Jahrgang 
1 (1879)
Seite
220
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Concordia.

ein Ziergarten geweſen, trieb ſich eine Anzahl munterer Ferkel umher. Einige Ueberbleibſel einer Baumreihe und einer Taxus⸗ hecke markirten noch die Grenze dieſes alten Vergnügungsplatzes, aber alles Andere war verſchwunden unter den geſpaltenen Hufen dieſer unreinen Thiere.

Obgleich der Hofraum der Farm auf allen Seiten Zeichen von bäuerlichem Wohlſtande zeigte, hatte das Haus ſelbſt doch ein vernachläſſigtes Ausſehen. Die Wände waren vom Wetter geſchwärzt und das Holzwerk ſchien morſch wegen Mangel eines Anſtriches. Geflügel pickte den Mörtel unter den ver⸗ gitterten Fenſtern und auch in dem Vorbau, und ein herum⸗ vagabundirendes Schweinchen wühlte mit ſeiner ſchwarzen Naſe zwiſchen den Wurzeln eines einſamen Roſenbuſches, der auf dem nackten Erdreich noch übrig geblieben war. Borcel⸗End, in dieſem Zuſtande geſehen, war kaum eine Heimſtätte, die einen Reiſenden anziehen konnte.

Ich halte nicht viel von Eurem Borcel⸗End, ſagte Mau⸗ rice mit einer mißmuthigen Miene.Aber ich will ſeine Gaſt⸗ freundlichkeit verſuchen.

20. Kapitel. Aeber Allem ſchwebt da Zurcht und Schatten.

Mr. Cliſſold trat in den ebau und zerſtreute nach rechts und links das furchtſan wiragel. Als dieſes gackernd fort⸗ eilte, wurde die Hau Hur, welche angelehnt war, von einer Frau mittleren Alters weiter geöffnet, die mit Stirnrunzeln auf den Eintretenden blickte.

Wir kaufen niemals etwas von Hauſirern, ſagte ſie ſcharf.Es nützt nichts, wenn Ihr hereinkommt.

Ich bin kein Hauſirer und ich habe nichts zu verkaufen. Ich befinde mich auf einer Fußreiſe durch Cornwall und wünſche einen Platz zu finden, wo ich mich etwa eine Woche oder länger aufhalten könnte, um von da aus mich im Lande umzuſehen. Ich bin darauf vorbereitet, für ein reinliches wohnliches Quartier einen ſchönen Preis zu zahlen. Die Haushälterin zu Penwyn ſagte mir, ich möchte es hier ver⸗ ſuchen.

Dann hat ſie Euch zum Beſten gehabt, erwiderte die Frau.Wir nehmen keine Miethsleute.

In der Regel vielleicht nicht, aber ich hoffe, daß Sie zu meinen Gunſten eine Ausnahme machen werden.

Maurice Cliſſold hatte eine angenehme Stimme und ein angenehmes Lächeln. Mrs. Trevanard ſah ihn zweifelhaft an und fühlte ſich etwas beſänftigt durch ſein Benehmen. Und dann hatte kein Trevanard es je verſchmäht, ein Stück Geld ehrlich zu verdienen. Sie waren nicht dadurch reich geworden, daß ſie Gelegenheiten zu kleinen Gewinnſten abwieſen.

Nun, Mutter, rief eine heitere Stimme von innen, während ſie noch zögerte,Ihr könnt ſchon den Gentleman auffordern, einzutreten und ſich zu ſetzen. Das wird uns keinen Nachtheil zufügen.

Nun denn, Ihr könnt eintreten und Euch ſetzen, Sir, wenn es beliebt, ſagte Mrs. Trevanard mit einer etwas un⸗ willigen Miene.

Maurice überſchritt die Schwelle und befand ſich in einem großen mit Steinen gepflaſterten Zimmer, das einſt die Halle geweſen und nun zur Wohnung diente. Eine Treppe mit einer maſſiven ſchwarzbemalten Baluſtrade nahm eine Seite

des Raumes ein; auf der anderen befand ſich ein mächtiger Kamin, mit einem Sitze auf jeder Seite des breiten Herdes, an dem man ſich in Winternächten ganz wohl befinden mochte. Der Anblick des Feuers war auch an dieſem Sommerabende angenehm.

