Jahrgang 
1 (1879)
Seite
221
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Concordia. 221

Seine Mutter zögerte noch aber nach einer Pauſe ſagte ſie:Nun wohl, Sir. Ihr könnt die Nacht bleiben, und nach⸗ her ſolange als es Euch gefällt, zu einem billigen Preiſe ſagen wir eine Guinee für die Woche, für Eſſen, Trinken und Schlafen, und eine Kleinigkeit für die Dienerin, wenn Ihr fortgeht.

Auch als ſie beiſtimmte, ſchien die Frau nur zögernd nach⸗ zugeben, als ob ſie etwas bewillige, von dem ſie wußte, daß ſie es verweigern ſollte.

Eure Bedingungen ſind die Billigkeit ſelbſt, Madame, und ich danke Euch. Ich will nun meine kleine Führerin fort⸗ ſenden.

Er ging hinaus in die Vorhalle, wo Elsbeth wartend ſaß und ohne Zweifel das Geſpräch belauſcht hatte. Maurice belohnte ihre Dienſtfertigkeit extra mit etwas kleiner Münze und entließ ſie. Sie eilte durch die nun zunehmende Finſter⸗ niß fort, leichtfüßig wie ein junges Reh. Maurice fühlte ſich merklich beruhigt, nachdem die Frage wegen einer Unterkunft gelöſt war. Er ſetzte ſich in einen Armſtuhl an den Herd und ſtreckte ſeine Beine gegen die rothe Gluth aus, mit dem Gefühle angenehmer Behaglichkeit.

Iſt irgend ein Burſche da, der für eine entſprechende Belohnung nach derGlocke im Dorfe Penwyn gehen vürde, um meine Reiſetaſche zu holen? fragte er.

Es war ein Kühjunge da, der, wie es ſchien, dieſen Dienſt leiſten konnte, und Martin ging ſelbſt hinaus, um nach dem bäuerlichen Merkur zu ſehen.

Er iſt ein gutherziger Junge, mein Sohn, ſagte Mrs. Trevanard,aber voll Phantaſien. Das kommt von der Müßigkeit und zu viel Erziehung, ſagt ſein Vater. Seine Großmutter dort lernte niemals Leſen und Schreiben; ſie und ihr Gatte waren es, die Borcel⸗End zu dem machten, was es iſt.

Einer Kopfwendung von Mrs. Trevanard folgend, be⸗ merkte er ein Objekt, welches er in der Dunkelheit des Zim⸗ mers für ein Möbelſtück gehalten, das aber in Wirklichkeit ein Stück Menſchheit war eine alte Frau, in einen dunklen Anzug gekleidet, unter deren ſchwarzer Seidenhaube nur ein ſchmaler weißer Streifen hervorſah, und die ein altes rothes Taſchentuch um ihre Schultern geſchlungen hatte. Sie hatte knochige Hände, deren runzelige Finger mit mechaniſcher Regelmäßigkeit ſich mit dem Stricken eines Strumpfes be⸗ ſchäftigten.

Ei, ſagte eine zitternde Stimme,ich kann nicht leſen und ſchreiben das will ſagen, ich konnte es auch nicht, als ich noch mein Augenlicht hatte aber unter uns, Michael und ich machten Borcel⸗End zu dem, was es iſt. Junge Leute verſtehen die Weiſe der Alten nicht ſie haben Diener, damit dieſe ihnen aufwarten, und ſpielen Klavier aber es kommt wenig Gutes heraus.

Iſt ſie blind? fragte Maurice die jüngere Mrs. Tre⸗ vanard leiſe flüſternd.

Das ſcharfe Ohr der alten Frau hörte aber doch dieſe Frage.

Stockblind, Sir, ſeit den letzten achtzehn Jahren. Aber der Herr iſt gütig gegen mich geweſen. Ich habe eine an⸗ genehme Heimſtätte und gute Kinder; ſie weiſen mich nicht

aus dem Hauſe, obgleich ich ein ſo unnützes Geſchöpf bin.

Maurice kam es vor, als ſei jetzt das Zimmer etwas weniger angenehm, mit der dunklen Geſtalt in der finſteren Ecke jenſeits der Gluth des Herdfeuers. Die alte Frau mit

ihren geſichtsloſen Augäpfeln und den nie ruhenden Fingern, die ein endloſes Gewebe webten, kam ihm ſo düſter vor, wie Klotho ſelber.

