenblicke ſchon brach er in ein lautes Lachen aus.

Ei, ei! wieder da?! ſtieß er hervor.Eh! das war ein Meiſterſtreich! Nicht ſo? Ihr jungen Leute kommt aus der ſchwärmeriſchen Gefühls⸗Pinſelei nicht heraus! Aber wir Alten, wir verſtehen's! bei uns heißt es: kommen, ſehen, ſiegen! wir ſind wahre Cäſar's in der Liebel! Brauchen ſich übrigens nicht zu grämen, daß Ihnen der alte Freund den lieblichen Biſſen vor der Naſe weggeſchnappt hat. Das ätheriſche Engelchen hat ſich in eine kleine Beſtie ver⸗