Concordia.
21. Kapitel. „Er kommt nicht,“ ſagte ſie.
Als der Abendtiſch bereit war, lief das Dienſtmädchen in den Vorbau und läutete eine große Glocke, die unter einer der dort befindlichen Bänke gehalten wurde— eine Glocke, die ſchrill weithin über die ſchweigenden Felder ertönte. Dieſe Mahnung brachte Michael Trevanard heim, der in ungefähr fünf Minuten erſchien, in Hemdärmeln und ſeinen Rock über einem Arme tragend, während einige Theile Heu an ſeinen Haaren und Kleidern anzeigten, womit er eben beſchäftigt ge⸗ weſen war.
„Wir haben die vierzehn Acker große Wieſe in Ordnung
gebracht, Mutter,“ ſagte der Farmer, während er an ſeinem Rocke zupfte,„und ein ſchönes Heu iſt es, ſüß wie eine Haſel⸗ nuß. Es iſt dieſes Jahr kein Mehlthau mehr zu fürchten. Und nun will ich zuſehen, daß ich mich waſche—“
Er hielt inne, überraſcht, als er den Fremden am Herde ſtehen ſah. Maurice hatte ſich erhoben, um den Herrn des Hauſes zu empfangen.
Martin erklärte die Gegenwart des Reiſenden.
„Wir haben einen Miethsmann aufgenommen, ſeit Ihr aus waret, Vater,“ ſagte er in ſeiner ruhigen Weiſe.„Die⸗ ſer Gentleman wünſcht hier zu bleiben und durch einige Tage das Land in der Umgegend zu beſichtigen, und da die Mutter meinte, er werde eine Geſellſchaft für mich ſein, und wußte, daß Ihr keinen Einwurf dagegen haben würdet, ſagte ſie Ja. Mr. Cliſſold— dies iſt der Name des Gentleman— iſt ein Freund von der Familie drüben.“
Eine Bewegung Martin's mit dem Kopfe deutete an, daß er das Herrenhaus meine.
„Jeder Freund des Squire, wie Jeder, den die Mutter aufnimmt, iſt willkommen hier, mein Junge, denn ſie iſt die Herrin im Hauſe,“ antwortete Mr. Trevanard.„Seid beſtens willkommen, Sir.“
Der Farmer ging hinaus in einen der hinteren Theile des Hauſes, wo man unmittelbar darauf ein energiſches Pum⸗ pen und Plätſchern und ein Geräuſch hörte, als ob ein Pferd abgerieben würde, worauf Mr. Trevanard wieder erſchien, roth wie ein geſottener Krebs im Geſichte und tiefaufathmend nach ſeinem anſtrengenden Reinigungsprozeſſe.
Er war ein fein ausſehender Mann, mit einem Geſichte, deſſen Züge einen patriziſchen Typus zeigten, und die breite, freie Stirn erweckte ſofort Achtung und Vertrauen. Dieſe aufrichtige Miene mußte einem Manne angehören, der jeder Täuſchung unfähig war, einem Manne, der ohne andere Bei⸗ hilfe reich werden konnte.
Nun ſetzte man ſich zu Tiſche; aber die alte blinde Mutter behielt ihren Sitz in dem ſchattigen Winkel und verzehrte ihr Souper abſeits. Es beſtand nur in einer Schale Rindſuppe, mit geſchnittener Peterſilie beſtreut, welche die alte Frau lang⸗ ſam ſchlürfte, während die Anderen ein kräftigeres Mahl ver⸗ zehrten.
Maurice hatte ſeit Mittag nichts gegeſſen und erwies dem Mahle alle Gerechtigkeit, das aus gepökeltem Rindfleiſch, einem prächtigen Lendenſtücke, friſchem Kopfſalat, Stachelbeer⸗Kuchen und geronnenem Rahm beſtand. Er und Martin ſprachen während des ganzen Abendmahles, während die Hausmutter vorſchnitt und der Farmer ſich ganz den Tafelfreuden überließ und
ſeinen ſtarken Cider nach den Mühen des Tages mit ſtillem Vergnügen trank.