Ein junger Mann groß, breitſchulterig, von gutem Ausſehen, in einem Anzuge von Felbel, der ihm etwas von dem Ausſehen eines Wildhüters gab, ſtand nahe dem Herde und reinigte ein Jagdgewehr. Er war es, der eben geſprochen, Martin Trevanard, der einzige Sohn des Hauſes und dabei das einzige lebende Geſchöpf, das irgend einen Einfluß auf ſeine Mutter hatte. Stolz beherrſchte ſie, Religion oder Bigotterie hatten Gewalt über ſie, Gold war es, was den ſtärkſten Einfluß auf ſie übte. Aber in der ganzen Menſch⸗ heit gab es nur ein Individuum, um das ſie ſich außerdem kümmerte, und dieſer Eine war Martin.

Setzt Euch und thut, als ob Ihr zu Hauſe wäret, ſagte der junge Mann herzlich.Ihr ſeid wohl weit gegangen?

So iſt es, antwortete Maurice,aber ich wünſche nicht, irgendwo zu ruhen, bis ich ſicher bin, daß ich ein Obdach für die Nacht erhalte. Es gab kein Zimmer für mich in der Glocke zu Penwyn, aber ich ließ meinen Reiſeſack dort, denn ich dachte, daß ich doch gezwungen werden könnte, nach dem Dorfe zurückzukehren. Dann iſt ein Mädchen draußen, eine Enkelin der Thorwächterin von Penwyn, die meine Führerin war und mein Schickſal wiſſen möchte, ehe ſie heimkehrt. Was könnt Ihr mit mir thun, Mrs. Trevanard? Ich bin nicht wähleriſch. Gebt mir ein Gebund Stroh in eine von Eueren Scheuern, wenn Ihr nicht geneigt ſeid, mich im Hauſe zu behalten.

Seid doch nicht ungefällig, Mutter, ſagte der junge Mann.Ihr habt es da mit einem Gentleman zu thun. Das ſieht man auf den erſten Blick.

Das iſt Alles ſehr gut, Martin; aber was wird Dein Vater ſagen, wenn wir einen Fremden aufnehmen, ohne nur auch ſeinen Namen zu kennen?

Mein Name iſt Cliſſold, ſagte der Auſuchende, eine Karte aus ſeinem Taſchenbuche nehmend und ſie auf den Tiſch von polirtem Buchenholz werfend, dem einzigen ſchönen Möbelſtücke im Zimmer. Es war dies ein maſſiver langer Tiſch, groß genug, daß zwölf bis vierzehn Perſonen daran ſitzen konnten. Da iſt mein Name und meine Adreſſe. Und was eine Voraus⸗ bezahlung betrifft er legte einen Sovereign neben die Karteda iſt ſie für ein Nachtquatier und eine kleine Er⸗ friſchung.

Steckt Euer Geld ein, Sir. Ihr ſeid wohl ein Freund von Mr. Penwyn, denke ich? fragte Mrs. Trevanard noch zweifelhaft.

Ich kenne den gegenwärtigen Mr. Penwyn, aber ich kann mich nicht ſeinen Freund nennen. Der arme James war mein nächſter und theuerſter Freund, mein Adoptiv⸗Bruder.

Laßt den Gentleman bleiben, Mutter. Wir haben Zim⸗ mer genug in dieſem alten düſteren Hauſe. Ein friſches Ge⸗ ſicht hellt es immer ein wenig auf, und es iſt gut, zu hören, was in der Welt vorgeht. Der Vater iſt immer zufrieden, wenn Ihr es ſeid. Ihr könnt dem Gentleman das alte Zim⸗ mer am Ende des Korridors geben. Ihr braucht Euch nicht zu fürchten, Sir, wir haben keine Geiſter in Borcel⸗End, ſetzte Martin lachend hinzu.