Eine dicke, rothwangige Magd kam jetzt herein und be⸗ ſchäftigte ſich mit Vorbereitungen zum Abendmahl, eine an⸗ genehme Abwechſelung nach der kleinen traurigen Epiſode. Sie zündete ein Paar große Talgkerzen in großen kupfernen Leuchtern an, welche das große niedrige Zimmer ſchwach be⸗ leuchteten. Die mit Holzgetäfel verſehenen Wände waren durch Rauch und die Zeit geſchwärzt und von den Balken, welche die niedrige Decke ſtützten, hing ein ganzer Wald von Schinken, während geräucherte Speckſeiten die Ecken ſchmückten, wo man weniger Gefahr lief, mit dem Kopfe daranzuſtoßen. Jeder Gegenſtand in dem Zimmer gehörte mehr zu dem Nützlichen als Schönen. Und doch lag für Maurice's hieran ungewohntes Auge etwas Angenehmes in dieſer alten häuslichen Einrichtung.

Er benützte das Erſcheinen des Lichtes, um einen Blick auf das Angeſicht ſeiner Wirthin zu werfen, während ſie der Magd half, das Tiſchtuch aufzulegen und Fleiſchſpeiſen auf den Tiſch zu ſetzen. Brigitta Trevanard war gegen fünfzig Jahre alt, hatte aber noch wenig Runzeln auf der großen Stirne, wie um die Augen und den Mund. Sie war groß, üppig und breitſchulterig, ſah aus, als ob ſie wenig weibliche Schwächen hätte, weder moraliſche noch phyſiſche. Der musku⸗ löſe Arm und die breite offene Bruſt zeugten von beinahe männlicher Stärke. Ihre Haut war hel und rein, ihre Naſe breit und dick, aber in ihrer Art ſchön geformt, ihre Unter⸗ lippe voll und feſt, wie aus Eiſen gedreht, die Oberlippe lang, gerade und dünn. Ihre Augen waren dunkelbraun, leuchtend und hatten einen harten Ausdruck und den ſcharfen, durch⸗ dringenden Blick, von dem man ſprichwörtlich ſagt, er ſähe durch ein Bret und bei Gelegenheit auch durch Steinmauern. So dachten wenigſtens die Dienſtleute zu Borcel⸗End.

Sie war ein muſterhaftes Farmersweib, dieſe Frau Tre⸗ vanard, eine ſtrenge Herrin, doch nicht ungerecht oder un⸗ freundlich, eine ſtolze Frau, und nach ihrer eigenen Meinung von großem religiöſen Eifer. Eine Frau, die das Geld liebte, aber nicht des Geldes wegen, ſondern weil es dem Ehrgeize diente, den ſie immer gehegt, den nämlich, reſpektabler zu ſein, als ihre Nachbarn. Der Wohlſtand gilt für reſpektabel, daher mühte ſich Frau Trevanard ab und ſpann und hörte niemals auf zu arbeiten, um Geld zu gewinnen. Sie war die be⸗ wegende Kraft zu Borcel⸗End. Ihre überlegene Energie machte Michael Trevanard, einen von Natur aus etwas trägen Mann, zum geduldigen Sklaven ihres Willens. Martin war der Einzige zu Borcel⸗End, der ihrem Einfluſſe manchmal entfloh. Für ihn bedeutete das Leben Nachſicht gegen ſeine Träume und gerade nur ſoviel Arbeit, daß dieſe ihm Appetit machte für ſeine Mahlzeiten. Er fuhr mit dem Wagen nach der Mühle oder beaufſichtigte die Leute beim Heumachen und bei der Ernte. Er liebte es auch, den Markt zu beſuchen, und war gewandt, irgend einen Handel abzuſchließen, aber gegen die Alltags⸗ plackereien des Farmerlebens hatte der junge Trevanard eine tiefgewurzelte Abneigung. Er hatte ein gutes Ausſehen, war gutmüthig, hatte eine ſchöne Haltung, ſang gut und pfiff beſſer, als irgend ein Menſch im ganzen Umkreiſe; dabei war er allgemein beliebt. Die Leute ſagten, das gute Blut der alten Trevanard's zeige ſich in Martin.