„Es giebt keinen beſſeren Ort als ein Heufeld, um einen Mann durſtig zu machen,“ ſagte er, gleichſam ſich entſchuldigend, nachdem er einen ſeiner tiefen Züge gethan;„und ich kann das leichte Zeug nicht trinken, das die Mutter den Arbeitern ſendet.“
Martin ſprach von der Jagd und dem Bootfahren. Er hatte ſein eigenes kleines Fahrzeug und war dieſem Ver⸗ gnügen leidenſchaftlich zugethan. Gelegentlich kam das Ge⸗ ſpräch auf den Squire von Penwyn.
„Er reitet gut,“ ſagte Martin,„aber ich glaube nicht, daß er der Jagd beſonders zugethan iſt. Er bemüht ſich, populär zu werden, und iſt der beſte Herr, den es jemals auf dem Gute gab.“
„Und iſt er populär?“ fragte Maurice.
„Nun, darüber weiß ich kaum, was ich ſagen ſoll. Ich weiß nur, daß er es ſein ſollte. Es iſt ſchwer, es allen Leu⸗ ten recht zu machen. Einige ſagen, daß ſie den alten Squire beſſer leiden mochten, obgleich er nicht halb ſo generös war und manche Geſellſchaft nicht der Mühe werth hielt, ein Wort an ſie zu richten. Er hatte eine ganz eigene Art, mit den Leuten zu reden. Und dann erinnern ſich Manche an Mr. George und thun, als ob der neue Herr ein Eindringling wäre. Sie ſagen, er hätte nicht in den Beſitz kommen ſollen. Die Vorſehung konnte niemals die Abſicht gehabt haben, daß dem Sohne des jüngſten Sohnes Penwyn zufalle. Die Leute ſind eben voll ſeltſamer Phantaſien.“
„So ſcheint es. Aber Mrs. Penwyn iſt wohl beliebt?“
„Ja, ſie hat in kürzeſter Zeit alle armen Leute zu ihren Freunden gemacht. Und dann iſt ſie eine große Schönheit; die Leute gehen meilenweit, um ſie zu ſehen, wenn ſie, von ihrem Gemahl begleitet, ausfährt. Auch hat ſie eine Schweſter, die nach meiner Meinung noch hübſcher iſt.“
Martin verſprach, ſeinem neuen Freunde Alles zu zeigen, was auf zwanzig Meilen um Borcel⸗End ſehenswerth ſei. Er wollte am nächſten Morgen, direkt nach dem Frühſtück, einen Wagen bereit halten, und die Frühſtückszeit auf der Farm war punkt ſechs Uhr. Maurice war erfreut über den freund⸗ lichen Mann, und dachte, daß er auf einen ſehr angenehmen Haushalt getroffen.
Mrs. Trevanard war ohne Zweifel etwas ſtreng und zurückhaltend in ihrem Benehmen, aber ſie war doch auch nicht gerade unhöflich, und Mr. Cliſſold fühlte, daß er fähig ſein könne, ſehr wohl mit ihr auszukommen.
Sie hatte ein Gebet vor dem Mahle geſprochen, und ſie unterbrach das Geſpräch der beiden jungen Männer, um nach der Mahlzeit eine Dankſagung zu verrichten. Es war dies ein langes Gebet im Tone der Methodiſten, mit einer An⸗ ſpielung auf Eſau's Linſengericht.
Nach dieſem Gebet begab ſich Mrs. Trevanard die Treppe empor, um die Herrichtung eines Zimmers für den Fremden zu beaufſichtigen. Die Großmutter verſchwand zu derſelben Zeit, hinweggeführt von der Dienſtmagd, und die drei Männer ſetzten ſich an den Herd, zündeten ihre Pfeifen an und rauch⸗ ten und plauderten in ſehr freundlicher Weiſe durch die nächſte halbe Stunde. Sie ſprachen noch heiter, als Frau Trevanard mit einer Kerze in der Hand wieder herabkam. Sie hatte einen der ſilbernen Leuchter hervorgeholt, die ein Theil ihres


