Jahrgang 
1 (1879)
Seite
212
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212 Concordia.

falls bezweckte der Geheimrath nur damit, die Papiere in ſeinen Beſitz zu bringen, die Ew. Durchlaucht jetzt entgegenzunehmen geruhten, um dann ungeſtörter gegen meinen edlen Vormund und mich agiren zu können.

Ihr Vormund Elsner hat mit Ihrem Gelde, wie ich höre, arge Mißwirthſchaft getrieben und einen großen Theil deſſelben in eigenen Spekulationen verausgabt.

Durchlaucht ſind falſch unterrichtet, entgegnete Edgar, und nun erzählte er dem Fürſten den ganzen Vorgang.

Er verſchwieg nicht, wie der Geheimrath ſeinen Bruder als Werkzeug gegen Elsner gemißbraucht, wie dieſer bei der Exekution von den Beamten gereizt und inſultirt worden war, und zwar ſchilderte er Alles in einer ſo hinreißenden Sprache, mit ſolcher Gefühlswärme, daß der Fürſt tief ergriffen war.

Lange unterhielt ſich der Fürſt auf die leutſeligſte Weiſe mit Edgar und gab ihm die Verſicherung, daß er bemüht ſein werde, dem alten Blumau und Elsner zu ihrem Rechte zu verhelfen, und mit den huldvollſten Ausdrücken wurde Edgar entlaſſen.

Der Fürſt ſetzte ſich wieder an den Schreibtiſch und las die ihm von Edgar überreichten Papiere nochmals durch. Zu wiederholten Malen ſprang er bei dieſer Arbeit entrüſtet auf und dunkle Zornesröthe bedeckte ſein Geſicht.

Der Eintritt ſeines Flügeladjutanten unterbrach ihn.

Durchlaucht, meldete dieſer,ich habe Hochdero Ordre gemäß den Greis hierhergebracht.

Wo iſt er? fragte der Fürſt raſch.

Er ſitzt im Wagen und harrt Ew. Durchlaucht Befehle.

Gut! Führen Sie ihn die hintere Treppe herauf, in mein Zimmer, und ſorgen Sie dafür, daß ihn Niemand ſieht.

Der Adjutant ſalutirte und ging.

Das Wohnzimmer des Fürſten ſtieß an das Arbeitszimmer, in welchem er ſich jetzt aufhielt, und wenige Augenblicke darauf hörte er, wie der Greis und der Adjutant dort ein⸗ traten.

Der Fürſt ließ die Portiére herab, und kaum war dies geſchehen, ſo trat der Offizier der Wache mit dem Geheim⸗ rathe ein.

Nachdem der Offizier entlaſſen worden war, nahm der Fürſt die Blumau's Vermögen betreffenden Rechnungen in Empfang und las dieſelben durch.

Sie haben, begann er nach der Durchſicht,pro Jahr die Summe von fünfhundertundzwanzig Thalern für Ver⸗ pflegung und Beköſtigung Blumau's verrechnet, und hat dem⸗ nach der Greis wohl eine recht gute Pflege gehabt?

Gewiß, Durchlaucht! entgegnete der Geheimrath mit un⸗ ſicherer Stimme,er hat jede, ſeinem Vermögen und ſeinem Stande angemeſſene Verpflegung gehabt.

Ich höre aber zu meinem großen Erſtaunen, daß der arme alte Mann gar nicht irrſinnig geweſen ſein ſoll

Durchlaucht wollen die bei den Akten befindlichen Zeug⸗ niſſe einzuſehen geruhen. Dort iſt der Nachweis geliefert, daß der Greis völlig irrſinnig war.

Er ſoll gleich einem Verbrecher bei ſchlechter Koſt ein⸗ gekerkert geweſen ſein!

O, Durchlaucht, das kann nur der Haß meiner Feinde verbreitet haben, um mich bei meinem gnädigſten Fürſten zu verdächtigen! Ach, wenn doch der unglückliche Greis nicht entwichen wäre! Er würde mir das Zeugniß geben müſſen,

daß jeder ſeiner Wünſche erfüllt worden iſt und daß er die beſte Behandlung gehabt hat.

Der Fürſt berührte die Glocke und im nächſten Augen⸗ blicke trat Blumau, geführt von dem Adjutanten des Fürſten, ein.

Die Wangen des Geheimraths bedeckte plötzlich fahle Bläſſe; am ganzen Körper zitternd, taumelte er einige Schritte zurück und rief:

Großer Gott, Blumau!

Kennen Sie den unglücklichen Greis, Elender? donnerte ihm der Fürſt zu.Kennen Sie auch dieſe Schriftſtücke? fuhr er fort, indem er dem Geheimrathe die von Edgar empfangenen Briefe vorhielt.

Der Geheimrath bedeckte einen Augenblick das Geſicht mit den Händen, dann ſtürzte er vor dem Fürſten nieder und rief:

Gnade, Durchlaucht, Gnade!

Der Fürſt wandte ſich entrüſtet von ihm ab und ſprach:

Dem Schurken die gerechte Strafe! Herr Adjutant, fuhr er fort,der vormalige Geheimrath von Salfeld iſt Ihr Gefangener; bringen Sie ihn zur Wache!

Er reichte dem alten Blumau den Arm und fuͤhrte ihn nach dem Zimmer zurück.

Den Geheimrath aber ſchloſſen bald darauf die ei Gni⸗ mauern ein.

Im Elsner'ſchen Hauſe war Agnes am Mn nen beſchäftigt, das Tiſchchen der Mutter mit Blume d Liebes⸗ gaben zu ſchmücken. Aber die Blumen hingen faſt ebenſo traurig die kleinen Köpfchen, als die holde Spenderin. In Agnes' Augen glänzte eine Thräne der Wehmuth. Ach, wie feſtlich war der Geburtstag der Mutter ſonſt gefeiert worden und heute? Der Vater war noch immer nicht zurück und in den trüben Verhältniſſen hatte ſich nichts zum Beſſeren ge⸗ wendet.

Endlich war die Schmückung des Tiſchchens beendet. Agnes wiſchte ſich die Thränen aus den Augen und rief die Mutter herbei.

Sie trat bewegt ein. Wie hatte die unglückliche Frau in den ernſten Tagen gealtert! Ihr Haar war ſilberweiß ge⸗ worden und tiefe Falten auf der Stirn legten von den herben Qualen, von den ſchlaflos durchweinten Nächten der letzten Zeit ein beredtes Zeugniß ab.

Mutter und Tochter umarmten ſich innig und aus Beider Augen floſſen Thränen.

Kaum hatte die Mutter die Liebesgaben beſichtigt, ſo traten Edgar und Arthur ebenfalls mit reichen Spenden ein und legten ſie mit herzlichen Wünſchen vor die bewegte Frau hin.

Wie ein Unglück ſelten allein kommt, ſo iſt es auch mit dem Glücke. Kaum hatte Edgar die Hoffnung ausgeſprochen, daß Elsner bald zurückkommen müſſe, ſo hielt ein Wagen an der Thür und wenige Augenblicke darauf lag der ſo lang⸗ entbehrte Gatte und Vater in den Armen der Seinen.

Der Gattin aber war die Freude zu unverhofft gekommen. Sie ſank nach der erſten Begrüßung auf ein Fauteuil.

Erſchrocken eilte ihr Agnes zu Hilfe, doch der Vater hob die Gattin auf, drückte ſie an ſein Herz und ſprach: